Hübsche Fachwerkhäuser, urige Weinstuben, ausgelassene Fastnacht – Mainz ist gemütlich und lebensfroh. Das schätzen die Menschen, die hier wohnen, und lockt Gäste in die Stadt. Doch ein Blick hinter die Kulissen offenbart die dunklen Seiten von Mainz. Ob Hexenjagd, Folter oder Mord – im Geschichtsbuch der über 2000 Jahre alten Stadt am Rhein finden sich zahlreiche Verbrechen und Unglücke. Julius Braun, Robert Köhler, Malena Menke und Cordelia Neumetzger haben sich auf die Suche nach den Schattenseiten von Mainz gemacht, und einige Ereignisse quer durch die Geschichte genauer unter die Lupe genommen.

Sankt Alban verliert seinen Kopf

406 n. Chr.: Es ist die Zeit, in der die Volksstämme der Vandalen, Alanen und Sueben aus den unteren und mittleren Donaugebieten (heutiges Rumänien und Bulgarien) nach Westen vordringen. Auf ihren Raubzügen verbreiten sie Angst und Schrecken. Sehr kalt ist es in diesem Winter des Jahres 406 / 407 n. Chr. Der Rhein bei Mainz ist komplett zugefroren. So können die plündernden, raubenden und brandschatzenden Horden auch zu den linksrheinischen Städten gelangen. In der Neujahrsnacht fallen sie in Mainz ein. Alban, ein Priester und Missionar aus Rom, der sich gerade in Mainz aufhält, wird beim Beten von ihnen überrascht. Er versperrt ihnen den Weg in die Kirche. „Halt, hier ist das Haus Gottes!“, ruft er ihnen entgegen. Doch das beeindruckt die Eindringlinge wenig. Sie fackeln nicht lange und schlagen ihm mit einer Streitaxt den Kopf ab. Doch hier möchte Alban nicht liegenbleiben. Der Legende nach nimmt er seinen Kopf in beide Hände und läuft eine Anhöhe hinauf. Erst dort bricht er an der Stelle zusammen, an der er begraben werden will. Am selben Platz wird das Albankloster erbaut, das im 16. Jahrhundert zerstört wird. Heute steht dort in Mainz-Trebur die Kirche St. Alban.

Der enthauptete St. Alban hält seinen eigenen Kopf in den Händen: Statue im Mainzer Dom

Enthaupteter St. Alban: Statue im Mainzer Dom

Das blutige Ende des Arnold von Selenhofen

24. Juni 1160: In der „dritten goldenen Stadt der Christenheit“ wie Mainz im Hochmittelalter genannt wird, ernennt Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1153 Arnold von Selenhofen zum kirchlichen Oberhaupt des Bistums Mainz. Doch ein Herrscher von Gottes Gnaden – das ist Selenhofen nicht. Allenfalls einer von Barbarossas Gunst, denn zuvor diente er ihm bereits als Reichskanzler. Sonst hat er nicht viele Freunde. Weder im Klerus und schon gar nicht unter der stolzen und privilegierten Mainzer Bevölkerung. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn als herrisch, arrogant und jähzornig. Während seiner Regentschaft ist er ständig knapp bei Kasse und bedient sich daher bei den Bürgern. Und so wird ihm – im verflixten siebten Jahr seiner Regentschaft – auch die Gier zum Verhängnis. Um Barbarossas Italienfeldzüge mitfinanzieren zu können, treibt Selenhofen mal wieder Steuern bei den Mainzern ein. Während der Erzbischof mit Barbarossa in Mailand weilt, begehren die Mainzer auf. Nachdem ihr Aufstand gewaltsam niedergeschlagen worden ist, wähnt sich Selenhofen in Sicherheit und kehrt nach Mainz zurück. Doch die Einwohner bereiten ihm keinen freundlichen Empfang . In der Johannisnacht am 24. Juni 1160 spüren sie ihn in der Klosterkirche St. Jakob auf dem Zitadellenberg vor der Stadt auf. Selenhofen versucht, hinunter zum Dom zu fliehen. Doch vergebens. Die Meute erwischt ihn und schleift ihn zurück in die Klosterkirche. Der Weg wird zu Selenhofens Martyrium. Unterwegs schlagen, würgen sie ihn und stechen auf ihn ein. Schließlich wird er mitsamt der Kirche angezündet. Bis in den Tod hinein demütigten die Mainzer ihren gierigen Bischof und lassen seine verbrannten Überreste auf dem Feld liegen. Erst drei Tage später erbarmen sich Mönche seiner Leiche und lassen ihn endlich christlich begraben. Traurigen Ruhm erlangt Selenhofen trotzdem – er ist der einzige, bekanntermaßen ermordete Erzbischof in Mainz.

Kirchenfenster im Mainzer Dom mit Abbild von Arnold von Selenhofen

Ermorderter Erzbischof: Arnold von Selenhofen

Verfolgt und ermordet wegen Hexerei

19. Juni 1481: Die Hexenhatz in Mainz beginnt: Der Dominikanermönch Jakob Sprenger wird zum Inquisitor für das Erzbistum Mainz ernannt. Sprenger ist Mitverfasser des berüchtigten „Hexenhammers“, dem päpstlich genehmigten Leitfaden zum Foltern und Ermorden von Hexen. In seiner Bulle „Summis desiderantes affectibus“ hebt Papst Innozenz VIII. hervor, dass „in den Provinzen von Mainz […] zahlreiche Menschen […] durch Dämonen missbraucht werden.“ Die Ernennung von Sprenger zum Inquisitor ist das erste Zusammentreffen von Kurmainz mit der Hexenverfolgung. Die Hexenverfolgung im Kurfürstentum Mainz nimmt zum 16. Jahrhundert sprunghaft zu und erlebt ihren Höhepunkt Anfang des 17. Jahrhunderts. Zwar ist ganz Deutschland vom Hexenwahn betroffen, doch in konfessionellen Grenzgebieten, etwa im Südwesten, im Rheinland und in Teilen Hessens grassiert die Hatz besonders. Das Kurfürstentum Mainz ist eines der Zentren. Insgesamt sterben hier über 1000 Menschen, ermordet wegen Hexerei. Für die Stadt Mainz existieren wenige Nachweise für Hinrichtungen. Der Schwerpunkt der Verfolgungen lag im Oberstift, also im Maintal, Taubergebiet und im Odenwald. In Dieburg etwa wurde während der Inquisition ein Viertel der 800 Bewohner hingerichtet. Die letzten beiden Hinrichtungen von „Hexen“ in Kurmainz fanden 1684 in Worbis im Eichsfeld statt.

Abbild von Papst Innozenz VIII.

Fördert den Hexenwahn: Papst Innozenz VIII., Quelle: Wikimedia Commons

Sünde und Folter: Das Mainzer Zuchthaus

17. Jahrhundert: Völlerei, Stolz und Hochmut: Für diese Todsünden konnte ein Mainzer Bürger im Mittelalter schon mal im Gefängnis landen. Eine harte Strafe, denn das „Zuchthaus“ in der Weintorstraße kannte zu dieser Zeit rabiate Methoden, um Taugenichtse das Fürchten zu lehren. Insassen büßten dort in der sprichwörtlichen „Tretmühle“ für ihre Sünden, einem überdimensionalen Holzrad, das meist eine Wassermühle antrieb. Bewegt wurde so ein Rad üblicherweise von Tieren – oder, wie im Mainzer Zuchthaus, von Menschen. Stundenlang ließen die Wärter Inhaftierte im Innern des Rades laufen, oft bis zur körperlichen Erschöpfung. Wer stürzte, riskierte schwere Brüche und Quetschungen. Im 17. Jahrhundert saßen in der Weinstraße (damals noch Zuchthausstraße genannt) vor allem Bettler und Vagabunden ein. Und was ihnen dort blühte, war in der Stadt durchaus kein Geheimnis. Mittelalterliche Herrscher legten Wert darauf, dass das Leid der Kriminellen für die übrige Bevölkerung gut sicht- und hörbar war. Zuchthäuser bauten sie deshalb oft mitten in der Stadt, nahe belebten Plätzen. Sünder standen auf dem Marktplatz am Pranger oder brannten auf hoch aufgetürmten, gut sichtbar postierten Scheiterhaufen. Abschreckung schützt vor Sünde, so lautete die Devise. Um 1900 wurde das Mainzer Zuchthaus an der Weintorstraße aufgelöst. Aber noch heute ist am Portal des Gebäudes das mittelalterliche Relief mit Eber, Löwe und Hirsch zu erkennen: Den Sinnbildern für die Todsünden Völlerei, Stolz und Hochmut.

Das mittelalterliche Relief am einstigen Zuchthaus in der Weintorstraße zeigt mit Eber, Löwe und Hirsch die Sinnbilder für die Todsünden Völlerei, Stolz und Hochmut

Sinnbilder für Todsünden: Relief am einstigen Zuchthaus

Mainz steht in Flammen: Pulverturmexplosion

18. November 1857: Es hätte ein ruhiger Nachmittag werden können, ein Arbeitstag wie jeder andere im Mainzer Stadtviertel Kästrich. Wie überall in der Stadt ziehen dieser Tage preußische und österreichische Soldaten durch die Straßen. Mainz ist militärstrategisch wichtig, für den Fall eines Krieges allzeit gewappnet. 12.000 Zentner Munition lagern in der Stadt, verteilt auf verschiedene Magazine. Ein großer Teil davon im Pulverturm, der oberhalb des Kästrich aufragt: 200 Zentner Sprengstoff, 700 Granaten und 240 Zünder liegen dort. Dieses Waffenlager wird der Stadt am 18. November 1857 zum Verhängnis: Eine Druckwelle rollt über die Stadt, schleudert Stein, Glas, Holz mit sich. Scheiben springen, Menschen schreien in Todesangst. Der Pulverturm ist explodiert. Die Feuerwehr kann das Inferno nur langsam zurückdrängen. Um weitere Explosionen zu verhindern, werden alle unterirdischen Munitionslager um den Pulverturm geflutet. Nach tage- und nächtelangem Kampf zeichnet sich das Ausmaß der Katastrophe ab: 153 Menschen starben in beißendem Pulverdampf und Trümmerregen. Hunderte weitere wurden bei der Detonation schwer verletzt. Haushohe Schuttberge sind alles, was vom Wohnviertel Kästrich übrig ist. Heute erinnert fast nichts mehr im Stadtbild daran, was am 18. November 1857 geschah. Fast: Denn ein großer Giebelstein des Pulverturms wurde an diesem Tag bis zum Ballplatz geschleudert – und dort liegt er bis heute.

Stadtansicht von Mainz mit dem explodierenden Pulverturm - eine riesige Rauchwolke steigt auf und breitet sich aus (Zeichnung)

Explodiert: Der Pulverturm in Mainz, Quelle: www.regionalgeschichte.net

Judenverfolgung im Nationalsozialismus

9. November 1938: Reichspogromnacht in Mainz. Die Gewalt gegen die Juden eskaliert. Jüdische Geschäfte und Wohnung werden verwüstet, Juden misshandelt, verhaftet und ermordet. Die Horden von SA und SS brennen die Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße nieder, verwüsten die Synagoge der orthodoxen Juden in der Flachsmarkstraße und zünden das Mobiliar an. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zeigt in Mainz schon bald erste Folgen. Anfang März 1933 werden zahlreiche jüdische Beamte entlassen. Die SA besetzt die Eingänge jüdischer Geschäfte und ruft zum Boykott auf. Am 20. März 1942 werden 468 Juden abgeholt und in die Turnhalle der Feldbergschule geschafft. In der Nacht bringen Laster die Menschen dann zum Güterbahnhof. Am 27. September 1942 folgen ihnen weitere 453 Mainzer Juden, am 30. September wieder 178. Das ehemalige jüdische Krankenhaus (in der heutigen Fritz-Kohl-Straße) wird komplett samt Ärzten und Personal deportiert. Hier hatten nach den Novemberpogromen viele ältere Juden Unterschlupf gefunden. Der Sonderzug der Reichsbahn führt entweder direkt in die Vernichtungslager oder über Darmstadt nach Piaski bei Lublin oder Theresienstadt bei Prag. Viele Juden, die von ihrer Deportation erfahren, begehen Selbstmord. Zu Kriegsende leben noch etwa 60 Juden in Mainz. Insgesamt wurden aus Mainz mehr als 3240 Juden deportiert.

Säulenreste der Hauptsynagoge vor der Neuen Synagoge Mainz

Verwüstet: Von der alten Hauptsynagoge stehen heute nur noch ein paar Säulen

Auftragskiller der Mafia gefasst

26. Januar 2005: In Mainz hat Raffaele L. Unterschlupf gefunden. Seit einer „nicht unerheblichen Zeit“ lebt er in der Stadt, vollkommen „unbehelligt“, doch das ändert sich an diesem Tag im Januar: Das Bundeskriminalamt hat den 56-Jährigen aufgespürt. Raffaele L. ist nicht irgendein Kleinkrimineller, nein, er ist Auftragskiller der italienischen Camorra. Zwei Menschen soll er getötet, weitere Straftaten begangen haben. Schon im Januar 2004 war er für den Mord am Bruder eines Staatsanwalts zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Seitdem ist das Mitglied des kriminellen Familienclans aus Neapel auf der Flucht. Der Mafioso zählte zu den 30 meistgesuchten Straftätern Italiens. Gemeinsam mit ihren italienischen Kollegen sind die Zielfahnder des Bundeskriminalamts dem Killer auf die Schliche gekommen. Mit Hilfe der Mainzer Polizei gelingt es dem Mobilen Einsatzkommando des BKA, den Mann am 26. Januar 2005 festzunehmen. Schon einen Tag später wird er der Ermittlungsrichterin vorgeführt, die den Haftbefehl verkündet.

Außenansicht des Mainzer Polizeipräsidiums in der Altstadt mit blau leuchtendem Schriftzug "POLIZEI"

Festgenommen: Ein italienischer Auftragskiller wird in Mainz aufgespürt

Tote Frau in der Zanggasse sorgt für Aufsehen

20. August 2011: Drogenszene und Rotlichtmilieu – das gehört der Vergangenheit an. Die Zanggasse hat ihr Image als Schmuddelecke in den vergangenen Jahren erfolgreich abgeschüttelt. Doch im Sommer 2011 sorgt die Straße im Mainzer Bleichenviertel erneut für Aufsehen: In einer Dachgeschosswohnung finden Polizisten die Leiche einer jungen Frau. Sie ist so stark verwest, dass Rechtsmediziner das Verbrechen nicht vollständig rekonstruieren können. Was ist passiert? Sicher ist: Die 30-Jährige war in der Tatnacht direkt nebenan in der Dorett Bar, früher Erotikbar, heute eine angesagte Kneipe, die nur noch nach Erotik aussieht. Dort bandelt sie mit dem Aushilfstürsteher an, sagen Zeugen. Gegen zwei Uhr morgens machen sich beide auf den Weg in die Wohnung des 32-Jährigen. Was dann passiert, ist unklar. Ein Messerstich in den Hals, vielleicht sind es auch mehrere, durchtrennt die Halsschlagader der Frau fast vollständig, sie verblutet. Als der 32-Jährige um sechs Uhr morgens zurück in die Dorett Bar kommt, ist ihm nichts anzumerken. Ganz normal habe er sich verhalten, berichten Gäste, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Bar aufhalten. Am darauffolgenden Tag arbeitet er wieder als Türsteher. Erst ein paar Tage später bemerken Nachbarn des Mannes üblen Geruch im Hausflur – und rufen die Polizei. Der 32-Jährige gesteht, doch zu den genauen Umständen und dem Motiv schweigt er. Im Mai 2012 entscheidet das Landgericht, dass der Mann wegen Totschlags für acht Jahre ins Gefängnis muss.

Straßenansicht der Zanggasse bei Nacht

Erstochen: Eine tote Frau in der Zanggasse sorgt für Aufsehen

Mit Material von Geographie für Alle e.V. und dem Stadtarchiv Mainz
Fotos: Robert Köhler, Julius Braun