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Noch immer sind Betreuungsplätze für unter Dreijährige in Mainz Mangelware. Wer das nötige Kleingeld hat, gibt den Spross in die Tagespflege. Doch auch hier müssen sich die Eltern weit hinten anstellen. Ein Besuch bei einer Mainzer Tagesmutter und ihren Schützlingen.

Von Susann Schädlich (Text) und Maike König (Fotos)

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Veronika Siedle kümmert sich um fünf Kinder zwischen 1 und 3 Jahren.

Hier wohnen Schneewittchen und die sieben Zwerge – Letztere würden sich jedenfalls in der kleinen Erdgeschosswohnung von Veronika Siedle inmitten der Mainzer Neustadt so richtig wohlfühlen: Ein Holzbänkchen, auf dem ein Erwachsener nur mit Mühe sitzen kann, froschgrüne Drehsessel, eine Minirutsche. Alles ist hier für ganz kleine Menschen maßgeschneidert. Veronika Siedle wohnt hier zwar, ist aber weder kleinwüchsig, noch hat sie eine besondere Vorliebe für unbequeme Wohnkonzepte. Die 45-Jährige ist eine von derzeit 95 Mainzer Tagesmüttern und -vätern. Und so verwandelt sich ihre Wohnung jeden Tag zwischen 8 bis 16 Uhr zu ihrem Arbeitsplatz. Bis zu fünf Kinder im Alter von ein bis drei Jahren robben dann durch die kunterbunten Räume.

Foto: Maike König

Für die Kinder ist die Wohnung ein Spielparadies.

Warum Veronika Siedle Tagesmutter geworden ist, erklärt sie hier: Warum Veronika Siedle Tagesmutter geworden ist.

Die Ruhe vor dem Sturm

An diesem Morgen erwartet Veronika alle fünf Kinder, die zurzeit bei ihr angemeldet sind. „Im Moment ist noch niemand da. Meist trudeln die ersten gegen acht gemeinsam mit ihren Eltern ein“, erklärt die resolute Pädagogin. Zeit für einen letzten Kaffee und ein kurzes Durchatmen, bevor die Arbeit beginnt. Mehr als fünf Fremdsprösslinge darf eine Tagesmutter laut Gesetz nicht gleichzeitig betreuen. Die Nachfrage ist groß: Bis zu zwanzig Familien stehen in der Regel auf der Warteliste für einen Betreuungsplatz bei Veronika Siedle.

Jonas sucht den Bagger

Ein schrilles RRRRRRing läutet den Arbeitstag von Veronika Siedle ein. In der Tür fixiert sie wissend ein blaues Augenpaar – „Bagger!!!!“ fordert der eineinhalbjährige Jonas. „Hallo Jonas“, begrüßt die Tagesmutter ihren Schützling. Der tapst sofort in Richtung Spielzimmer und macht sich auf die Jagd nach dem begehrten Gefährt. Danach erst ist Herr Lips, Jonas‘ Papa und Angestellter im Hessischen Landtag, an der Reihe. Zeit zum Plaudern müssen die Eltern am Morgen oft mitbringen. „Die Übergabe dauert immer etwas länger, als das zum Beispiel in einer Kita der Fall ist“, bestätigt Jonas‘ Vater. Regelmäßige Gespräche mit der Tagesmutter gehören in einer solch kleinen Gruppe einfach dazu. „Die große Nähe hier ist auch ein Vorteil der Tagespflege. Für so einen kleinen Menschen ist der Einstieg dann viel leichter. Er kann sich einfacher an vier andere Kinder gewöhnen als an 20“, ist sich Herr Lips sicher.

Jonas und sein Papa.

Herr Lips über die Vorteile einer Tagespflege für unter Dreijährige: Herr Lips über die Vorteile einer Tagespflege für Unterdreijährige

Eine Alternative zur Betreuung  in der Tagespflege hatte Familie Lips nicht. „Wir haben uns nicht aktiv für die Tagesbetreuung entschieden, sondern schlicht keinen Krippenplatz bekommen“, klärt Lips auf. Jonas sollte schon mit knapp einem Jahr in eine Betreuung gegeben werden. Für ihn hatte die Stadt Mainz aber keinen Krippenplatz, denn die vergibt sie zuerst an Kinder aus besonders bedürftigen Familien, also an Sprösslinge von Alleinerziehenden oder aus Familien mit geringem Einkommen. Übersetzt heißt das: Familien wie die Lips, in denen die Partner das Kind gemeinsam aufziehen und gleichzeitig über ein relativ hohes Familieneinkommen verfügen, haben praktisch keine Chance auf einen städtischen Krippenplatz. Jonas hat inzwischen das Objekt seiner Begierde ausfindig gemacht. „BAGGER!!!“ japst er euphorisch. Von einem auf das andere Bein tippelnd, hält er das Plastikgefährt seinem Papa unter die Nase. Liebevoll streicht ihm der Vater über den blonden Schopf.

Wer auserwählt ist, darf auch rutschen

Wie schwierig es ist, überhaupt nur den Versuch zu starten, Berufstätigkeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, weiß auch die Mutter von Hannah. „Als ich die Tagesmutter Veronika kennenlernte, da brauchte ich ganz viel Geduld und Spucke“, erklärt die Mutter des eineinhalbjährigen Lockenkopfs. Denn das Bewerbungsverfahren um einen Tagespflegeplatz ist knallhart. Mit Hannah warteten etwa 20 andere Kinder auf den gleichen Platz bei Veronika Siedle. „Zuerst landete ich auf dem Anrufbeantworter und dann gab es ein ausführliches Bewerbungsgespräch am Telefon.“ Später trafen sich Mutter, Tagesmutter und Kind zum Vorstellungsgespräch. Das alles lange bevor es überhaupt losgehen sollte und ohne Garantie auf Erfolg. „Ich habe erst vier Wochen, bevor ich wieder anfangen wollte zu arbeiten, gewusst, dass Hannah hier untergebracht sein wird“, sagt die 39-Jährige inzwischen erleichtert.

Hannahs Mutter über Reaktionen auf die frühe Tagespflege für ihre Kinder: Hannahs Mutter über Reaktionen auf frühe Tagespflege

Seit einem halben Jahr ist Klein-Hannah nun vier Mal pro Woche bei Veronika Siedle und saust dann am liebsten, auch heute, vor Freude glucksend über die Holzrutsche. Ein kurzes Vergnügen – denn inzwischen sind auch die anderen Kinder gekommen.

Hannah zeigt ihrer Mutter ihre Rutschkünste Foto: Maike König

Hannah zeigt ihrer Mutter ihre Rutschkünste.

Ein harter Kampf entbrennt: Schieben, Jaulen, Schubsen. Fast gibt es Tränen. Hannahs Mutter kann schlimmere Gefechte gerade noch verhindern, indem sie einen Abschiedskuss fordert.

So klingt der Ärger bei den Kleinsten: So klingt der Ärger bei den Kleinsten

Raus in den Matsch

Die Eltern sind inzwischen außer Reichweite, die Kinder ganz und gar Tagesmutter Veronika überlassen – oder umgekehrt? Hannah, Jonas, Theo, Annika und Paul* wollen raus auf den Spielplatz. Dazu müssen sie rein in die Matschhose. „Jedes Kind hat seinen persönlichen Schrank bei mir, die Matschhose ist Pflicht.“ Wie die Orgelpfeifen haben sich die kleinen Rabauken aufgereiht, wurschteln sich in ihre Jacken und Schuhe, helfen sich gegenseitig. „Die Gruppe muss gut zusammenpassen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass ich die Kinder sorgfältig auswähle. Der Anteil von Jungen und Mädchen muss sich die Waage halten und auch vom Alter her muss es in etwa passen“, begründet die Pädagogin die strenge Auswahl der Kinder.

Bevor es auf den Spielplatz geht, sollen die Kinder noch ein Liedchen trällern. Das muss aber noch ein bisschen geübt werden: Ein Ständchen

Mit einem Handwägelchen werden die Kinder auf den Spielplatz gekarrt. Zwei links, zwei rechts, und Annika, die Älteste der Gruppe, steht hinten auf einem Ausguck. Sie ist Herrin über die Lage und die Einzige, die schon richtig sprechen kann. „Jetzt spielen wir alle Ball“, bestimmt sie.

Was kann eine Tagesmutter den Kindern mitgeben? Veronika Siedle erklärt, was ihr wichtig ist: Was Veronika Siedle ihren Schützlingen mitgeben will

„Ich liebe meinen Beruf“, sagt Veronika auf dem Weg zum Spielplatz. „Leider ist er wenig angesehen in der Gesellschaft. Lange Zeit habe ich mich gar nicht getraut zu erzählen, dass ich „nur“ Tagesmutter bin.“ Viele glaubten noch immer, dass es sich dabei um eine Art „Alibi-Beruf“ handele.

Foto: Maike König

Eine Tasche voller Spielzeug sorgt bei den Kleinen für Begeisterung.

Frühstück im Grünen

Dabei ist die Stadt Mainz gerade auf Frauen wie Veronika Siedle angewiesen. Bis August will die Stadt den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige erfüllen. Wie die Stadt mitteilte, sind noch 53 Mainzer Kinder ohne Platz und müssen zuhause bleiben. Dass Tagesmütter wie Veronika Siedle mit der Stadt gemeinsam darauf hinarbeiten, auch sie noch unterzubringen, ist dringend notwendig.

Jetzt brauchen die fünf kleinen Racker ihre Tagesmutter aber erst einmal für das zweite Frühstück. Das gibt es im Gartenfeld, einem wilden Stadtgarten. Auf Baumstümpfen lassen es sich die kleinen Gourmets munden. Da wird sogar der von vielen Kindern so gehasste Camembert zum „lecker Käse“ – jedenfalls für Jonas‘ offensichtlich anspruchsvollen Gaumen. Die Tagesmutter klaubt Trauben vom aufgeweichten Boden, sammelt Krümel aus Kragen, putzt klebrige Matschhändchen – und das 40 Stunden pro Woche. „Trotz aller Anstrengungen – am Ende bekomme ich doch viel zurück“, lächelt sie und blickt in zufrieden mampfende Gesichter.

Die Kinder beim Frühstück belauschen oder Der ultimative Beweis : Es gibt unter Dreijährige, die Camenbert lieben: Lecker Käse!

*Name vom Autor geändert.