In der Telefonseelsorge beginnt die Nacht um 21 Uhr. Dann senken sich die Rollläden, dann leeren sich die Straßen, es wird still – und für viele einsam. Wenn es draußen dunkel wird, verlieren die Routinen des Alltags an Bedeutung. In den ersten Stunden der Nacht klingelt der Apparat der Telefonseelsorge häufig. Viele Anrufer brauchen in dieser Zeit Klärung. Sie sind umtriebig und wollen beruhigt schlafen gehen. Später werden die Gespräche seltener, aber intensiver: Es geht um Sex, Scham und Selbstverletzung. Über Traumata und Tabus sprechen Menschen in der Nacht enthemmter.

 

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„Die Nacht kann Angst machen“, sagt Christopher Linden von der Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden. Er und sein Kollege Tim Sittel ahnen, wieso. Anders als am Tag stehen in der Nacht keine Termine an, keine Tür fliegt unerwartet auf und unterbricht das Gespräch. Die Anrufer müssen nicht mehr funktionieren. Sie sind auf sich gestellt – allein mit ihrer Not oder aber endlich allein und ungestört. Nun brauchen sie jemanden zum Reden, nun haben sie endlich Zeit zu reden.

Streit mit der Frau, ätzende Langeweile oder akute Schlaflosigkeit: Manchmal scheinen die Gründe für einen Anruf fast banal, doch dahinter kann viel mehr stecken – Bindungsangst, Perspektivlosigkeit, Existenzsorgen. Zu erkennen, warum jemand wirklich anruft, sei die hohe Kunst der Seelsorge, sagt Sittel. Hat der Seelsorger den Kern des Problems erkannt, kann er dem Gespräch ein Ziel geben. Doch nicht jedem Anrufer geht es darum, irgendetwas zu lösen. Manchen genügt es, zu reden. „Seelsorge bedeutet auch, mal zehn Minuten das Ohr zu schenken“, sagt Sittel.

 

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Für viele ist die Telefonseelsorge ein Notnagel. Allein zu wissen, dass immer jemand da ist, der zuhören würde, beruhigt manche. Aber auch die Seelsorger sind in der Nacht auf sich alleine gestellt. Bei der Schicht in der Beratungsstelle braucht der eine deswegen seinen Lieblingstee, der andere einen Snack. Manche liegen auf dem Sofa, den Telefonhörer in der Hand, andere sitzen mit Headset am Schreibtisch. Keiner sollte anderen helfen, ohne sich selbst im Griff zu haben, sagt Sittel. Die Seelsorger müssen wissen, wie sich ihre eigenen Alltagssorgen, Streits und Ängste auf die Gespräche auswirken.

Tim Sittel und Christopher Linden

Pfarrer Tim Sittel (49) arbeitet seit 2008 bei der Telefonseelsorge Mainz/Wiesbaden. Christopher Linden (54), Diplom-Psychologe und Doktor der Theologie, berät seit 1990. “Dabei bleibt man lebendig”, sagt er.

„Es ist wichtig, Grenzen zu ziehen“, sagt Linden. Manchmal werden Anrufer beleidigend, manipulativ oder sogar sexuell aufdringlich. Das muss der Berater nicht hinnehmen, dafür wendet er seine Nacht nicht auf, zumal andere seine Aufmerksamkeit vielleicht dringender brauchen. Denn Grenzen setzt auch die Zeit: Etwa 100 Stellen sind bundesweit rund um die Uhr besetzt, aber nicht jeder Anrufer kommt sofort durch. Scherzanrufe blockieren die Leitung – aber auch Anrufer, die nicht aufhören wollen zu reden.

Viel länger als eine halbe Stunde soll ein Gespräch nicht dauern. „Bis dahin sollte man das Problem eingekreist und besprochen haben“, sagt Linden. Was darüber hinausgeht, bringe den Hilfesuchenden oft nicht weiter. Von Anfang an sollte der Seelsorger daher schon das Ende des Gesprächs im Blick haben. Das Ziel kann so einfach sein wie Auflegen mit einem guten Gefühl, sagt Sittel. Vielen helfe es schon, ihr Problem zu benennen. Sie wollen nur irgendwie durch die Nacht kommen.

 

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Manchmal rufen Taxifahrer in Rente an. Sie können nicht schlafen, sind den Tagesrhythmus nicht mehr gewohnt. Allein die Aussicht auf eine lange, ereignislose Nacht könne bedrückend auf einige wirken, sagt Linden. In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine. Ein Gespräch über die Sorgen kann da wie ein Zwischenschritt wirken, um zur Ruhe zu kommen. Die Anrufe dauern nachts länger, wie die Erfahrung zeigt. Aber die Nacht lässt Dinge auch verschwimmen und schwerer werden.

 

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Spät nachts ist auch die Zeit der chronisch Kranken. Fachärzte, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen und Lösungsstrategien kennen sie zur Genüge. Ihre Probleme sind bis ins Kleinste diagnostiziert, therapiert, evaluiert. Aber manchmal müssen sie über Dinge sprechen, die der Arzt nicht abrechnen kann. „Sie wollen nur ernst genommen werden“, sagt Linden.

Denn Therapie kann und soll die Telefonseelsorge nicht leisten. Natürlich haben die Berater Adressen parat – Anonyme Alkoholiker, Familien-, Schuldner-, Schwangerenberatung, Krebshilfe. Doch oft soll das Gespräch nur eine ganz akute Krise lindern: „Wie können Sie heute Nacht dazu kommen, schlafen zu gehen?“, so benennt Linden das Ziel.

 

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Was der Mensch am anderen Ende der Leitung nach dem Gespräch tut, erfahren die Seelsorger nicht. Einmal aufgelegt, hören sich die beiden Stimmen in der Regel kein zweites Mal, alles bleibt anonym. Besonders Anfänger haben mit der unverbindlichen und flüchtigen Natur der Telefonate manchmal Probleme, wie Sittel sagt. Damit zurechtzukommen, das lernen sie in Kursen und regelmäßigen Gruppentreffen.

 

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Die Anrufe kommen rund um die Uhr, Sorgen haben keinen Terminplan. Aber die Nacht ist dunkel, Konturen verblassen – und das könne er auch auf die Seele übertragen, sagt Christopher Linden. Denn auch die Angst lasse Dinge verschwimmen und weniger handfest werden. Vielleicht sei die Nacht deshalb für manche so schwierig. Auf die Telefonseelsorge können sie sich verlassen.

Die Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden berät mit einem Team aus rund 85 Ehrenamtlichen und fünf hauptamtlichen Leitern Anrufer aus dem Rhein-Main-Gebiet bei Schwierigkeiten und Problemen – und persönlich in den zwei Beratungsstellen in Mainz und Wiesbaden. Die katholische und die evangelische Kirche tragen die Einrichtung gemeinsam. Sie rechnen für das Jahr 2014 mit rund 20.000 Telefonaten – bei fast einem Fünftel legt der Anrufer sofort wieder auf.

Die Telefonseelsorge in Mainz und Wiesbaden ist Teil eines bundesweiten Netzwerkes von rund 100 Beratungsstellen, die über eine gemeinsame Rufnummer rund um die Uhr erreichbar sind. Meistens sind die Stellen von je einem ehrenamtlichen oder freiwilligen Mitarbeiter besetzt, insgesamt sind es rund 8000 Berater. Neben telefonischen und persönlichen Gesprächen bietet die Trägerorganisation auch den Kontakt per Mail oder Chat an.

Einmal im Jahr bildet die Telefonseelsorge 14 neue Freiwillige aus. Wichtig seien dabei Offenheit, Interesse an den Problemen anderer, Sensibilität – und gutes Deutsch, sagt Tim Sittel. Die meisten Ehrenamtlichen sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, vier von fünf sind Frauen. Dennoch genieße die Ausbildung auch gerade unter Studenten einen guten Ruf und sei nützlich etwa in Psychologie, Pädagogik oder Theologie. Ein Jahr lang treffen sich die Anwärter jede Woche mit den Leitern, dazu kommen mehrere Lehrgangs-Wochenenden. Die Freiwilligen sollen in der Regel rund zehn Stunden in Monat ihren Dienst leisten – dazu kommen Gruppenbesprechungen alle zwei Wochen.
Fotos: Marion Ziegler