Computerspiele „made in Germany“ kommen zumeist aus Städten wie Berlin oder Hamburg. Was viele Gamer nicht wissen: So manches bekannte Spiel hat seinen Ursprung im kleinen Mainz. Was zeichnet den Standort Mainz für die Branche aus? Und welchen kulturellen Stellenwert haben Computerspiele heutzutage überhaupt?

Um seinen Job beneiden Andy Pazur wohl viele Tausend junge Menschen: Er ist Computerspieltester. Im Mainzer Studio der Game-Design-Firma Blue Byte prüft er neue Computerspiele auf Herz und Nieren, bevor sie auf den Markt kommen. Dabei geht es natürlich nicht nur um den Spaß am Spiel, sondern vor allem darum, mögliche Logikfehler auszumerzen und zu überprüfen, ob alle Funktionen des Spiels einwandfrei sind. Pazur hat in München Gamedesign studiert, bevor es ihn nach Mainz verschlug.

Damit ist seine Herkunftsgeschichte im Vergleich zu den anderen Blue Byte-Angestellten relativ gewöhnlich: Die gut 100 Mitarbeiter im Studio in Mainz kommen aus der ganzen Welt, zum Beispiel aus Kanada, Singapur, Malaysia, Tschechien, Frankreich und Großbritannien. In der Mainzer Römerpassage entwickeln sie auf zwei Etagen Computerspiele – die bekanntesten Games sind „Anno“, das weltweit über sechs Millionen Mal verkauft wurde, und „Die Siedler“ mit weltweit zehn Millionen Verkäufen.

In der Römerpassage in Mainz entwickelt Blue Byte auf zwei Etagen Games. Foto: Blue Byte

In der Römerpassage in Mainz entwickelt Blue Byte auf zwei Etagen Games. Foto: Blue Byte

Der Weg in die Welt der Big Player

Mit Anno kam vor rund zehn Jahren der große Durchbruch für die Spieleentwickler in Mainz. Angefangen hat Geschäftsführer Thomas Pottkämper zusammen mit zwei Freunden ganz klein und klassisch: im Keller der Eltern in Laubenheim. „Ich hab mit 14 den ersten Computer gekriegt und hab immer gespielt. Dann hatte ich irgendwann Lust, selbst Spiele zu machen“, sagt Pottkämper. Unter dem Namen Related Designs machte er zusammen mit seinen Partnern 1995 das Hobby zum Beruf und entwickelte anfänglich vor allem Werbefilme, zum Beispiel für Schokolade und Zahnpasta. Über Verbindungen in Frankfurt erhielt das Studio 2003 den Auftrag, den dritten Teil der Anno-Serie zu produzieren, später folgten diverse Fortsetzungen und Add-Ons.

Pottkämper Blue Byte

Thomas Pottkämper mit einigen seiner ersten Projekte. Foto: Katharina Peetz

Im April 2013 akquirierte Blue Bytes Mutterkonzern Ubisoft nach Jahren der Zusammenarbeit offiziell das Related Designs Studio, aus dem dann das Blue Byte Studio Mainz wurde. Damit gehört es heute zu einem der größten Spieleentwickler der Welt. Derzeit ist der zweite Stock des Studios unter Verschluss – die Produktion am neuen ANNO 2205, das im November erscheint, läuft streng geheim.

Marktlücke Game-Musik

Blue Byte ist aber nicht der einzige große Player der Spieleindustrie, der in Mainz ansässig ist. Dynamedion in der Oberstadt hat sich auf die Audiogestaltung von Computerspielen spezialisiert. Pierre Langer und Tilman Sillescu haben in Mainz klassische Musik studiert und entdeckten 2001 mit der Produktion aufwändiger Musik für Games eine Marktlücke für sich. Geschäftsführer Pierre Langer bezeichnet das Unternehmen selbst als Vorreiter in diesem Bereich in Deutschland.

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Heute sei Dynamedion das größte Game-Audio-Studio Europas und international bekannt. Die Firma produzierte unter anderem auch die Musik für die von Blue Byte produzierte Anno-Serie.

Games Dynamedion

Bei Dynamedion stehen die Sounds zu den Games im Vordergrund. Foto: Katharina Peetz

Fluglärm und hohe Betriebskosten

Den Business-Standort Mainz haben beide Unternehmen eher zufällig oder aus persönlichen Gründen gewählt. Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag aus Rheinland-Pfalz, bezeichnet den Game-Standort Mainz und die Rhein-Main-Region im Vergleich zu großen deutschen Game-Städten wie Hamburg und Berlin als „zartes Pflänzchen“ mit dem Potenzial, zu wachsen.

Ein wichtiger Vorteil der Region sei die Nähe zum Frankfurter Flughafen, erklärt Thomas Pottkämper von Blue Byte. Für die internationale Ausrichtung der Firma seien Verkehrsknotenpunkte in der Nähe wichtig.

Games Dynamedion Langer

Für Pierre Langer von Dynamedion hat die Region Rhein-Main nicht nur Vorteile. Foto: Katharina Peetz

Für Dynamedion, die neben Musik auch andere Sounds aufnehmen, ist der Flughafen hingegen sogar eher ein Nachteil, sagt Pierre Langer:

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Auch die relativ hohen Betriebs- und Unterhaltskosten sind laut Langer ein Problem in Rhein-Main.

Dafür gibt es aber weitgehend gute Vernetzung an den Universitäten. Studiengänge wie Medien, IT & Management oder Zeitbasierte Medien an der Fachhochschule Mainz sind gute Voraussetzungen für einen Einstieg in die Game-Branche. Blue Byte sucht zum Beispiel immer wieder Praktikanten aus den Bereichen Informatik oder Design.

Nachwuchs ist in der Computerspiel-Industrie ein ambivalentes Thema. Pierre Langer erklärt das Problem und die Herausforderung der schnelllebigen und flexiblen Game-Szene:

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Computerspiele und Amokläufe

Laut Tabea Rößner ist dabei wichtig, dass kreatives Potenzial auch tatsächlich in unternehmerisches Handeln umgesetzt werde. Das scheitere teilweise schon an fehlenden Räumlichkeiten. Häufig haben junge Gamedesigner aber auch einfach nicht den finanziellen Hintergrund, um sich mit einer Idee selbstständig zu machen:

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Das liegt vor allem daran, dass die Spieleindustrie in Deutschland immer noch mit einem Imageproblem kämpft. Zwar erführen Games heute mehr Akzeptanz als vor einigen Jahren, sagt Thomas Pottkämper.

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Auch Auszeichnungen wie der Deutsche Computerspielpreis helfen dabei, das Image von Games zu verbessern. Trotzdem würden Computerspiele immer noch mit Ereignissen wie dem Amoklauf in Erfurt vor 13 Jahren in Verbindung gebracht, sagt Tabea Rößner. Zumindest unter ökonomischen Aspekten erntet auch Pierre Langer teilweise irritierte Reaktionen, wenn er von seinem Beruf als Game-Audio-Designer erzählt:

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Bei Banken einen Kredit zu bekommen, ist gerade für junge Spieleentwickler schwierig. Es gebe immer noch Vorbehalte, ob Game-Design eine zukunftsfähige Idee ist, so Rößner. Förderungen wie in der Filmindustrie gibt es zur Zeit nur vereinzelt und in der Regel nicht unter kulturellen, sondern rein ökonomischen Gesichtspunkten. Grünen-Sprecherin Rößner kritisiert das: „Es muss mehr in Richtung allgemeine Medienförderung gehen.“ In anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, seien Fördermodelle für Game-Design sehr viel ausgereifter, sagt Thomas Pottkämper. Das schade dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

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Ich bin nicht dafür, dass man Computerspiele fördert“

Pierre Langer von Dynamedion ist gegen Förderungen von Computerspielen. Für ihn sind Computerspiele in erster Linie Wirtschaftsprodukt, die sich ohne Subventionen am Markt durchsetzen müssen:

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Obwohl Deutschland mit 30 Millionen regelmäßigen Video- und Computerspielern einer der größten Abnehmermärkte ist, stehen deutsche Produktionen im internationalen Vergleich zum Beispiel mit Frankreich, Großbritannien, Japan und allen voran den USA zurück. Pierre Langer sieht den Computerspielmarkt nicht in deutschen Händen:

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Auf dem deutschen Markt geht der Trend derzeit zu Browser-Games und Spielen auf mobilen Geräten. Das verändert die Branche und die Art des Spielens, erklärt Langer.

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Das bietet neue Herausforderungen, aber auch neue Chancen – auch in der dann vielleicht ausgewachsenen Pflanze Rhein-Main.

(Beitragsbild: Blue Byte, Szene aus Anno 2205)

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