Der Campus, eine Bühne; die Kopfhörer, ein Kostüm – beim „Szenischen Projekt“ der Mainzer Theaterwissenschaftler wird der Zuschauer selbst zum Darsteller. In einem Spaziergang geht’s zu verschiedenen Stationen quer über die Uni verteilt – Anweisungen gibt’s direkt aufs Ohr. So funktioniert der „Audiowalk“ des Instituts für Theaterwissenschaft. Wir waren beim Gemeinschaftsprojekt mit dem Mainzer Staatstheater und der Hochschule für Gestaltung dabei.

Silberne Latexkostüme, sphärische Elektromusik, Gen-Optimierung und natürlich „Das Vorfall“, das die Erde zerstörte –  der „performative Kongress“  lässt kein Zukunftsklischee aus. Mit viel Selbstironie, oft satirisch, noch öfter absurd, und stets mit viel Sinn und noch mehr Unsinn funktioniert der Spaziergang vor allem als Spiegel unserer Zukunftsängste von Technikwahn bis Umweltzerstörung. Wenn ihr euch schon immer auf Zeitreise begeben wolltet, euch gerne über das Wort „futuristisch“ lustig macht und wissen wollt, warum es bald „das Audiowalk“ von „das Theater“ über “ das Campus“ heißen wird – dann folgt mir auf den Spuren, die erst noch hinterlassen werden. Denn ich habe mich mit Kopfhörer, Kamera und Twitter auf den Weg in die Zukunft gemacht – und das habe ich in die Gegenwart mitgebracht:

Das „Systhem“ stellt sich vor – der Audiowalk beginnt

Das „Systhem“ spricht über die Kopfhörer mit mir – ab jetzt bin ich selbst Darstellerin und der Campus ist nicht mehr der Campus, sondern „Das Oase“: Nach „das Vorfall“ wurde die gesamte Flora und Fauna der Erde zerstört, nur noch ein paar Millionen Menschen haben in Enklaven überlebt. Eine davon: RheinMain-Megacity! Bevor wir uns in „Das Draußen“ wagen, besichtigen wir die Forschungsstationen der Oase. Erste Audiowalk-Station: Der Botanische Garten, wo biologisch abbaubares Plastik gezüchtet wird.

Weiße, transparente Folie wabert zwischen dem Grün des Botanischen Gartens der Uni Mainz.

Ein paar Schritte und ich bin nur noch von Organoplast umgeben…

Die Geschlechtslosigkeit – ein Privileg der Zeitreisenden

Angekommen im SB II erklärt ein Mensch mit pinken Haarreif und betont unbetonter Stimme, das wir uns im Gendarchiv befinden. Hier haben wir also das Privileg, unser Geschlecht zu archivieren. Ob das wirklich so großartig ist, wie die Frau mit Bart und Regenbogenzylinder uns anpreist, wird sich noch herausstellen. Immer drei Leute dürfen nacheinander in die dunkle Kammer…

Ein Typ mit pinken Haarreif und Pluderhose wartet im SBII auf uns und führt uns in eine dunkle Kammer - das Genderchiv.

Als eine der ersten Menschen soll ich hier mein Gender archivieren.

In der Gegenwart war´s eigentlich auch schön

Es folgt ein Besuch in „Das alte Welt“: Das Garten mit seinen Blüten und Bäumen zieht an uns vorüber. Die Vergangenheit war doch gar nicht so übel mit dieser ganzen Natur. Wir laufen durch eine Idylle aus raschelnden Blättern und zwitschernden Vögeln, während das Kongressradio weiter sendet.

Nach dem Geschlecht geht es uns an die Gene

Bärtige Menschen in roten Rüschenröcken weisen mir den Weg zur nächsten Audiowalk-Station: Die Gen-Optimierung. Eine Frau in steif abstehenden silbernen Tütü und blassblau geschminkten Lippen wünscht „Gute Verbesserung“.

Nur ein Dreieck lässt das Gesicht frei, das Blickfeld ist stark beschränkt durch den silbrigen Pappkarton auf Kopf und Schulter.

Ein Parcours aus Holzlatten gilt es durchschreiten und ein paar Hindernisse zu bewältigen bevor man zum optimalen Menschen wird.

Silberne Matten sind in einem hellen Raum ausgelegt, in dem Entspannungsmusik vor sich hin klimpert.

Ein paar Lockerungsübungen unter Plastikbäumen und schon bin ich wie neugeboren!

Ab jetzt Audiowalk als „optimiertes Körper“

Kaum raus aus der Genoptimierung, werden die Kofhörer wieder aufgesetzt und weiter geht´s mit dem Audiowalk – immer den Klebestreifen am Boden und den Stimmen im Kopf folgen!

 

Plötzlich, Lärm, Flüche, Geschrei: Der Thinkcontroller hat versagt (hätten sie doch besser mich gewählt…), wir müssen fliehen.

Ein Neonlicht geht uns auf!

Doch „das Systhem“ kümmert sich weiter um uns, führt uns weit über die Oase, vorbei an einigen weiteren Bärtigen in rotem Rüschenrock, die rennen und tanzen und uns weiter führen bis zur nächsten Audiowalk-Station: der Keller des Philosophicums.

Ein Teppich aus Neonbuchstaben führt uns in den Keller, erste antike Reliefs zieren den Museumeingang.

Schrille Leuchtschrift, schimmerndes Schwarzlicht: Museum mal anders.

Dicht gedrängt und bunt angeleuchtet stehen Statuen herum, im antiken, klassischen Stil, weißer Stein, harmonische Gesichter, faltenwerfende Gewänder.

Gelbes und rotes Scheinwerferlicht machen aus der antiken Perfektion Werbung für sich selbst.

Ähnlich gerade und erstarrt wie die Statuen stehen Museumswärter in dunklen, verschwörerischen Umhängen herum.

Einer der Museumswärterinnen kommt plötzlich mit intensiven Blick auf mich zu.

Ein Schutzbunker gegen den Smog

Mit der Erkenntnis ein Museum zu sein, geht der Audiowalk weiter – zur letzten Station, dem Institut für Reinluft. Nachrichten, Werbung, Interviews, spacige Musik begleiten unsere Schritte.

 

Fotos: Meike Hickmann

Audio: Uni Mainz/Staatstheater Mainz