Fit für die Zukunft: Heike Arend, Geschäftsführerin der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz, erläutert die Herausforderungen des demografischen Wandels und verrät, warum die Mainzer nicht weniger werden.

ZIRP-Geschäftsführerin Heike Arend. Foto: privat

ZIRP-Geschäftsführerin Heike Arend. Foto: privat

„Wir holen die Zukunft in die Gegenwart“ – das hat sich die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz (ZIRP) auf die Fahnen geschrieben. Beim Thema demografischer Wandel ließe sich diese Ankündigung leicht als Drohung verstehen. Nach einer Studie im Auftrag des rheinland-pfälzischen Sozialministeriums aus dem Jahr 2012 verbinden 56 Prozent der Befragten mit dem demografischen Wandel vor allem Risiken. Drei Viertel glauben, dass ein großer Mangel an Fachkräften herrschen wird. Und sogar 82 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass Ballungsräume unbezahlbar teuer werden. Die ZIRP sucht nach einem Gegenentwurf zu solch düsteren Szenarien. Die Partnerschaft zwischen dem Land Rheinland-Pfalz und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik entwickelt Konzepte, die das Land fit für die Zukunft machen sollen.

360 Grad Mainz: Zumindest in den Medien und in der gesellschaftlichen Debatte ist der demografische Wandel angekommen. Wie wird er sich auf Rheinland-Pfalz auswirken?

Heike Arend: Typische Symptome sind der wachsende Anteil älterer Menschen und die damit verbundenen Herausforderungen wie Gesundheitsversorgung, ausreichend Pflege- oder Mobilitätsangebote. Im schrumpfenden Bereich der Jüngeren stellt sich für uns die Frage, wie wir die duale Ausbildung in der Fläche sichern können. Ein junger Mensch, der in der Eifel oder in Birkenfeld aufgewachsen ist und eine bestimmte Berufsentscheidung treffen will, braucht ein entsprechendes schulisches Angebot. Wie können wir die Ausbildung sichern, wenn aus einer Region nur noch drei junge Menschen Koch werden wollen, wo früher 15 Köche in einer Klasse lernten? Diese Anpassungen müssen in der beruflichen Bildung relativ frühzeitig angegangen werden.

360 Grad Mainz: Werden junge Menschen in Zukunft also weitere Wege fahren müssen, um zu ihrem Ausbildungsbetrieb zu kommen?

Heike Arend: Weitere Wege wird es wohl geben. Daneben könnte sich eine andere Variante etablieren, die es ganz früher schon einmal gab: Ein Auszubildender wohnt in der Woche nicht bei seiner Familie, sondern am Ausbildungsplatz. Mit E-Learning-Modellen könnten sich Auszubildende aber auch aus der Ferne an der Ausbildung beteiligen. Durch zeit- und ortsunabhängiges Lernen mit digitalen Medien gäbe es keine Notwendigkeit, ständig vor Ort zu sein.

Die Zukunftsinitiative

Die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz (ZIRP) wurde 1992 von Ex-Ministerpräsident Rudolf Scharping (SPD) gegründet. SWR, Opel, BASF, Deutsche Bank, Johannes Gutenberg-Universität, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz – die Liste prominenter Mitglieder ist seitdem stetig gewachsen. Insgesamt 80 Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur engagieren sich heute in der ZIRP. Bei ihrer Wahl zur stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins Anfang dieses Jahres würdigte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) die Zusammenarbeit der Mitglieder: „Die ZIRP erlaubt der Politik, sich von den Anforderungen und Aufgaben des Tagesgeschäftes zu lösen und den Blick zu weiten auf die großen Linien.“

Die ZIRP hat sich zum Ziel gesetzt,

  • Rheinland-Pfalz als internationalen Wirtschaftsstandort zu stärken
  • Rheinland-Pfalz als Lebensraum, Arbeits-, und Kulturstätte attraktiver zu machen
  • Strategien zu entwickeln, um die Wirtschafts- und Lebensbedingungen in Rheinland-Pfalz zu verbessern
  • den Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen den Mitgliedern zu fördern.

Die Arbeit der ZIRP wird durch Mitgliederbeiträge und die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz finanziert.

360 Grad Mainz: Der Fachkräftemangel wird oft in einem Atemzug mit dem demografischen Wandel genannt. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für Rheinland-Pfalz?

Heike Arend: Wir sehen in Rheinland-Pfalz, dass etwa im Bereich der Gesundheitsversorgung zu wenige Fachkräfte vorhanden sein werden. Das hat mit dem steigenden Pflegebedarf durch den demografischen Wandel zu tun. Einen Mangel könnte es zudem in den „Mint“-Fächern geben, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Von einem flächendeckenden Fachkräftemangel wegen des demografischen Wandels wird aber auch in Zukunft keine Rede sein können.

360 Grad Mainz: Auf der Internetseite der ZIRP zitieren Sie Albert Schweitzer mit dem Satz: „Keine Zukunft kann wiedergutmachen, was in der Gegenwart versäumt wurde.“ Hat die Politik das Thema „demografischer Wandel“ derzeit noch zu wenig im Blick?

Heike Arend: Ich glaube, die Sensibilität für das Thema ist groß. Gerade auch in den betroffenen Gemeinden. Es gibt mittlerweile sehr gut gestaltete Beteiligungsprozesse, die dazu beitragen, alle Menschen bei der Gestaltung des Wandels mitzunehmen. Ich finde nicht, dass es hier erkennbare Defizite gibt. Wenn es die gäbe, wäre die Zukunftsinitiative die Erste, die den Finger streckt und sagt: „Schaut doch mal da hin!“

360 Grad Mainz: Wie sieht solch ein Beteiligungskonzept aus?

Heike Arend: In den Landkreisen Birkenfeld, Kusel, Cochem-Zell und in der Südwestpfalz werden Modellprojekte unter dem Motto „LandZukunft“ entwickelt: Da verhandeln alle Akteure aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik und die Bürgerinnen und Bürger über die Zukunft des Landkreises über Bildungskonzepte, touristische Attraktionen, Potenziale der Energiewende. Diese Modellprojekte beginnen mit der Sensibilisierung der Bürger und münden schließlich in Leitlinien, auf die sich alle Beteiligten verständigt haben.

360 Grad Mainz: Die negativen Folgen des demografischen Wandels ließen sich deutlich mildern, wenn der Wandel aufgehalten würde. Ist es dazu zu spät?

Heike Arend: Dazu müsste die Gesellschaft die Bereitschaft zum Kinderkriegen massiv steigern. Ein ganz wichtiger Schritt der Politik ist da natürlich, für Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen – heißt: genügend Kita-Einrichtungen zu schaffen und für pädagogisch wertvolle Betreuung zu sorgen. Das ist ein Weg, den die Politik eingeschlagen hat und den sie umsetzt. Auch Zuwanderung ist möglicherweise eine Strategie, um die Auswirkungen des demografischen Wandels abzumildern. Aber ihn aufzuhalten, dürfte auf längere Sicht sehr schwierig werden.

360 Grad Mainz: Viele Regionen in Rheinland-Pfalz leiden unter der Landflucht junger Menschen. Zurück bleiben die Alten, das Land vergreist. Sehen Sie für die Landeshauptstadt Mainz ähnliche Gefahren?

Heike Arend: Dass viele Menschen in die Städte ziehen und weniger aufs Land, ist zunächst ein Trend, der mit dem demografischen Wandel nichts zu tun hat. Mainz wird trotz des demografischen Wandels zukünftig eher mehr Einwohner haben. Besonders für junge Familien ist die Stadt sehr attraktiv. Wir erleben, dass junge Menschen hier studieren und Mainz als interessantes Pflaster kennenlernen. Viele bleiben deswegen nach dem Studium hier und gründen eine Familie. Das ist die Herausforderung für die Stadt: Dafür zu sorgen, dass Familie und Beruf miteinander vereinbar sind, dass Familien genügend Kitaplätze vorfinden. Ab dem ersten August gibt es darauf immerhin einen Rechtsanspruch. Ich denke, die Stadt Mainz hat das erkannt und ist auf einem guten Weg.

360 Grad Mainz: Können Sie abschätzen, wie viel der demografische Wandel kosten wird?

Heike Arend: Man sollte in diesem Zusammenhang nicht von Kosten, sondern von Investitionen sprechen, die notwendig sind, um eine gesellschaftliche Veränderung zu begleiten. Es ist ja auch nicht irgendjemand, für den wir das machen. Die Gesellschaft macht es für sich, um Bestand zu haben und um alle mitzunehmen auf dem Weg in die Zukunft. Was die Kosten des demografischen Wandels betrifft, so habe ich noch keine Zahl gehört.

360 Grad Mainz: Der demografische Wandel hat kein positives Image. Viele Menschen verbinden damit eher Risiken als Chancen. Können Sie dem Wandel etwas Positives abgewinnen?

Heike Arend: Älterwerden ist keine Strafe, sondern ein Geschenk. Wir bleiben länger fit und sind umtriebig bis ins hohe Alter. Auch der Erfahrungsreichtum älterer Menschen ist eine große Chance für die Gesellschaft. Ältere Menschen sind keine Belastung, sondern eine wunderbare Bereicherung.

Die Fragen stellte Andreas Jacob.