Der Clown-Lehrer Michael Stuhlmiller im Interview

Der Leiter der Mainzer Schule für Clowns, Michael Stuhlmiller (49), über die kleinste Maske der Welt, den Unterschied zwischen Spaß, Witz und Humor und über das menschliche Scheitern. Ein Interview von Anja Hübner

Clown Dominique zeigt ihr Können auf der Bühne. Foto: Schule für Clowns Mainz

Tragen Ihre Schüler im Unterricht immer eine rote Nase?

Stuhlmiller: Hin und wieder ist das tatsächlich so. Die Assoziation der roten Nase ist nicht verkehrt. Sie ist die kleinste Maske der Welt. Aber der Clown mit der roten Nase ist nur eine Figur: Ich nenne ihn den puren Clown. Der kommt ursprünglich aus dem Zirkus und war der lustige Pausenfüller. Der hat aber nichts mit menschlichen Zügen zu tun.

Es gibt also andere Clown-Figuren, die sich an uns Menschen orientieren?

Stuhlmiller: Genau. Komiker karikieren Menschen, den Hausmeister oder die Putzfrau zum Beispiel. Einfache Leute als Gegenspieler zu nutzen, hat eine Tradition, die es schon in der Commedia dell’Arte – der göttlichen Komödie –  gab. Ich mache einen Unterschied zwischen Spaß, Witz und Humor. Der Zirkusclown mit der roten Nase jongliert mit Bällen und ist dabei der lustige Spaßmacher. Bei der Komik dagegen kommen Inhalte ins Spiel. Hier kommt es auf Sprachwitz, aber auch auf Körperwitz an.

Und der Humor?

Stuhlmiller: Der Humor ist die Weiterentwicklung von Witz. Es geht darum, Situationen darzustellen, die eigentlich gar nicht lustig sind: Lebenskrisen und Ängste zum Beispiel. Nach dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Solche Charakterclowns führen uns unser Scheitern vor Augen.

Wieso unser Scheitern?

Stuhlmiller: Jeder kennt das Gefühl, nicht zu genügen und etwas nicht zu schaffen. Wenn ich mich jetzt zum Beispiel ständig versprechen würde, wäre ich an diesem Interview gescheitert. Clown-Schauspieler übertreiben und führen uns so unsere inneren Scheiter-Haltungen vor Augen. Einen Stuhl auf die Bühne zu stellen, verlangt eigentlich nicht viel ab. Doch der Clown scheitert daran, denn er denkt: Die Leute mögen mich nicht und ich habe eine zu kurze Hose an. Das ist eigentlich traurig, aber die Leute lachen darüber, denn sie erkennen sich wieder.

Und das alles bringen Sie Ihren Schülern bei?

Clown Anna in Aktion Foto: Schule für Clowns

Stuhlmiller: Ja, ein Jahr lang lernen unsere Schüler alle Clown-Techniken: Clownerie, Clowntheater, Pantomime und Commedia dell’Arte zum Beispiel. Dazu den nötigen theoretischen Hintergrund. Außerdem gibt es die Fächer Artistik, Jonglage, Ausdruckstanz und Stimmtraining. Dann folgt die Figurenfindungsphase. Im Moment sind mehr Schüler Charakterclowns als pure Clowns mit roter Nase.

Die eigene passende Clownfigur zu finden ist sicher nicht einfach …

Stuhlmiller: Es ist ein sehr intensiver Prozess.  Auf der einen Seite müssen die Schüler die nötigen Techniken lernen – wie man stolpert zum Beispiel. Da erkennen viele schon, wo ihre Talente liegen. Außerdem ist es eine psychologische Arbeit. Die angehenden Clown-Schauspieler müssen sich mit sehr persönlichen Themen beschäftigen und mutig sein. Eine Clown-Ausbildung ist eine extrem intensive Selbsterfahrung. Ihre Clownfiguren zeigen sie ein Mal im Monat auf unserer Mittwochsbühne. Über diesen Auftritt können sie dann nachdenken und ihre Figuren weiterentwickeln. Außerdem gibt es nach jedem Semester eine Abschlussbühne.

Video über eine Clown-Abschlussbühne. Von Simone Schnipp

Lässt sich denn das Clown-Sein überhaupt lernen?

Stuhlmiller: Jeder kann ein Clown sein. Das ist wie beim Fahrradfahren auch. Im Prinzip kann jeder Clowntechniken lernen. Man muss nur den Mut haben, sich mit sich selbst zu konfrontieren.

Wo sind denn Ihre Absolventen gelandet?

Stuhlmiller: Das ist ganz unterschiedlich. Einige Clown-Schauspieler sind in Varietés gelandet, wie im Berliner Wintergarten, im Friedrichsbau in Stuttgart oder im Krystallpalast in Leipzig. Andere waren auch Clowns im Circus Roncalli oder tingeln über Straßenfeste in Frankreich und Italien. Außerdem sind viele Absolventen Clown-Doktoren geworden oder arbeiten mit Kindern. Und wieder andere haben die Clown-Ausbildung als persönliche Lehre genommen und arbeiten jetzt als Pädagogen und Psychologen.

Internet: www.clownschule.de

Michael Stuhlmiller Foto: privat

Michael Stuhlmiller ist der Gründer und Oberclown der Schule für Clowns in Mainz-Finthen. Während seines Musik- und Kunststudiums wollte er eigentlich Filmmusikkomponist werden, entdeckte dann aber die Schauspielerei für sich. In Italien machte er eine Ausbildung zum Clown. Er arbeitete in psychosomatischen Kliniken und entwickelte so seine Clownfigur. „Verletzte und gebrochene Figuren haben mich fasziniert – seien es Randfiguren der Gesellschaft, die Quasimodo-Gestalt oder Till Eulenspiegel“, sagt Stuhlmiller.

Stand: Juni 2010