Der Mainzer Professor für Kriminologie, Michael Bock, über die vielen Senioren in deutschen Gefängnissen, die Hysterie bei Gewaltverbrechen und den realen Irrsinn in der Strafjustiz.

Michael Bock ist Professor für Kriminologie an der Uni Mainz.

Michael Bock ist Professor für Kriminologie an der Uni Mainz.

360 Grad Mainz: Unsere Gesellschaft altert und das macht sich auch in den Gefängnissen bemerkbar. Der Seniorenanteil in Haftanstalten wächst kontinuierlich, immer mehr Häftlinge gehören zur Generation 60 plus. Werden unsere Gefängnisse in Zukunft zu Rentnerkasernen?

Michael Bock: Das könnte uns blühen. Muss aber nicht.

360 Grad Mainz: Viele Ihrer Kollegen behaupten, der demografische Wandel würde zwangsläufig zu einer Überalterung in den Gefängnissen führen.

Michael Bock: Sehen Sie, die Demografie ist nur ein kleiner Teil des Problems. Ich würde sogar sagen, der kleinste Teil. Nur ein Prozent der männlichen Bevölkerung ist inhaftiert, da spielt die Demografie keine große Rolle in den Gefängnissen.

360 Grad Mainz: Woran liegt es dann, dass der Anteil an Senioren in den Gefängnissen immer größer wird?

Michael Bock: Der Wandel, der sich unter anderem in den Gefängnissen bemerkbar macht, ist weniger demografischer als vielmehr sozialer Natur. In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger feste Bindungen. Die Menschen haben in der Regel während ihres Lebens mehrere Jobs, müssen öfter umziehen und trennen sich häufiger von ihrem Partner. All das fördert Kriminalität und das sehen wir dann in den Gefängnissen. Denn diese Probleme treffen heute nicht mehr nur junge Leute, sondern eben auch Menschen Mitte Vierzig.

360 Grad Mainz: Aber Sie sagten vorhin, dass der Rentnerknast nicht zwangsläufig kommen muss.

Michael Bock: Ja, weil der soziale Wandel nicht allein verantwortlich ist für den steigenden Seniorenanteil in den Haftanstalten. Die Probleme, die jetzt auf die Gefängnisse zukommen, sind zuallererst hausgemacht. Sie hängen mit der immer härteren Verurteilung von Straftätern zusammen und mit der immer häufigeren Sicherungsverwahrung.

360 Grad Mainz: Und das ist oftmals nicht notwendig?

Michael Bock: Ich denke, das ist für unsere Gesellschaft sogar schädlich. Aber es ist politisch gewollt.

360 Grad Mainz: Inwiefern?

Michael Bock: Nun ja, in unserer Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Hysterie eingeschlichen, wenn es um Verbrechen geht. Ganz eklatant sieht man das bei Sexualdelikten und häuslicher Gewalt. Ich will diese Straftaten nicht verharmlosen, aber die Täter werden in den Medien dargestellt als Menschen, die nicht mehr Teil der Gesellschaft sind, die ausschließlich eine Bedrohung für uns darstellen. Politiker beugen sich dem öffentlichen Druck und erlassen immer strengere Gesetze für Straftäter.

Strafvollzug im Wandel

Während die absolute Anzahl an Strafgefangenen in Deutschland seit rund fünf Jahren kontinuierlich abnimmt, steigt die Anzahl älterer Gefängnisinsassen leicht an. Sichtbar wird das beim Vergleich der Gefangenenzahlen von 2009 mit denen von 2012:

  • 2009 befanden sich 61.878 Häftlinge in deutschen Gefängnissen, 2012 waren es nur noch 58.100 Gefangene
  • Im gleichen Zeitraum stieg aber die Zahl der Insassen über 40 Jahren von 7.518 auf 7.650
  • In Rheinland-Pfalz ist die Lage ähnlich, hier waren 2009 noch 2.994 Häftlinge untergebracht. 2012 waren es nur noch 2.987
  • Die Anzahl der Insassen der Generation 50 plus jedoch ist leicht gestiegen von 956 im Jahr 2009 auf 958 im Jahr 2012

360 Grad Mainz: Das heißt aber noch nicht, dass Richter Täter zu immer höheren Haftstrafen verurteilen müssen.

Michael Bock: Stimmt. Dennoch geht der öffentliche Druck auch nicht spurlos an den Gerichten vorbei. Denn auch ein Richter erfährt heute eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Nehmen wir die Sicherungsverwahrung: Wenn ein Richter einen Straftäter nicht in Sicherungsverwahrung nimmt und dieser nach seiner Haftstrafe wieder straffällig wird, steht der Richter in der Verantwortung. Andersrum verhält es sich hingegen, wenn er jemanden zur Sicherungsverwahrung verurteilt: Dann kann seine Entscheidung nie falsifiziert werden – weil der Straftäter sowieso keine Straftat mehr begehen kann.

360 Grad Mainz: Der Richter geht also kein Risiko ein, wenn er einen Straftäter lebenslang wegsperrt.

Michael Bock: Genau. Darum sind zum Beispiel auch differenzierte psychologische Gutachten vor Gericht nicht erwünscht. Weil der Richter dann selbst abwägen und entscheiden muss. Bei einem plakativen und eindeutigen Gutachten ist er aus dem Schneider. Deswegen werden auch immer die gleichen Gutachter bestimmt.

360 Grad Mainz: Das klingt so, als würden es sich Richter und Gutachter ziemlich bequem machen.

Michael Bock: In der Tat. Und aus meiner Sicht führt das zu einer krassen Fehleinschätzung der Gefährlichkeit dieser Straftäter. Aus der Sicherungsverwahrung ist höchstens jeder Zehnte gefährlich. Es gibt Untersuchungen, die beweisen, dass die praktizierte Sanktionierung jeder realen Grundlage entbehrt.

360 Grad Mainz: Wieso wird dagegen nicht politisch vorgegangen?

Michael Bock: Weil jeder Politiker, der die Gefährlichkeit von Straftätern in Frage stellt, politischen Selbstmord begeht – egal von welcher Partei er ist. Nehmen Sie den Fall Mollath in Bayern: Da hören Sie nichts von der SPD oder den Grünen. Weil die betreffenden Politiker sonst nicht mehr tragbar wären. Stattdessen führt man Stellvertreterdebatten darüber, wie notwendig Seniorengefängnisse in Zukunft sind.

360 Grad Mainz: Nun ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Wie gehen wir jetzt am besten mit den alten Knackis um? Wie inhaftiert man einen 70-Jährigen?

Michael Bock: Natürlich muss es eine gewisse Sonderbehandlung beim Strafvollzug älterer Täter geben, sofern sie die Gesundheit der Inhaftierten betrifft. Ansonsten bin ich aber kein Freund von einer Kasernierung nach Altersgruppen. Vielmehr müsste man die jungen Gefangenen mit den älteren durchmischen …

360 Grad Mainz: … um das gesellschaftliche Leben im Knast zu fördern ..

Michael Bock: … und um eine soziale Struktur zu erschaffen, die sich an die Wirklichkeit anlehnt. Das schafft viele Vorteile, zum Beispiel verstehen sich junge Straftäter gut mit den Insassen, die der Generation ihrer Großeltern angehören. Mit einem Wohngruppenvollzug, den es im Jugendstrafrecht schon gibt, könnte man die Häftlinge schon während der Haftzeit resozialisieren.

360 Grad Mainz: Also quasi eine WG für Häftlinge?

Michael Bock: Genau, das würde vor allem den jungen Insassen enorm helfen. Die Gefangenen müssten ihren Haushalt selbst führen. Einkaufsliste, Putzplan, alles was dazu gehört. Welche bessere Vorbereitung auf das Leben draußen kann es geben?

360 Grad Mainz: Aber Sie können doch einen 60-jährigen Serienmörder nicht mit drei Jugendlichen zusammensperren?!

Michael Bock: Klar kann man das nicht mit allen machen, deswegen muss man sich beim Strafvollzug sehr um die Biografie der Täter kümmern, aber das ist eigentlich ohnehin der Auftrag des Gesetzes. Dieser wird nur eben nicht berücksichtigt. Der Strafvollzug ist über weite Strecken rechtswidrig, weil er die Vorgaben des Strafvollzugsgesetzes nicht erfüllt.

360 Grad Mainz: Weil er überlastet ist?

Michael Bock: Das mag ein Grund sein, doch diese Merkelsche Rhetorik der Alternativlosigkeit greift zu kurz. Natürlich könnte die Justiz anders, die Leute müssten nur besser ausgebildet werden. Aber das eigentlich Entscheidende für einen Strafjuristen lernt man in der Ausbildung nicht.

360 Grad Mainz: Und das wäre?

Michael Bock: In erster Linie die kriminologische Einschätzung. Was soll mit einem Straftäter geschehen? Da geht es um die Länge der Strafe, ob man sie zur Bewährung aussetzt und wenn nicht, wie man den Straftäter inhaftiert. Da ist es wichtig, seine Gefährlichkeit richtig einzuschätzen und das können nur die wenigsten Strafjuristen.

Die Fragen stellte Dominique Roth.

Professor Michael Bock:

Michael Bock ist Professor für Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzugsrecht und Strafrecht an der Johannes Gutenberg-Universiät in Mainz. Promotion und Habilitation in Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen, dort außerdem Promotion in Jura. Sein Forschungsschwerpunkt an der Uni Mainz ist die Angewandte Kriminologie.