Wenn die Tage wärmer und die Nächte länger werden, wächst die Arbeit für das Ordnungsamt Mainz. Wir haben zwei Beamte auf ihrer nächtlichen Tour begleitet. Zu Schlägereien, Ruhestörungen und wilden Katzen.

Samstagmorgen, kurz nach vier. Laternen werfen gelbe Schatten. Die Straßen sind menschenleer. „Jetzt passiert nicht mehr viel“, meint Olaf. Seine Lider blinzeln träge. Die Scheinwerfer seines Autos glitzern auf schwarzen Hausfassaden. Das Telefon klingelt. Lärm in der Leibnizstraße. Günter dreht am Lenkrad und beschleunigt in Richtung Neustadt. Aus der Ferne hört man Geschrei. Schuhe fliegen durch die Luft. Vier Männer jagen um die Ecke. Günter stoppt den Wagen und rennt mit Olaf hinterher. Aus den Fenstern glotzen Schaulustige. „Dahinten prügeln die sich“, rufen sie. Die Beamten gehen dazwischen und ziehen die Streithähne auseinander. Drei muskulöse Jugendliche und ein weißhaariger Mann. „Der hat uns geschlagen“, schreien die Jugendlichen. Einer trägt ein zerrissenes T-Shirt. „Nein, die schlagen mich“, verteidigt sich der Mann. Er sammelt seine Schuhe auf. „Seitdem diese Leute hier wohnen, kann ich wegen dem Krach keine Nacht mehr schlafen“, beklagt er sich bei Olaf und Günter. Dann bremsen drei Streifenwagen der Polizei vor dem Haus.

Dienstbeginn um zehn

„In der Nacht hat die Stadt ein völlig anderes Gesicht“, sagt Olaf. Er hockt auf dem Beifahrersitz. Er ist groß, schlank und glatzköpfig. Am Steuer sitzt Günter. Breit gebaut und ebenfalls mit rasiertem Schädel. Beide sind Ende dreißig. Es ist zehn Uhr abends. Gerade hat ihre Schicht begonnen und schon wartet der erste Auftrag. Eine Ruhestörung in der Innenstadt.

Unterwegs mit dem Ordnungsamt

Immer wachsam: Unterwegs mit dem Ordnungsamt

Bis zu ihrem Feierabend um sechs in der Früh werden viele weitere folgen. Der Wagen stoppt. Aus einem Fenster im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses dringt gedämpftes Gelächter. Ein Nachbar öffnet die Haustür. Die Beamten steigen die Treppe hinauf. „Wir werden nicht mit offenen Armen empfangen. Trinkgeld gibt’s hier keins“, sagt Günter schmunzelnd. „Aber wenn sich jemand beschwert, müssen wir handeln.“ Er klingelt an der Wohnungstür. „Da musst du mit allem rechnen. Einmal stand auch einer mit Baseballschläger dahinter.“ Eine schmale Frau öffnet. „Ordnungsamt der Stadt Mainz“, sagt Olaf. „Sie sind zu laut. Falls wir noch eine Beschwerde bekommen, wird es teuer für Sie.“ Nach einem kurzen Wortwechsel ist die Sache erledigt. „Die reden nur und gucken Fernsehen. Da gibt es für uns keinen Handlungsbedarf“, meint Günter und stapft zurück zum silber-blauen Opel mit der Aufschrift Ordnungsamt.

180 Kilometer pro Tag

Günter und Olaf wollen auf unseren Fotos unerkannt bleiben. Auch ihre Namen müssen wir ändern. Das Risiko sei zu hoch. „Ein Kollege von uns wurde wiedererkannt und in der Fußgängerzone von vier bis fünf Leuten zusammengeschlagen. Einfach so“, erzählt Günter. „Das Gewaltpotential wird jedes Jahr größer. Auch die Gewalt gegen uns und Kollegen der Polizei nimmt zu.“ Günter arbeitet seit 2008 beim Ordnungsamt, Olaf seit 2007. Zur Ausbildung waren sie zehn Wochen auf einem Lehrgang an der Polizeischule. „Der Rest kommt von Fall zu Fall“, meint Olaf. „Aber richtig kann man dafür eh nicht geschult werden.“
Am meisten los sei zwischen zwei und halb drei, erzählen sie. Jetzt, vor 24 Uhr, sind die Fälle noch harmlos. Ein zu lauter Trockner oder ein paar junge Leute, die auf ihrer Terrasse grillen. „Studenten! Da wissen Sie ja Bescheid“, schimpft der aufgebrachte Anwohner. Doch von denen ist kaum etwas zu hören. „Das ist einer der Fälle, wo man einfach nur den Kopf schütteln kann“, meint Günter und steigt zurück ins Auto. „Wir sind die ganze Zeit am Rumfahren“, sagt Olaf und startet den Motor. „Es gab schon Dienste, da waren es über 180 Kilometer.“

Schwarze Katze

Kurz nach 23 Uhr erreicht sie ein ungewöhnlicher Anruf. Eine Katze ist in eine fremde Wohnung gelaufen und terrorisiert eine Mutter und ihr Kind. „Ich weiß mir nicht mehr zu helfen“, sagt die Frau zur Begrüßung und zeigt ihre zerkratzten Beine. Auf dem Fernsehtisch zwischen Videorecorder und PlayStation sitzt eine schwarze Katze, um sie herum ein großer Urinfleck, von dem ein beißender Gestank ausströmt. Auf dem Bett kauert der Sohn und beobachtet das Tier. „Die gehört hier sicher niemandem im Haus“, sagt die Frau. „Das wüsste ich.“ Günter geht vorsichtig zu der Katze und streichelt sie beruhigend. Dann trägt er sie nach draußen. Im Flur entwischt das Tier und rennt in den Keller, wo es regungslos sitzen bleibt.

Die schwarze Katze ist entkommen

Sackgasse: Die schwarze Katze sitzt im Keller

„Die Kollegen bringen jetzt eine Katzenbox“, sagt Olaf nach einem Telefonat. „Dann können wir sie ins Tierheim bringen.“ Während Olaf die Katze bewacht, steht Günter draußen und raucht. „Früher hatte ich nichts mit Gesetzen zu tun“, sagt er. Er habe Bäcker gelernt, sei dann aber gewechselt. Olaf dagegen käme – wie so mancher beim Ordnungsamt – von der Bundeswehr. „Man erlebt schon viele traurige und unschöne Sachen“, sagt Günter. In der Nacht seien es vor allem Ruhestörungen, oder psychisch Kranke, die sie betreuen und in die Klink bringen müssten. „Da muss man viel Fingerspitzengefühl haben.“ Umher streunende Tiere seien eher die Ausnahme. Einige Fälle beschäftigen ihn heute noch. Etwa eine verwahrloste alte Dame, die er in seinen ersten Wochen im Amt erlebte. Der Müll in ihrer Wohnung stand so hoch, dass er kaum durch die Türe gepasst habe, sagt Günter. „Auch heute frage ich mich noch manchmal, was wohl aus ihr geworden ist.“ Er zieht an seiner Zigarette und erzählt weiter: von verwesten Leichen, Verrückten oder zerrütteten Familien. „Man darf diese Geschichten nicht mit nach Hause nehmen.“ Nach der Arbeit müsse man abschalten. „Sonst macht man den Job nicht lange.“

Die Spielverderber sind da

Je später der Abend, desto lauter die Partys. Nachdem die Katze nach einigem Kratzen und Beißen sicher im Tierheim in Mombach verwahrt wurde, stapeln sich die Aufträge für das Team vom Ordnungsamt. „Wir sind definitiv zu wenig Leute“, meint Olaf. „Jetzt müssen wir den Rückstand aufarbeiten.“ Am Wochenende seien sie nachts mit zwei Teams für ganz Mainz unterwegs. Ab drei Uhr nur noch mit einem. Da sich das Einsatzgebiet aber bis nach Ebersheim erstrecke, kämen sie manchmal erst Stunden nach einer Beschwerde an. Diese Nacht geht es unter anderem zu einer türkischen Hochzeit, einer Studentenparty in der Altstadt, einem Club im Bleichenviertel und zu einer Erasmus-Party im Studentenwohnheim. „Die Spielverderber sind da“, ruft Olaf als er die Feier betritt. Doch Bitten und Diskutieren hilft nichts. Die Musik muss aus. An anderen Orten dagegen lässt sich beim besten Willen kein Lärm feststellen. Olaf ruft dann in der Zentrale an. „Außer Schnarchen ist hier nichts zu hören.“ Und schon geht es weiter.

Bei Anruf Ordnung: Olaf und Günter vor der Tür

Bei Anruf Ordnung: Olaf und Günter vor der Tür

Ich hasse das Ordnungsamt

In der Einsatzzentrale sitzt Herr Frisch. Einer der Dienstältesten im Ordnungsamt. „Es ist viel los. Aber sonst haben wir mehr Einsätze an Samstagen“, sagt er. Der Grund sei das kühle Wetter heute. Frisch nimmt die Anrufe von Anwohnern und der Polizei, die Aufträge an das Ordnungsamt weiterleitet, entgegen. Dann verteilt er die Einsätze an seine beiden Teams. Gegen drei Uhr steht für Olaf und Günter eine Party am Höfchen auf dem Plan. Inzwischen ist das Thermometer unter zehn Grad gewandert. Trotzdem trägt Günter ein kurzes Hemd. Schon von weitem ist die laute Musik zu hören. „Ich hasse das Ordnungsamt“, brüllt ihnen ein Partygast entgegen. Sie ignorieren ihn und sprechen mit den Verantwortlichen. Die Musik verstummt. „Spielverderber“ und „blau-weißer Party-Bus, schalalalala“, johlen ihnen die betrunkenen Gäste hinterher, doch Olaf zuckt nur mit den Achseln. „Das geht bei mir hier rein und hier wieder raus.“

Günter vor dem Einsatz

Nachtruhe: Günter wartet auf den nächsten Einsatz

Es gibt nichts Besseres

Kurz vor vier gibt es keine Aufträge mehr. Jetzt konzentrieren sie sich auf die „normale Gefahrenabwehr“, erklärt Günter. Das heißt, beliebte Plätze und Straßen abfahren und nach dem Rechten sehen. Doch die Schlägerei in der Leibnizstraße durchkreuzt den Plan. Nach der Auseinandersetzung übergeben Olaf und Günter die Beteiligten der Polizei. „Das ist jetzt deren Sache“, sagt Olaf. Dann gönnen sie sich ihre erste Pause. Nach über sechs Stunden Arbeit. Das Telefon bleibt stumm. Langsam macht sich die Müdigkeit bemerkbar. Ihre Arbeit machen sie trotz allem gerne. „Ich bereue meine Entscheidung in keiner Weise“, meint Günter. „Es gibt nichts Besseres als den öffentlichen Dienst. Hier ist alles geregelt.“

Im Jahr 2013 gab es 2356 Lärmbeschwerden in Mainz. Davon entfielen alleine 60 % auf die Bereiche Alt- und Neustadt.

 

Fotos: Julius Braun
Erschienen im Sensor Mainz