Der große Aufschrei nach der ersten „Körperwelten“-Leichenschau ist verstummt. In diesem Jahr können erstmals die Mainzer die Ausstellung begutachten. Ein Treffen mit Körperspendern zeigt: Die Debatte um Sinn und Sinnlichkeit der „Körperwelten“ ist immer noch aktuell.

Kraftvoll pocht ein Herz aus den Lautsprechern im alten Postlager. Noch bevor die ersten Leichenteile zu sehen sind, wird den Besuchern bewusst: Irgendwann ist es vorbei mit dem eigenen Herzschlag. Die meisten Menschen lassen sich dann begraben. Nicht aber die Körperspender, die ihre Überreste dem Anatomen Gunther von Hagens überlassen.

„Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als scheintot unter der Erde aufzuwachen oder von Würmern aufgefressen zu werden“ sagt Angelika Goedde. Die 58 Jahre alte Frau ist  eine von in Deutschland derzeit rund 13.000 Körperspendern. Das heißt: Sie hat schriftlich eingewilligt, dass Gunter von Hagens‘ Institut für Plastination einmal über ihren toten Körper verfügen darf. Beim Plastinieren wird der tote Körper haltbar gemacht – eine Erfindung des Heidelberger Arztes mit dem Spitznamen „Dr. Tod“. Der setzt die toten Körper in Szene – etwa als grübelnden Schachspieler, stolzen Fackelträger oder als lang gestreckten Fahrer eines überdimensionalen Fahrrads. Die Leichen stehen wie Stars im Mittelpunkt, Leichenstars. Eine Vorstellung, die Goedde gefällt.

Bei der Eröffnung im alten Postlager trägt sie eine Basecap über dem dunklen, zum Zopf gebundenen Haar. Durch ihre rot getönte Sonnenbrille blickt sie auf eine gehäutete plastinierte Leiche, die als Feuerwehrmann inszeniert ein Skelett in den Armen hält „Für mich bedeutet es ewiges Leben, in den Körperwelten ausgestellt zu werden“, sagt die als Call-Agent tätige Wiesbadenerin. Dazu gehöre, dass sie unmittelbar nach ihrem Tod „abgeholt werde, dann wahrscheinlich erstmal ins Kühlfach und anschließend ins Formaldehydbad komme.“ Der Kunststoff soll verhindern, dass der Körper verwest – Knochen, Sehnen, Muskulatur und Gewebe bleiben so erhalten.

Körperkult über den Tod hinaus

Vielleicht war dem Menschen sein Körper nie wichtiger als heute. Frisur, Figur, Fashion: Wer etwas sein will, muss gut aussehen, predigt der Zeitgeist. Besonders das Erscheinungsbild des Körpers bestimmt das Handeln der Menschen im nackten, weil digitalen Zeitalter: Nie zuvor hat der Einzelne sich so gut vergleichen können. Ob Muskulatur, Tattoos oder Haare – die Suchmaschine spuckt Abertausende anderer Vergleichswütiger aus.

Die Menschen wollen schöner, fitter und individueller werden. Der Körper kostet uns Geld und vor allem (Lebens-)Zeit. Ob wir im Fitnessstudio schwitzen oder unter dem Messer des Schönheitschirurgen liegen – wir investieren in ein vergängliches Projekt. Denn, frei nach Molière: Man stirbt nur einmal, dafür verdammt lange. Schade um den Körper, sagen einige Artgenossen – und handeln wie Körperspenderin Goedde. So auch die Rentnerin Renate Schuller-Malheiro. Die 63 Jahre alte Frankfurterin sieht in den Körperwelten „die effektivste Art, aus dieser Welt zu verschwinden“, schließlich wolle sie nicht irgendwann unter der Erde verwesen.

Der alte Streit: Religion gegen Wissenschaft

Seit zwanzig Jahren touren Exponate von Hagens‘ um die Erde – zwanzig Jahre, in denen die Körperwelten trotz verschiedenster Schwerpunkte eines immer waren: Umstritten. So auch in Mainz. Gerade die Ausstellung ungeborener Kinder ist für viele Besucher nur schwer nachvollziehbar. Sicher, die medizinischen Einblicke sind einmalig. Aber dürfen tote Menschen, gar tote Ungeborene konserviert und in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden?

Wie eine Plastination abläuft, seht ihr in diesem Youtube-Video.

Vor allem die Kirchen üben seit Langem harsche Kritik an von Hagens‘ Wanderausstellung. Den ausgestellten Leichen bliebe eine würdige Bestattung vorenthalten, sagt etwa der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge. Er sieht in den Posen eine „unwürdige Effekthascherei“.

Auch Goeddes Tochter sei religiös und habe kein Verständnis für die Pläne ihrer Mutter. Kritik, die die Körperspenderin nicht nachvollziehen kann. „Ich bin bekennender Atheist und glaube an die Wissenschaft und nicht an die Religionsmärchen.“ Ein pragmatisches Argument setzt Goedde obendrauf: Es gebe keine kostengünstigere Variante „um entsorgt zu werden“. Eine christliche Bestattung etwa halte sie für „reine Geldverschwendung.“

Körperwelten: Ist das Kunst oder kann das weg?

In welcher Pose die beiden Körperspenderinnen einmal ausgestellt werden, sei ihnen egal. Schuller-Malheiro könne sich zwar am Ehesten vorstellen, als sitzend Meditierende dargestellt zu werden. „Aber das ist deren Entscheidung.“ Dem künstlerischen Schaffensprozess will sie nicht vorweggreifen – schließlich sind die Exponate „wirklich hohe Kunst“, sagt die Körperspenderin.

Doch auch das gehört zur Wahrheit: Ob die Körperwelten wirklich als Kunst zu bezeichnen sind, ist streitbar. Für viele sind die Körperwelten eine bizarre Leichenschau, eine Geldmaschinerie, die Sensationslust und Gruselwahn befriedigen soll. Bislang gastierte die Ausstellung hauptsächlich in Großstädten – Mainz ist die erste rheinland-pfälzische Stadt, in der die Plastinate zu sehen sind. Die Kulturdezernentin der Stadt Mainz, Marianne Grosse (SPD) sagt: „Also wir wären jetzt nicht auf die Idee gekommen, die Körperwelten nach Mainz zu holen“. Die Initiative sei von der stadtnahen Mainzplus Citymarketing GmbH ausgegangen, erklärt Grosse. Auch wenn sie selbst den Körperwelten „inhaltlich durchaus kritisch“ gegenüberstehe, begrüße Grosse die Ausstellung. Mainz sei eine bunte Kulturstadt, und „zu bunter Vielfalt gehören auch Dinge, von denen man persönlich sagt: Gar nicht so meins“, so die Kulturdezernentin.

Körperwelten – „Eine HERZenssache“ ist noch bis 25. Oktober im Alten Postlager in Mainz zu sehen. Eintrittspreise zwischen 13 und €. Mehr Informationen unter www.körperwelten.com

Im Gegensatz dazu ist die Ausstellung „eine HERZenssache“ für Angelina Whalley genau das: Die Kuratorin der Köperwelten und zugleich Ehefrau von Hagens‘ nennt die Wanderausstellung ihre „Lebensaufgabe“. Natürlich seien die Exponate Kunst, sagt Whalley, während sie mit einer Hand am Oberschenkel eines Plastinats abgestützt für Kameraleute posiert. Aber vor allem sollten die Plastinate dazu anregen, herzbewusster und herzgesünder zu leben. Wenn ihr eigenes Herz einmal nicht mehr schlägt, will Whalley selbst wie die anderen Körperspender eines der vielen Exponate werden. Die wissenschaftliche Leidenschaft sei ein Grund dafür, sagt die 55 Jahre alte Ärztin. Ein anderer Grund? Die „Kunst des Weiterlebens“. Als Exponat im Scheinwerferlicht in Szene gesetzt weiterhin lebendig zu wirken. Nur: Der pochende Herzschlag kommt dann aus der Lautsprecherbox.

(Text: Frederik von Castell)

(Beitragsbild und Video: David Ehl)

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