Sie kommen aus China, Russland, Griechenland, den Niederlanden oder dem Irak. Viele Mitarbeiter am Mathematischen Institut der Uni Mainz haben ausländische Wurzeln. Die Gründe, die sie nach Deutschland geführt haben, sind so vielfältig wie die Länder, aus denen sie stammen.

Von Miriam Hegner

Fei Yu, Guitang Lan und Mao Sheng

Besonders exotisch sieht es nicht aus, das Institut für Mathematik auf dem Campus der Uni Mainz. Außen grauer Waschbeton im pragmatischen Siebzigerjahre-Stil, der Eingang versteckt zwischen Büschen, geparkten Fahrrädern und zwei riesigen grauen Müllcontainern. Drinnen graumelierter PVC-Fußboden und weiße Wände, die einen neuen Anstrich gebrauchen könnten.

Doch wenn Katherine Pillau aufzählt, woher die Mitarbeiter am Institut kommen, klingt das nach Ferne und Weltreise: China, Russland, Griechenland, Irak. „Ja, bei uns geht es international zu“, sagt sie und lächelt. Sie scrollt die Mitarbeiterliste auf ihrem Bildschirm rauf und runter und liest zum Beweis die Namen vor. Katherine Pillau, Kurzhaarschnitt, randlose Brille und hellgraue Bluse, ist Sekretärin am Mathematischen Institut, zuständig für den Haushalt und für zwei der mathematischen Arbeitsgruppen, Komplexe Analysis und Geometrie und Topologie. Ihr kleines Büro mit dem großen Fenster liegt im vierten Stock des Institutsgebäudes. Ein Kalender und Klebezettel hängen an der Wand, Computer, Drucker, Telefon, alles griffbereit, alles im Griff.

Katherine Pillau

Blieb für die Liebe in Deutschland: Katherine Pillau. (Foto: Miriam Hegner)

Wenn Katherine Pillau Deutsch spricht hat sie einen englischen Akzent. Sie ist in Hongkong aufge-wachsen, der Vater Engländer, die Mutter Chinesin, Chinesisch und Englisch sind ihre Muttersprachen. Sie fühlt sich wohl im internationalen Umfeld des Mathe-Instituts. Kein Wunder: Sie hat in den USA studiert, Auslandssemester in Frankreich gemacht und war für ihren Arbeitgeber je ein Jahr in Amsterdam, Paris und Frankfurt. Dort hat sie dann Herrn Pillau kennengelernt, das war 1984. Seitdem wohnt sie in Heidenfahrt, etwa 15 Autominuten von Mainz entfernt. „Hongkong ist schon irgendwie noch Heimat für mich, aber ich lebe gern hier.“

Verkehrssprache Deutsch

Deutsch zu lernen war schwer, sagt sie. „Aber wenn man sich entschließt, in einem Land zu leben, muss man auch die Sprache lernen. Ich mache allerdings immer noch kleine Fehler, vor allem mit den Endungen.“ Mit Briefen und E-Mails helfen ihr die deutschen Kolleginnen. „Ich helfe ihnen dafür mit Englisch. Das ist eine echt gute Atmosphäre hier am Institut. Wir sind wie eine Familie.“

Obwohl die Mitarbeiter am Institut aus so vielen verschiedenen Ländern kommen – oder vielleicht gerade deswegen – wird meist Deutsch gesprochen. Mit ihrem Chef, Professor Kang Zuo, spricht Katherine Pillau ebenfalls Deutsch, obwohl auch er aus China kommt. „Er spricht Mandarin-Chinesisch und ich Hongkong-Kantonesisch,“ erklärt sie, „da würden wir uns gar nicht verstehen. Deshalb Deutsch.“

Kang Zuo in seinem Büro

Kam vor 30 Jahren nach Deutschland: Professor Kang Zuo in seinem Büro. (Foto: Miriam Hegner)

Professor Kang Zuos Büro liegt direkt neben dem von Katherine Pillau. Es ist kaum größer als ihres, Ordner liegen auf dem Tisch, Bücher, Papier, Kaffeetasse, Arbeitsatmosphäre. Kang Zuo hat wenig Zeit, gerade kommt er von einer Dienstreise zurück. Er ist 1982 nach Deutschland gekommen, erzählt er, auf Empfehlung seines damaligen Professors, hat in Bonn sein Diplom und seinen Doktor gemacht. Dass er hier bleiben würde, war damals noch nicht sein Plan. „Das hat sich eher so ergeben.“

Er habilitierte in Kaiserslautern, forschte dann unter anderem in Harvard und hatte vier Jahre lang eine Professorenstelle in Hongkong. Doch es war klar, dass er danach wieder nach Deutschland gehen würde, schon wegen der Familie. „Meine Frau und meine Kinder wollten wieder zurück nach Deutschland. Die Schulen sind hier auch besser.“ Seit 2004 arbeitet er nun an der Uni Mainz, derzeit mit vier wissenschaftlichen Mitarbeitern. Drei dieser wissenschaftlichen Mitarbeiter kommen aus China, einer kommt aus dem Iran, keiner aus Deutschland. „Das ist aber Zufall“, sagt er, „ich suche ja nicht nach Nationalität aus. Ich nehme einfach die Leute, die gut sind.“

Deutschland liegt vorn in Sachen Mathematik

Mao Sheng und Fei Yu sind zwei dieser guten Leute, sie teilen sich ein Büro im vierten Stock, ihre Schreibtische stehen sich gegenüber. Guitang Lan, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter, hat sein Büro ein Stockwerk tiefer, doch er nimmt den Weg gern auf sich, um die Kollegen in ihrem Büro zu besuchen. Sie alle stammen aus China, nach Deutschland gekommen sind sie, weil Deutschland vorne liegt in der Mathematik, da sind sie sich einig.

Untereinander sprechen sie Chinesisch. „Klar, ist ja unsere Muttersprache. Geht auch schneller“, sagt Mao Sheng. Er trägt Hemd, Brille und einen energischen Bürstenschnitt und übernimmt den Großteil des Redens. Deutsch spricht er fast perfekt. Die anderen beiden sprechen kein Deutsch, sie verständigen sich am Institut auf Englisch. „Die Deutschkurse, die man hier macht, wenn man ankommt, reichen einfach nicht“, sagt Mao Sheng. „Das sind zweimal die Woche zwei Stunden – aber man muss eine Sprache jeden Tag sprechen, damit man sie lernt.“ Er selbst hat einen Intensivkurs gemacht, als er 2007 nach Deutschland kam. „Das hat mich 500 Euro gekostet, aber das hat auch was gebracht.“

Fei Yu, Guitang Lan, Mao Sheng

Fei Yu, Guitang Lan und Mao Sheng: „Deutschland ist ein guter Ort zum Forschen und wissenschaftlichen Arbeiten.“ (Foto: Miriam Hegner)

Trotzdem wird er nicht bleiben. „Ich habe eine Stelle als Professor in China bekommen. Da gehe ich natürlich.“ Auch wenn das Arbeiten in Deutschland schöner ist, wie er findet. „Es ist ruhiger. Man kann das, was man machen möchte, einfach  umsetzen. Muss nicht erst alle Vorgesetzten fragen oder zusätzlich noch die richtigen Leute in den oberen Etagen kennen.“ Auch seine Frau würde lieber bleiben, vor allem wegen ihres Sohns, der jetzt eineinhalb Jahre alt ist. „Sie findet, dass es besser für ihn wäre, in Deutschland aufzuwachsen. Es ist sauberer hier.“

Fei Yu wird auch zurückgehen, dieses oder nächstes Jahr. Guitang Lan weiß es noch nicht, vielleicht. Er macht gerade seinen Doktor und ist erst seit kurzem auch wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Verständigung mit den Kollegen klappt gut, sagt er. Auch der Alltag funktioniert. Aber allzuviel wisse er nicht über die Stadt, weil er eben kein Deutsch kann, setzt er noch hinzu, und meint damit vielleicht das, was Katherine Pillau in ihrem Büro erzählt hat: Die Chinesen bleiben oft unter sich.

„Ich mag den europäischen Lebensstil“

Abolfazl Mohajer

Fühlt sich wohl in Mainz: Abolfazl Mohajer. (Foto: Miriam Hegner)

Jeans, lässiges T-Shirt, wuschelige Frisur – Abolfazl Mohajer könnte auch als Student durchgehen. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Zuo und macht seinen Doktor. Er kommt aus dem Iran, aus Teheran. Fremd war ihm Deutschland nicht, als er nach Mainz kam: Seine Doktorarbeit hatte er in Essen begonnen, während seines Master-Studiums war er schon in Italien und den Niederlanden. „In Holland ist es ganz ähnlich wie hier – nur dass dort alle Englisch sprechen“, sagt er und grinst. Deutsch ist eine schwierige Sprache, findet er, es war nicht einfach, sie zu lernen. „Aber ich mag Deutsch.“

Er kam nach Deutschland, weil er die europäische Lebensweise mag und deutsche Philosophen liebt, Kant, Hegel, Fichte. Und obwohl er sich dem Iran verbunden fühlt, möchte er in Deutschland bleiben. „Mir gefällt es in Deutschland, vor allem in Mainz. Außerdem ist die ökonomische Situation hier einfach besser als im Iran. Ich mag zwar die persische Sprache und die Geschichte und Literatur. Aber ich bin nicht traditionell, nicht muslimisch. Ich betrachte mich als Iraner, aber mein Lebensstil ist europäisch.“

Vladimir Tsygankov

Konnte von der Mathematik in Russland nicht leben: Vladimir Tsygankov, Mitarbeiter in der Algebraischen Geometrie. (Foto: Miriam Hegner)

Vladimir Tsygankov arbeitet in der Forschungs-gruppe der Algebraischen Geometrie. Die gehört eigentlich nicht zu Katherine Pillaus Aufgabenbereich, aber er kommt trotzdem zu ihr ins Büro, wenn er mal Hilfe braucht, etwa mit seiner Miete, da hilft sie ihm mit der Überweisung. „Na, der Monatserste ist aber schon ein paar Tage her“, mahnt sie und tippt mit dem Finger auf den Kalender. Betreten schaut sie der hochgewachsene junge Mann mit den braunen Locken an, das hat er wohl übersehen.

Perspektive Deutschland

Vladimir Tsygankov ist seit November 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut. Er kommt aus Russland, wo er einen Doktor gemacht, aber trotzdem nur 400 Euro im Monat verdient hat. „Es ist unmöglich, überhaupt die Miete zu bezahlen“, sagt er. „Ich musste bei meinen Eltern wohnen.“ Deshalb ist er hergekommen. Er vermisst seine Familie und Freunde. Aber in Russland hat er keine Möglichkeiten für sich gesehen. Deshalb will er bleiben.

Seit März erst lernt er Deutsch, aber versucht immer, die neue Sprache anzuwenden. „Nur wenn wir komplexe Themen diskutieren, mathematische Fragen und so, dann sprechen wir Englisch.“ Manchmal schaut er hilfesuchend zu Katherine Pillau und fragt sie nach einem Wort, das ihm nicht einfällt. „In Russland haben mich meine Freunde für mein schönes Russisch bewundert – hier auf Deutsch kann ich mich nicht so ausdrücken, wie ich will“, bedauert er und runzelt sorgenvoll die blasse Stirn. „Ich will Deutsch perfekt sprechen können“, sagt er mit entschlossenem Gesichtsausdruck. „Es ist schwer, aber ich werde einfach weiter lernen.“ Katherine Pillau nickt ihm ermutigend zu.