Für Niedrigenergie- und Passivhäuser gibt es bezahlbare und vom Staat geförderte Lösungen. Den eigenen Wohn- und Lebensstil muss dafür niemand aufgeben.

Von Vanessa Renner

Familie Nichell sitzt auf dem Sofa in ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer im Laubenheimer Riedweg. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern Joshi und Celine beugen sich die Eltern über einen dicken Ordner, in dem alte Baupläne und Grundrisse ihres Hauses abgeheftet sind. Ihr jüngster Sohn Elischa spielt mit seinem älteren Bruder Benni eine Etage über ihnen im Kinderzimmer. „Als wir 2002 gebaut haben, haben sich einige Nachbarn über die – wie sie es nannten – Löcher in den Wänden gewundert“, erinnert sich Mutter Angelika Nichell und lacht. Die „Löcher“ gehören zu einer kontrollierten Wohnraumlüftung. Sie sorgen für einen ausreichenden Luftaustausch.

Das Haus von Familie Nichell hat mit 14 Zentimetern Dämmschicht eine luftdichte Gebäudehülle. Einer der wesentlichen Aspekte von energieeffizienten Häusern. Das sind Häuser, die sich durch einen sehr niedrigen Energieverbrauch auszeichnen. „Es war uns aus ökologischen Gründen sehr wichtig, energieeffizient und damit umweltfreundlich zu bauen“, erklärt Norbert Nichell.

Familie Nichell betrachtet alte Baupläne: Selbst die Kinder wissen bei Energiefragen Bescheid

Energieeffizientes Bauen kann viele Namen tragen. „Die Begriffe Niedrigenergiehaus oder Energieeffizienzhaus sind nicht geschützt“, erklärt Hermann Obermeyer, Energieberater bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Das kann für den Verbraucher zum Problem werden“, so Obermeyer. Denn zum einen verunsichert die Begriffsvielfalt. Zum anderen gibt es Mogelpackungen: Häuser, die lediglich den Anschein erwecken, energieeffizient gebaut zu sein. „Diese Mogelpackungen sind längst nicht so offensichtlich, dass der Nicht-Fachmann sie bemerkt“, gibt der Energieberater zu bedenken.

Um im Energieeffizienzdschungel dennoch nicht den Überblick zu verlieren, rät er den Verbrauchern, sich nach den Kriterien der KfW Bank zu richten. Denn die KfW Bank orientiert sich an den Mindestanforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV). Davon ausgehend definiert sie verschiedene Stufen von Effizienzhäusern. So verbraucht ein so genanntes „Effizienzhaus 70“ 70 Prozent dessen, was die EnEV als Maximum an Energieverbrauch zulässt. „Da die Richtlinien der KfW bundesweit gelten, hat der Verbraucher damit am meisten Rechtssicherheit“, empfiehlt Hermann Obermeyer, „auch im Hinblick auf die Förderung.“

Energieeinsparverordnung (EnEV)
Die Energieeinsparverordnung schreibt Mindestanforderungen an die energetische Qualität von Neubauten und Bestandsgebäuden im Falle einer Sanierung vor. Das betrifft sowohl den Wärmeschutz als auch die Anlagentechnik bei Gebäuden. Die aktuelle Energieeinsparverordnung gilt seit Oktober 2009. Sie hat die Anforderung an die Energieeffizienz im Vergleich zur vorherigen Fassung um rund 30 Prozent verschärft.

Hauptsache gut gedämmt

Ein niedriger Energieverbrauch ist wie beim Haus von Familie Nichell meist auf eine gute Wärmedämmung von Gebäudehülle, Fenstern und Dach zurückzuführen. Das bedeutet, dass beheizte Räume möglichst lückenlos von der Außenluft oder unbeheizten Räumen wie dem Keller geschützt werden. „Wärmebrücken, also Lücken in der Gebäudehülle oder im Bereich der Fenster, steigern die Energieverluste“, weiß Angelika Nichell. Sie zieht eine Abbildung, eine so genannte Thermografieaufnahme, aus dem dicken Ordner. Die Abbildung zeigt die Wärmeabgabe eines unsanierten Altbaus im Gegensatz zu einem gedämmten Effizienzhaus.

„Um unser Haus gut zu isolieren, haben wir einen Blower Door Test machen lassen“, erinnert sich Angelika Nichell. Mit diesem Test können Fachleute undichte Stellen im Haus verorten und beheben. Das Haus der Nichells wurde mit Styropor, das Dach mit Zellulose aus Zeitungspapier gedämmt. Als Dämmstoffe werden aber auch Mineralwolle oder nachwachsende Rohstoffe wie Hanf und Schafwolle verwendet. Da der Bereich der Fenster besonders anfällig für Wärmeverluste ist, entschied sich Familie Nichell zusätzlich für eine Dreifachverglasung. „Die Hauswand haben wir von außen begrünt, das dämmt zusätzlich“, erklärt der 13jährige Joshi, der sich bereits bestens mit Energiefragen auskennt. „Richtig“, stimmt Norbert Nichell zu, „die Jungfernrebe isoliert das Haus tatsächlich.“

Das Niedrigenergiehaus im Laubenheimer Riedweg: Luftdicht verpackt

Vom Effizienzhaus ist das Passivhaus nur einen Schritt entfernt. „Das Passivhauskonzept ist die konsequente Weiterentwicklung des Effizienzhauses“, weiß Berthold Kaufmann, Mitarbeiter am Passivhausinstitut in Darmstadt. Das Forschungsinstitut zertifiziert Passivhäuser, informiert und berät. Beim Passivhaus ist die Dämmschicht mit 35 bis 40 Zentimetern meist dicker als beim Effizienzhaus. Dadurch können passive Wärmequellen wie die Sonne, Menschen, die im Haus wohnen, und technische Haushaltsgeräte einen Großteil des Wärmebedarfs decken. „Die Bewohner von Passivhäusern können fast komplett auf eine Heizung verzichten“, so Kaufmann. Voraussetzung hierfür sei jedoch eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Der zentrale Unterschied zum Effizienzhaus von Familie Nichell, in dem die Luft lediglich über eine einfache Lüftungsanlage ausgetauscht wird.

Wohlfühlklima und warme Wände

„Im Passivhaus wird die kalte Luft von außen mithilfe der warmen Luft von innen aufgewärmt“, erklärt Bertold Kaufmann den Mechanismus der Wärmerückgewinnung, „dabei werden die frische und die verbrauchte Luft aber nicht vermischt. Denn sie werden durch verschiedene Kanäle geleitet.“ Ob mit oder ohne Wärmerückgewinnung. Die Bewohner von gut gedämmten Häusern mit Lüftung profitieren von einem angenehmen Raumklima.

„Gute Luft habt ihr hier, ist oft der erste Satz, wenn wir Gäste haben“, erzählt Angelika Nichell. „In anderen Wohnungen fällt uns dagegen sofort auf, wenn die Luft abgestanden ist oder länger nicht gelüftet wurde“, ergänzt ihr Ehemann. Für frische Luft braucht Familie Nichell die Fenster nicht zu öffnen. Das regelt die Lüftung. Besonders für Allergiker eine große Erleichterung. Pollen und Staub haben durch den Filter keine Chance, in die Wohnung zu gelangen. Dennoch: Viele Menschen wollen nicht durch Filter atmen, weiß Hermann Obermeyer aus seiner Erfahrung als Energieberater. Doch auch in Passivhäusern lassen sich entgegen hartnäckiger Vorurteile die Fenster öffnen.

Ein weiteres Vorurteil räumt Berthold Kaufmann vom Passivhausinstitut aus: „Eine dichte Gebäudehülle führt nicht zu Schimmelbildung. Vielmehr ist gerade die Wärmedämmung der sicherste Weg, um Schimmelprobleme zu vermeiden“, so der Physiker. Denn die Dämmung führt dazu, dass die Oberflächentemperatur an den Innenseiten der Wände

Mechanismus des Passivhauses: Das Prinzip Thermoskanne

ansteigt. Diese bleiben so trocken. „Mit Schimmel hatten wir noch nie Probleme“, bestätigt das Ehepaar Nichell. Die Kinder ergänzen: „Dafür haben wir sogar im Winter schön warme Wände und es zieht nicht.“

Energieeffizient wohnen – Heizkosten sparen

Ein weiterer positiver Effekt einer gut gedämmten Wohnung: Um es in einem Effizienz- oder Passivhaus behaglich warm zu haben, müssen Verbraucher weitaus weniger zahlen als Bewohner eines schlecht gedämmten Altbaus. „Die Heizkosten liegen für einen Vierpersonenhaushalt in einem Passivhaus bei rund 400 Euro, in einem Effizienzhaus bei 600 Euro pro Jahr“, weiß Hermann Obermeyer von der Verbraucherzentrale, „in einem schlecht gedämmten, alten Haus können das 2000 Euro sein.“ Wer sich wie Familie Nichell zusätzlich für eine Solaranlage entscheidet, kann noch mehr sparen. „Ab Frühling können wir in der Regel auf die Heizung verzichten“, freut sich Angelika Nichell, „auch unsere Warmwasserbereitung läuft komplett über unsere Solaranlage.“

„Energieeffizientes Wohnen ist angesichts der Heizkosten nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich“, rät Hermann Obermeyer. Denn die Kosten für die Dämmung amortisieren sich im Laufe der Zeit, weiß der Energieberater. Die Verbraucherzentrale empfiehlt ohnehin geplante Sanierungsarbeiten wie ein Neuanstrich der Fassade als günstigen Zeitpunkt, sich um eine gute Dämmung mitzukümmern.

„Wir raten zu einer möglichst dicken Dämmschicht“, ergänzt Berthold Kaufmann vom Passivhausinstitut, „denn das Material für ein paar Zentimeter mehr Dämmung kostet bei den Sanierungsarbeiten am wenigsten.“ Um individuelle und günstige Lösungen zu finden, sei es allerdings wichtig, sich von Experten beraten zu lassen, betont Kaufmann. Das kann Familie Nichell aus eigener Erfahrung bestätigen: „Wir sind immer wieder in die Energiesprechstunde bei der Verbraucherzentrale gegangen und haben zusätzlich Hilfe von Fachleuten in Anspruch genommen“, erinnern sie sich. „Es ist wichtig, einen genauen Plan aufzustellen, bevor saniert oder gebaut wird.“ Die Verbraucherzentrale berät in ihren Energiesprechstunden außerdem über Fördermöglichkeiten und Fristen, innerhalb derer Förderanträge eingereicht werden müssen.

Energieplushäuser wie das Erdalgebäude in Mainz produzieren Energie

„Im Vordergrund meiner Arbeit als Energieberater steht dabei, dass sich die Verbraucher in ihrem Zuhause später wohl fühlen“, erläutert Hermann Obermeyer von der Verbraucherzentrale, „denn nicht die Architekten und Planer müssen dort wohnen. Die sind nach dem Hausbau oder der Sanierung wieder weg.“ Aus den Gesprächen in seinen Energiesprechstunden weiß er, dass nicht jeder Verbraucher mit derselben Lösung oder Maßnahme zufrieden ist. „Die Menschen haben eben verschiedene Wünsche und Vorstellungen. Wir versuchen in der Beratung, gemeinsam energieeffiziente Lösungen zu finden“, fügt Obermeyer hinzu.

Individuelle Lösungen für jeden Wohnstil

Energieeffizientes Wohnen ist keine Hexerei. Patentrezepte gibt es zwar keine, individuelle Lösungen sehr wohl. Nach Meinung von Fachleuten wie Hermann Obermeyer oder Bertold Kaufmann vom Passivhausinstitut lohnen sich diese noch dazu im Laufe der Zeit in finanzieller Hinsicht. Neben allen wirtschaftlichen Aspekten sei zu guter Letzt nicht unterschätzt: Der Zufriedenheitswert, den umweltbewusstes Leben und Wohnen bieten kann. „Es ist ein gutes Gefühl, etwas für die Umwelt zu tun. Das gehört zu unserem Lebenskonzept einfach dazu“, sagt Angelika Nichell, lächelt und klappt den dicken Ordner mit den Bauplänen wieder zu.

Information und Förderung

  • Kostenlose Energiesprechstunde in Mainz: Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Seppel-Glückert-Passage 10, mittwoch 10 – 17.45 Uhr (Anmeldung unter 01805 60 75 60-20 / Festnetz 14 Cent/Min.)
  • KfW Bank: Förderprogramme und Konditionen unter www.kfw.de . Telefonische Beratung Mo-Fr 8 -17.30 Uhr unter 01801 335577 (Festnetz 3,9 Cent/Min.) infocenter@kfw.de
  • Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA): www.bafa.de . Telefon: 06196 908 0
  • Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena): Die Förderdatenbank „Förderkompass Energie“ informiert unter www.zukunft-haus.info/foerderung.
  • Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: www.foerderdatenbank.de
    Telefonische Beratung Mo-Fr 9-16 Uhr unter 030 18615 8000 (Festnetz 12 Cent/Min.)
    foerderberatung@bmwi.bund.de
  • Informationen über regionale Programme bei Kommunen und Energieversorgern vor Ort