Null Uhr. Mitternacht. Geisterstunde in Mainz. Still und friedlich liegt die Innenstadt im Schein des Mondes. Das Licht der Straßenlaternen erhellt Plätze, Straßen und Gehwege. Der Dom leuchtet dank starker LED-Strahler sogar besonders grell. Nein, erschaudern braucht hier niemand. Wer Spuk und Grusel sucht, muss die Stadt schon ein wenig hinter sich lassen. In Finkenbach-Gersweiler, knapp 50 Kilometer von Mainz entfernt, steht ein Haus mit schauerlicher Vergangenheit. Eine Geistervilla, die selbst bei Tageslicht unheimlich wirkt.

Auf dem Weg zum vermeintlichen Geisterhaus

Auf dem Weg zum vermeintlichen Geisterhaus

Ein wenig Aberglaube gehört natürlich dazu. Wer sich auf einen Gruselpalast einlassen will, der muss schließlich zumindest offen sein für das Übernatürliche. Offen für etwas, das sich nicht rational erklären lässt. Offen für Zeichen, Mythen und schlechte Omen: Der sich langsam verdunkelnde Himmel. Die schwarze Katze, die von links nach rechts über die Straße trippelt. Der fehlende Handyempfang, sobald das Ortsschild von Finkenbach-Gersweiler erreicht ist. Es kann schon ein wenig beklemmend werden auf dem Weg in ein 300-Seelen-Dorf, in dem es angeblich spukt.

Eine schwarze Katze kreuzt die Straße

Und plötzlich steht sie da. Wie aus dem Nichts: Die vermeintliche Geistervilla. Direkt am Ortseingang türmt sie sich auf, monumental und bedrückend zugleich. Verwildert, verwahrlost und doch irgendwie prunkvoll. Und mit einem Mal wird dem Betrachter klar, warum in den Geisterforen im Netz immer wieder vom Viktoriastift in Finkenbach-Gersweiler die Rede ist. Warum sich so viele Menschen mit dem Hang zum Paranormalen nach dem kleinen Ort im Moscheltal erkundigen. Und warum so viele Geisterjäger schwärmen von der Villa mit der ganz besonderen Aura.

Herrschaftliches Anwesen: Zugang ist streng verboten

Herrschaftliches Anwesen: Zugang ist streng verboten

Der verfallene Gutshof wirkt wie eine eigens für einen Horrorfilm konstruierte Kulisse. Gerahmt von zwei ebenfalls gewaltigen Stallungen ragt das imposante Herrenhaus empor. Eine Treppe, die eines Märchenschlosses würdig wäre, führt hinauf auf die große Terrasse. Direkt über dem barocken Eingangstor beginnt die gigantische sechseckige Dachkonstruktion. Wie Augen ragen zwei Erkerfenster hervor. Ein Monster von einem Haus.

Düstere Vergangenheit

Der Glanz vergangener Tage ist noch immer zu erahnen. Auch wenn inzwischen Unkraut und Dornbüsche wuchern, wo einst der rote Sandstein erstrahlte. Nicht nur die äußere Erscheinung, auch die Geschichte des Landguts verleiht dem Anwesen eine gespenstische Aura. 1919 ließ der Kaufmann Hermann Liesmann das Landgut im neubarocken Stil erbauen.

Anmerkung der Redaktion: Wir warnen dringend davor, das Anwesen zu betreten. Der Eigentümer verweist darauf, dass das Haus von einem Sicherheitsdienst bewacht wird. Wer sich unrechtmäßig Zutritt zum Anwesen verschafft, muss mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und gegebenenfalls Einbruchs rechnen.

Liesmann, geboren in großer Armut, war in Finkenbach-Gersweiler aufgewachsen. Mit Eisenwarengeschäften zu Reichtum gekommen, wollte er im neuen Anwesen mit Familie, Dienstboten und Tieren seinen Lebensabend verbringen. Doch das Gut brachte Liesmann kein Glück. Die Kosten für das Anwesen überstiegen sein Vermögen und so musste er 1929 Konkurs anmelden. Kurz darauf wurde er wegen Korruption verhaften. Verarmt und von den Nazis verfolgt starb Lieser 1959 in einem kleinen Anwesen  neben seinem Elternhaus. Der Viktoriastift in Bad Kreuznach kaufte das Land  und machte es zu  einem Kinderheim. 1928 brannten Stallungen und Verwaltunsgebäude aus ungeklärter Ursache nieder. In den Kriegsjahren diente das Stift dann auch als  Müttergenesungsheim und Quartier für Soldatentruppen. Nach dem Krieg 50er Jahre funktionierte man das Victoriastift zum Heim für alte und geistig behinderte Frauen  um. Ein Altenheim, mit einem düsteren Geheimnis.

Skandal in Finkenbach-Gersweiler

1970 machte das Viktoriastift bundesweite Schlagzeilen. Über sechs Jahre lang, soll die 53-jährige  Heimleiterin Margarethe Putzler 46 Frauen gequält und misshandelt haben. Ein Vorwurf ist dabei besonders grauenvoll: Unliebsame Seniorinnen sollen mitsamt Bett in den Keller verfrachtet und dort ohne Essen und Trinken dem Tod überlassen worden sein. In alten Filmen des Südwestrundunk sind einige der Heimbewohnerinnen zu sehen. Der Hass auf die Heimleiterin spiegelt sich in den Gesichtern der Frauen wider, ebenso die Erleichterung, dass ihr Martyrium vorrüber ist.  Eine alte Frau spricht mit brüchiger Stimme in die Kamera: „Ich habe immer gesagt: Es wird der Tag kommen, da wird sie zittern, die Schwester Margarethe.“ Während sie redet, huscht ein genugtuendes Lächeln über ihr zerfurchtes Gesicht, das einen frösteln lässt.

Gerüchte über die Misshandlungen im Altenheim gab es damals schon lange im Dorf, doch erst ein Diakon erstattete Anzeige. Das Bad Kreunacher Stift suspendierte  Margarethe Putzler daraufhin vom Dienst. Sie wurde verhaftet.  Kurz darauf schloss auch das Viktoriastift. Für immer.  Der Skandal, der an dem Haus klebte, war zu groß. Die Pracht des Anwesens lockte auch danach immer Investoren an. Der Griesheimer Heinz Schecker kaufte Teile des Anwesens, mit dem Ziel, eine moderne Ferienanlage zu errichten. Doch die Träume von Sportzentren, Seniorenresidenzen und gigantischen Outdoor-Rolltreppen zersschlugen sich. Heute ist das Anwesen unter mehreren Eigentümern aufgeteilt und verfällt kontinuierlich.

Einen kleinen Eindruck vom Inneren des Hauses liefert dieses Video auf Youtube

Paradies für Geisterjäger

Die verlassene Villa ist ein Paradies für Geisterjäger und Hobbyfotagrafen. Gleich mehrere Grüppchen streifen durch die zugewucherte Hofanlage. Aus ihren Taschen lugen Vodoo-Puppen und Kerzen hervor. Glaubt man den Einträgen in den Internet-Foren, wollen sie damit die Seelen der Toten aus ihrem nasskalten Kellergefängnis befreien. Eine Idee, die dem Besitzer des Anwesens offenbar nicht wirklich gefällt.

Schwarze Gestalten durchstreifen den Viktoria-Stift

Schwarze Gestalten durchstreifen den Viktoria-Stift

Die Bewohner von Finkenbach-Gersweiler erzählen von einer großen Polizeirazzia im Jahr 2012. Damals wurden sogenannte Geo-Cacher verhaftet, junge Schatzjäger, die sich den Viktoriastift als Ziel ihrer GPS-gesteuerten Schnitzeljagd ausgesucht hatten. Im Ort kann man darüber nur schmunzeln. Hier haben sich die Leute längst an den Anblick der unheimlichen Villa gewöhnt.

Erste Hinweise von Dorfbewohnern

Erste Hinweise von Dorfbewohnern

Gerhard Baier kennt die dunkle Vergangenheit des Viktoriastifts. So wie scheinbar jeder hier im Ort. Trotzdem glaubt er nicht, dass wirklich etwas Schlimmes in dem Haus passiert ist. Die Bildzeitung habe das alles hochgespielt, sagt er. Niemand sei in dem Haus gestorben und Geister gebe es dort erst recht nicht. „Mich nerven die vielen Touristen, die ständig im Dorf aufkreuzen, natürlich. Aber was will man dagegen machen.“

Zwei Häuser weiter wohnt der ehemalige Pächter des Bauernhofes an der Geistervilla. Hubertus Heinke ist 79, ein untersetzter Rentner mit dicken Brillengläsern und wachem Blick. Er und seine Frau Trude zeigen uns alte Aufnahmen des Stifts.

Vergangene Zeiten: Der ehemalige Pächter zeigt uns den Stift zu seiner Blütezeit

Vergangene Zeiten: Der ehemalige Pächter zeigt uns den Stift zu seiner Blütezeit

Der alte Pächter seufzt und grantelt, als er die Bilder sieht. „Es ist jammerschade, dass so etwas schönes einfach verfällt.“ Die vielen Spekulanten hätten in ihrer Geldgier den Stolz von Finkenbach-Gersweiler zerstört. Die Heinkes haben einst ihre Hochzeit im Victoriastift gefeiert. Auf Bildern ist die Hochzeitsgesellschaft zu sehen, stolz lächelnd im majestätischen Foyer des Stifts. „Ein wunderschöne Erinnerung“, sagt Ehefrau Trude und streicht zärtlich über die leicht vergilbten Aufnahmen.

Hochzeit im Viktoriastift

Hochzeit im Viktoriastift

Hubertus steigt auch heute noch manchmal über ein Kellerfenster in das Gebäude ein. Auch, wenn es eigentlich verboten ist.  „Nur um nach dem Rechten zu sehen.“ Einmal Pächter, immer Pächter. Geister hat er dort noch nie gesehen. An der Geschichte, dass hier Frauen gequält wurden, sei ohnehin nicht viel dran. „Das hätten wir doch gemerkt.“  Die Heimleiterin Schwester Margarethe habe eben die Verantwortung gehabt, ergänzt seine Frau. Da müsse man auch mal mit harter Hand durchgreifen. Was aus der Schwester geworden, wissen auch die Heinkes nicht. „Die kam ja nicht von hier“, sagt Trude Heinke.  Ihr Blick wandert nachdenklich über die Straße, zum benachbarten Stift. Ein Schrei gellt über die Straße. Schaulustige, vermutlich.  „Diese Leute glauben halt, was sie wollen“, sagt sie leise.  „Daran kann man ja nichts ändern.“

Fotos: Julius Braun