Informiert man sich über Flüchtlingsarbeit in Mainz und Rhein-Main, stößt man automatisch auf einen Namen: Behrouz Asadi. Er ist Flüchtlingskoordinator des Malteser Hilfsdiensts in Mainz, Mitbegründer des Mainzer Flüchtlingsrates und Mitglied der Koordinationsgruppe Arbeitskreis Asyl in Rheinland-Pfalz. 24 Stunden, jeden Tag die Woche, ist er im Einsatz.

Behrouz Asadi fühlt sich schon auf Grund seiner eigenen Geschichte verantwortlich für die Integration von Flüchtlingen. Er ist selbst Exiliraner, er weiß, was es bedeutet aus seiner Heimat zu fliehen. „Exil ist ein Leiden, eine seelische Sache, die immer drückt“, sagt er. „Die Menschen haben einen Grund, warum sie auf der Flucht sind. Und diesem Grund entgegenzukommen, ihnen zu helfen, hier eine neue Existenz aufzubauen – das motiviert mich.“ Während dem Gespräch mit ihm klingelt fünf Mal das Telefon: Benefizkonzert, Interviewanfrage, Personalproblem. Asadi ist ein Mensch, der nicht Nein sagen kann, wenn er gefragt ist – und er will es auch nicht.

1975 kam er als Teenager nach Deutschland, weil seine Schwester hier studierte. Dann kam die Islamische Revolution, der Gottesstaat und er konnte nicht mehr zurück. „Dieses Regime ist nicht mit Menschenrechten und Demokratie vereinbar“, sagt er. Er studierte Geografie und Pädagogik an der Uni Mainz und wurde an der Hochschule als Ausländerreferent politisch aktiv. Schon kümmerte er sich um Flüchtlinge, besonders um die politisch verfolgten aus dem Iran. Später beschloss er genau das zu seinem Beruf zu machen und studierte Soziale Arbeit.

Seit 27 Jahren arbeitet er nun beim Malteser Hilfsdienst. Die Arbeit hat ihn in zahlreiche Krisengebiete geführt, Uganda, Ruanda, Südsudan, Kenia, Kongo, Bosnien-Herzegowina. Er beschäftigte sich mit Existenzgründungen für Menschen, die in diese Gebiete später zurückkehren. Er gründete Waisenhäuser und andere Hilfsprojekte, jetzt ist er Referent für Migration bei den Maltesern. Dieses Jahr wird er 62 Jahre alt, mit seiner Arbeit aufhören will er nicht: „Wenn ich weiter so fit bin, dass ich etwas für die Gesellschaft leisten kann, zugunsten der Toleranz, der Solidarität und des friedlichen Zusammenlebens, dann mache ich das auch“, sagt er als handele es sich um eine Selbstverständlichkeit.

Behrouz Asadi vor einer Hecke

Behrouz Asadi sieht es als seine Aufgabe an, Flüchtlinge in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Integration: Ein Geben und Nehmen

„Die Flüchtlinge zu integrieren ist unsere Verantwortung, weil sie hier sind. Jeder von uns muss seine Ärmel hochkrempeln und daran arbeiten!“, fordert Asadi, während er mit den Fingern auf den Tisch trommelt. „Ich erwarte auch von der Politik, dass sie mehr macht, damit sich die Menschen hier wohlfühlen.“

Oft antwortet er schon, bevor die Frage gestellt ist – weil er genau weiß, was er sagen möchte. Was ist Integration? „Integration heißt für mich Geben und Nehmen“, antwortet er routiniert. „Wir müssen die vielen Menschen, die hierhergekommen sind, an unsere Regeln und Normen heranbringen.“ Was hat dabei Priorität? „Religionsfreiheit, die Rolle der Frau, gesellschaftliche Verantwortung, demokratische Werte – Sprache und Bildung ist wichtig, aber genauso wichtig ist es, die demokratischen Errungenschaften zu vermitteln“, sagt er. Dafür sei er unermüdlich im Einsatz: Ob Vorort in den Gemeinschaftsunterkünften, Betreuung der Sozialarbeiter und Ehrenamtlichen oder auf Terminen im Stadtrat und in Ämtern.

Woran mangelt es in Mainz bei der Integration von Flüchtlingen?

Behrouz Asadi: Die Politik muss mehr in Prävention investieren – in Sprache, in Bildung und Gesundheit. Und es muss mehr Sozialwohnungen geben, damit die Leute nicht solange in den Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. Und zwar für alle – die sozial Schwachen dürften nicht miteinander um Wohnungen kämpfen müssen. Ich bin stolz darauf, dass wir in Mainz so vielen Flüchtlingen eine private Wohnung vermitteln konnten – aber 2000 leben immer noch in Gemeinschaftsunterkünften. Wenn viele Menschen unterschiedlicher Religion und Kultur eng zusammenleben, gibt es automatisch Konflikte.

Wie gut funktioniert die gesundheitliche Versorgung in Rheinland-Pfalz?

Behrouz Asadi: Die gesundheitliche Versorgung ist insgesamt besser als in anderen Bundesländern. Die Menschen haben Zugang zu medizinischen Untersuchungen und etwa Impfungen. Bis auf Einzelfälle, ist die Gesundheitsversorgung so weit wie möglich gewährleistet. Aber viele Menschen leiden unter seelischen Erkrankungen. Sie haben ihre Heimat, ihre Familie, ihre Existenz verloren. Viele haben eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Bedarf ist sehr groß und deshalb sind die Wartezeiten in den psychosozialen Zentren sehr lang. Dagegen etwas zu tun, ist mein neuestes Projekt.

Was planen Sie denn?

Behrouz Asadi: Ich möchte eine Vermittlung aufbauen, zwischen den Unterkünften und den psychosozialen Versorgungszentren. Sozialarbeiter sind keine Psychologen, sie können nicht gut erkennen, wer am schnellsten Hilfe braucht. Deshalb sollen Psychologen nach einem ersten Gespräch schon mal sortieren, wo am meisten Bedarf ist. Die Sozialarbeiter sehen nur, da hat jemand Probleme, aber nicht ob und wie schnell jemand psychologische oder psychiatrische Hilfe braucht. Ich hoffe, dass wir mit so einer Schaltstelle den psychosozialen Zentren ein bisschen Arbeit vorweg abnehmen können und es nicht mehr so lange Wartezeiten gibt.

Wie steht es in Mainz um die Toleranz gegenüber Flüchtlingen?

Behrouz Asadi: Gut bis sehr gut, aber vom Gefühl her, hat das in letzter Zeit etwas nachgelassen. Das liegt an der Berichterstattung über Ereignisse wie Köln, über Gruppen, die sich streiten, über Einzelfälle – Menschen, die Probleme machen, weil sie sich nicht an Regeln halten. Dabei verstehen diese Menschen oft nur nicht um was es geht, weil es ihnen an Informationen mangelt – und da muss man eingreifen.

Trotzdem wählen auch in Mainz immer mehr Menschen die AfD.

Behrouz Asadi: Man muss die Sorgen der Menschen verstehen und sofort darauf reagieren. Durch Dialog kann man vieles lösen, zum Beispiel in den Bürgergesprächen in Mainz. Man muss den Menschen bewusst machen, was es heißt, vor Krieg oder Hunger zu fliehen, alles zu verlieren. Es gibt welche, die Gesetze missbrauchen, aber man muss die Menschen, die hierher kommen, differenziert betrachten. Diese Pauschalisierungen sind gefährlich. Aber man muss auch hier differenzieren: Zwischen Menschen, die sich Sorgen machen, und solchen, die wirklich radikal sind.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Behrouz Asadi: Dass wir mehr miteinander kommunizieren, dass wir offener werden. Und es darf keine Kriege mehr geben, die Schere zwischen Arm und Reich muss sich schließen – aber Politik machen andere, nicht ich. Und ja, das alles ist illusorisch, aber machbar, wenn man es versucht. Und ich möchte irgendwann einmal wieder meine alte Heimat, Iran, besuchen.