Zur Designerjeans ein weißes Hemd, frisch gebügelt, aber mehrere Knöpfe geöffnet; das Goldkettchen stolz über dem Brusthaar präsentiert, die Armbanduhr ebenso frisch poliert wie die markante Brille. Dazu ein freundliches, warmes Gesicht mit zwei glänzenden Augen, die auch nach sieben Nachtschichten nicht müde zu werden scheinen. Dieser Mann müsste nicht hinter der Theke stehen, um aufzufallen: Faro Moratowitsch, Betreiber der Mainzer Kultkneipe „Bavaria“.



Es ist 2.30 Uhr an einem Freitagmorgen und Faro Moratowitsch zapft in seiner Bahnhofskneipe „Bavaria“ für seine noch immer durstige Kundschaft. Moratowitsch, der darauf besteht, nur mit Faro angesprochen zu werden, wurde 1948 im damaligen Jugoslawien geboren. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der Betreiber der Mainzer Kultkneipe an der Bahnhofstraße 12 jedoch in Mainz verbracht. 1977 kam der aus einfachen Verhältnissen stammende Wirt samt Familie in die Domstadt, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.

Schon längst geht ihm das rheinhessische „Ei gude, wie?“ wie selbstverständlich über die Lippen. Der zweifache Familienvater sieht sich inzwischen nicht nur als „halben Mainzer“ an, sondern hat es in der Stadt auch zu einer kleinen Berühmtheit gebracht. Im Bahnhofsviertel von der Großen Bleiche bis zur Wallstraße, in dem es an Kneipen, Pubs und Strip-Clubs nur so wimmelt, ist Faro Moratowitsch der mit Abstand dienstälteste Betreiber eines Lokals überhaupt.

Bahnhofskneipe Bavaria

Das Bavaria in der Mainzer Bahnhofstraße

Der 66-Jährige hat in seinem langen Berufsleben schon viele Menschen rund um den Mainzer Bahnhof kennengelernt – und das Nachtleben dort entscheidend verändert. Wenn sich Moratowitsch mit seinen Kollegen vom gegenüberliegenden Bordell „Crazy“ oder den Betreibern der zwei Irish Pubs zusammensetzt, um über die Sicherheitsstandards am Bahnhof zu diskutieren, geht es heiß her. Oft ist es dann Faro Moratowitsch, der dazwischen geht und die Dinge in die Hand nimmt. So setzte sich der Kultwirt jahrelang für ein durchgehend höheres Polizeiaufgebot am Bahnhof ein. Seit einigen Jahren gehe es dort nun tatsächlich ruhiger zu, berichtet einer von Moratowitsch‘ Stammkunden, der von einer Messerstecherei vor knapp zehn Jahren noch schwer gezeichnet am Tresen des „Bavaria“ sitzt.

Man müsse halt „cool bleiben“, sagt Moratowitsch dazu nur. Gutmütig, in sich ruhend wirkt der Bahnhofswirt, in dessen Kneipe oft lautstark diskutiert oder gegrölt wird. „Daran habe ich mich gewöhnt“, sagt der gebürtige Jugoslawe. Für den Fall der Fälle wisse er sich trotzdem zu verteidigen: „Nur ist dieser seit vielen Jahren nicht mehr eingetreten.“ Dass es im Bahnhofsviertel immer wieder zu Schlägereien komme, sei ein Vorurteil, pflichtet ihm ein Kollege bei, der ebenfalls eine Kneipe betreibt. Vor allem die Studenten seien heutzutage viel friedlicher als noch in früheren Jahren.

Stammkundschaft im Bavaria

Am Tresen versammeln sich zu später Stunde die Stammkunden

Den Kuli in der Hemdtasche, das Portemonnaie am Gürtel fixiert, zieht Faro Moratowitsch seine Kreise durch seine Raucherkneipe, in der die Luft oft schneidend ist. Einen abgetrennten Raucherraum gibt es nicht – das „Bavaria“ ist ein einziger großer Raum mit riesigem Tresen und drei Spielautomaten als Fixpunkte. Den meisten Kunden schreibt der Wirt die Rechnung auf den Deckel. Selbst wer neu ist, muss selten direkt bezahlen. Sieben Tage in der Woche steht Moratowitsch hinter der Theke. Stets ab Mitternacht, unter der Woche bis 5 Uhr, am Wochenende bis um 6 Uhr oder noch länger. Da bleibt wenig Zeit für anderes. „Von 26 Urlaubstagen im Jahr kann ich nur träumen“, lacht Moratowitsch. Sein „Bavaria“ hat auch an Weihnachten und Silvester geöffnet. Dann wird sein Blick jedoch ausnahmsweise mal für ein paar Sekunden ernster: „In der Nachtschicht kommt halt das Geld rein, in den Stunden ab Mitternacht mache ich mehr als die Hälfte vom Umsatz.“

Entscheidend am Umsatz beteiligt ist das Glücksspiel. Wer an einem der drei Spielautomaten Roulette oder Poker spielen möchte, muss oft eine halbe Stunde oder länger warten, da die Maschinen fast durchgehend belegt sind. Nicht selten wandern 50 Euro oder mehr in die Automaten. Für den zockenden Teil seiner Kundschaft hat Moratowitsch vor einigen Jahren extra eine Geldwechselmaschine angeschafft, die Scheine in Kleingeld verwandelt. „Da sitzen schon oft ein paar komische Gestalten“, meint ein Geographiestudent, den es am Wochenende manchmal ins „Bavaria“ zieht. „Die sehen teilweise total fertig aus, der Faro ist meistens der bestgekleidete Mann im ganzen Laden.“ Natürlich habe er viele Stammkunden, berichtet der Wirt. Spannend sei es für ihn aber gerade, immer wieder neue Leute kennenzulernen. Gerade diese Mischung mache das besondere Flair der Bahnhofskneipe aus, findet einer der Stammkunden des Kultwirts. „Vom Asozialen bis zum Richter ist hier echt alles dabei.“ Nach zwei Bier seien ja ohnehin alle Menschen gleich.

Spielautomaten

Die drei Spielautomaten laufen rund um die Uhr

Im Hintergrund hängt ein Teller mit König Ludwig II. an der Wand. Daneben tickt eine blau-weiße Bayernuhr mit dem Wappen des Bundeslandes. „In Bayern gehen die Uhren anders“, steht auf der Uhr – passend dazu tickt sie gegen den Uhrzeigersinn. Ab und zu bietet Kultwirt Faro Moratowitsch ein bayrisches Gericht an, Weißbier gibt es selbstverständlich auch. Sonst wird das „Bavaria“ seinem Namen nicht wirklich gerecht. „Mir hat der Name ganz gut gefallen, ich mag Bayern“, sagt Moratowitsch. Deshalb aber alles blau-weiß gestalten und bayrische Musik abspielen? „Nee. Mir sind andere Sachen wichtiger“, sagt der Kultwirt, zapft noch ein Bier und widmet sich wieder seinen Gästen am Tresen.

Nach einer durchtanzten Nacht in den Studentenklubs wie dem „Schon Schön“ oder „Red Cat“ gehört für viele Mainzer ein Absacker am Bahnhof einfach dazu. Das „Bavaria“ ist neben „Ullis Nachtschicht“ die einzige Kneipe im Bahnhofsviertel, die durchgehend bis 5 Uhr oder länger aufhat. Menschen wie Faro Moratowitsch leben von diesem Publikum. Was die Arbeit in der Nacht so besonders macht? Moratowitsch muss lange überlegen, bis er eine Antwort parat hat. Die Nacht sei einfach voller Gegensätze. Oft sehr laut, vor allem am Ende der Nacht aber ganz leise. „Ausgelassen aber auch melancholisch“, findet der Wirt, um dann hinzuzufügen: „Es gibt schlimmere Uhrzeiten, um sein Geld zu verdienen.“

Fotos: Daniel Blum