Fast 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland. Ihre Integration ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft – und sie gelingt laut aktuellem Integrationsbericht der Bundesregierung immer besser. Doch noch ist viel zu tun.

Von Marco Henkel

Spätestens seit dem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin steht das Thema Integration wieder ganz oben auf der politischen Agenda. Ende Juni stellte die Integra-tionsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, die Ergebnisse des 9. Berichts zur „Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ vor. Die 650 Seiten zeichnen ein Bild mit viel Licht, aber ebenso viel Schatten. Insgesamt lässt sich feststellen: Der Integrationsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Die Kernaussagen des Berichts im Überblick.

Mehr Migranten, mehr Einbürgerungen

Während die Zahl der Gesamtbevölkerung leicht rückgängig ist, stieg die Zahl der in Deutschland lebenden Migranten zwischen 2008 und 2010 um 100.000 auf insgesamt 15,7 Millionen. Ein Trend der sich fortsetzt. Durch die seit Mai 2011 geltende vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit kamen zuletzt viele Bürger aus den acht mittel- und osteuropäischen Ländern, die 2004 der EU beigetreten sind,  nach Deutschland. Hierzu zählen unter anderem Polen, Ungarn und die Slowakei.

Des Weiteren führte die Euro-Krise dazu, dass im Jahr 2011 deutlich mehr Einwanderer aus Griechenland und Spanien nach Deutschland einwanderten. Mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Migranten besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Und die Zahl der Einbürgerungen stieg in den letzten Jahren weiter an: Nahmen 2008 94.470 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit an, waren es  2010 101.570. Im Jahr 2011 sind insgesamt rund 240.000 Menschen mehr aus dem Ausland zugezogen als ins Ausland fortgezogen. Die größte ausländische Bevölkerungsgruppe stellen nach wie vor die Türken, vor den Polen und Migranten aus der ehemaligen Russischen Förderation.

Mehr Migranten in Kitas, weniger Schulabbrecher

Das Erlenen der deutschen Sprache gilt als Voraussetzung für eine gelungene Integration. Es ist erfreulich, dass immer mehr Kinder aus Migrationsfamilien Kindergärten oder Kindertagestätten besuchen. Zwischen 2008 und 2011 stieg die Betreuungsquote bei Kindern aus Migrantenfamilien unter drei Jahren von 9,1 auf 14 Prozent.

Zum Vergleich: Bei Kleinkindern ohne Migrationshintergrund liegt die Quote in 2011 bei 30 Prozent. Im Kindergartenalter zwischen drei und sechs Jahren besuchten 85 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund einen Kindergarten und 97 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund. Im Bereich Schule zeichnet der Bericht ein gemischtes Bild, wobei die Statistik etwas ungenau ist, da sie nur zwischen Ausländern und Deutschen unterscheidet, Deutsche mit Migrationshintergrund aber nicht gesondert aufführt. Zwar sank der Anteil der ausländischen Schulabbrecher  zwischen 2004 um 2010 um 39 Prozent, doch ist die Abbrecherquote mit 12,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie bei deutschen Schülern.

Auch bei den jeweiligen Schulformen gibt es große Unterschiede. Während überproportional viele Ausländer die Hauptschule besuchen (33 Prozent, Deutsche 12 Prozent), ist der Anteil der ausländischen Gymnasiasten mit gut einem Viertel weit unterdurchschnittlich. Der Anteil an Realschülern ist dagegen ausgeglichen. Erfreulich: Der Anteil der ausländischen Schüler, die Abitur oder Fachabitur machen, ist zwischen 2005 und 2010 um insgesamt 36 Prozent gestiegen.

Nachteile beim Kampf um Ausbildungs- und Arbeitsplätze

Beim Kampf um Ausbildungsplätze haben jugendliche Migranten immer noch einen schweren Stand. Ihnen gelingt der Übergang in eine betriebliche Ausbildung im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund nach wie vor seltener und mit erheblicher Verzögerung. Die Studie bemerkt, „dass eine Trendwende auf dem Ausbildungsmarkt für Jugendliche mit Migra-tionshintergrund noch nicht erreicht ist.“ Obwohl die Ausländerquote bei den 15- bis 24-jährigen insgesamt 10,6 Prozent beträgt, lag der Ausländeranteil unter den Auszubildenden nur bei 5,1 Prozent.

Noch immer verfügte 2010 ein Drittel der Migranten im Alter zwischen 25-35 Jahren weder über einen Berufs- noch über einen Hochschulabschluss – dreimal so viele wie bei den Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund. Und auch von der allgemein verbesserten Lage auf dem Arbeitsmarkt konnten Menschen mit Migrationshintergrund nur bedingt profitieren. So ist die Arbeitslosenquote unter Migranten immer noch deutlich höher als die in der Gesamtbevölkerung. Im Zeitraum von 2005 bis 2010 sank sie von 18,1 Prozent auf 11,8 Prozent. Noch häufiger sind  Migranten ohne deutschen Pass ohne Job. Bei ihnen ging die Arbeitslosigkeit von 18,2 auf 16,9 Prozent zurück, ist aber immer noch doppelt so hoch wie unter Deutschen (7,2 %).