Die App „Wo sie ruhen“ ist ein audio-virtueller Rundgang für historische Friedhöfe. Wer mit dem Smartphone auf den Mainzer Hauptfriedhof geht, liest und hört überraschende Geschichten hinter Gräbern, an denen Friedhofsbesucher sonst vorbei laufen.

Ein unauffälliges Grab aus schlichtem Stein versteckt sich inmitten des dicht besetzten Grabfeldes 73b auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Die Inschrift, die sich aus dem roten Marmor nur schwer heraushebt, verrät: Hier ruht Fritz Straßmann. Mehr, als dass Straßmann 1902 in Boppard geboren wurde und 1980 in Mainz starb, verrät der Grabstein nicht.

Ahnungslos laufen die Besucher am Grab vorbei

Dabei gäbe es über diesen Straßmann so viel zu erzählen. Der Stein verschweigt nicht nur, dass er bereits im Alter von 27 Jahren seinen Doktor machte. Wir erfahren auch nichts davon, dass dieser – und soviel sei vorweggenommen – weltbekannte Mann 1943 eine jüdische Musikerin bei sich zu Hause versteckte und vor den Nationalsozialisten beschützte. Auch zeugt er nicht davon, dass nach dem späteren Universitätsprofessor eine Schule und eine Straße in Mainz, ja gar ein Kleinplanet, benannt wurden.

Der einfache Besucher ahnt noch nicht einmal, dass der, dessen Überreste vor ihm liegen, für den Kauf des universitätseigenen Kernreaktors in Mainz verantwortlich war – und, dass es Kernreaktoren ohne Straßmann vielleicht überhaupt nicht gäbe. „Hör mal, wer da ruht“, möchte man Vorbeigehenden zurufen. Denn jener Fritz Straßmann war es, der 1938 zusammen mit Otto Hahn die Kernspaltung entdeckte. Eine Leistung, für die Hahn später mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde. Straßmanns Leben war ein bewegtes, auf das nichts auf dem Friedhof  hinweist.

So ganz richtig ist der letzte Satz jedoch nicht: Ein kleines, in rot, grau und weiß gehaltenes Faltblatt in der Auslage im Eingangsbereich des Friedhofs an der Unteren Zahlbacher Straße verrät: Der Hauptfriedhof gehört zu einem von 37 historischen deutschen Friedhöfen, die für das Projekt „Wo sie ruhen“ ausgesucht wurde. Herausgegeben von der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg und mitfinanziert von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gibt es seit Ende 2014 eine kostenlose App. „Wo sie ruhen“ soll verhindern, dass Gräber, die – wie im Fall Straßmann – historischen Personen gewidmet sind oder an besondere Ereignisse erinnern, in Vergessenheit geraten.

Geschichtsstunde auf dem Friedhof 2.0

Mit Hilfe der App soll der Friedhof zum Friedhof 2.0 werden: An Gräbern vorbeischlendern mit dem Smartphone in der Hand – was auf den ersten Blick wie das respektlose Verhalten Uninteressierter wirken könnte, entpuppt sich häufig als Geschichtsstunde par excellence. Mit dem Kopfhörer im Ohr bekommt der Nutzer die mal tragischen, mal beneidenswerten Lebensgeschichten der Toten erzählt. Auf dem Mainzer Totenacker gilt das für 25 Gräber, die per GPS-Ortung in der App gefunden werden können. Die Geschichten hinter den Mainzer Grabstätten hat Mario Bast recherchiert und äußerst lesenswert aufgeschrieben.

Mario Bast ist freier Journalist. Bekannt dürfte vielen Mainzern vor allem Basts Stimme sein: Der Hörfunk-Redakteur kommentiert auf der Seite www.05er.fm die Spiele des örtlichen Fußballbundesligisten. „Das Radio, meine große Liebe, hat mir auch mein Karrierehighlight beschert“, sagt Bast und meint damit den Deutschen Radiopreis 2011, den er als Reporter zusammen mit seinem damaligen Sender „90elf – Dein Fußballradio“ erhielt. Seit rund acht Jahren arbeitet er für den Mainzer Wirtschaftsbetrieb in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Wirtschaftsbetrieb ist der Eigentümer der Friedhöfe in Mainz. Als die Anfrage für das Projekt kam, war den Verantwortlichen schnell klar, dass die Aufgabe intern und damit von dem 47 Jahre alten Journalisten übernommen werden soll.

Herr Bast, Sie haben die Texte zum Mainzer Hauptfriedhof recherchiert und verfasst. Wie sind Sie denn überhaupt auf diese 25 Gräber gekommen?
Mario Bast: Wenn man über den Mainzer Hauptfriedhof geht, geht man ja quasi durch die Mainzer Stadtgeschichte. Deswegen wollten wir auch einen Querschnitt des gesellschaftlichen Lebens abbilden, also von Politik und Wirtschaft über Fastnacht und Kultur bis hin zum Sport. Dazu haben wir erstmal grob zusammengetragen und katalogisiert, welche Gräber und Denkmäler in Frage kommen. Eine Auswahl von rund 50 Ruhestätten stand schlussendlich – und dann ging die eigentliche Recherche los.

Und wie kam die endgültige Liste von 25 Namen zustande?
Mario Bast: 25 und nicht mehr war ja die Vorgabe des Projektes. Deshalb haben wir mit dem Vorstand des Wirtschaftsbetriebes und der zuständigen Dezernentin Katrin Eder ausführlich diskutiert und uns auf einen engeren Kreis geeinigt. Etwa fünf Prozent der Vorschläge sind aber schlicht aus dem Grund entfallen, dass kaum Informationen zu den Personen aufzufinden waren.

Haben Sie ein Beispiel?
Mario Bast: Da war zum Beispiel Dr. Magdalene Hermann, die Lehrerin der berühmten Anna Seghers. Das tat mir ein wenig Leid. Leider habe ich zu ihr nicht mehr in Erfahrung bringen können, als dass sie die erste Mainzer Lehrerin mit Universitätsstudium und Doktortitel war. Ich kann Ihnen noch sagen, dass sie Deutsch, Englisch und Geschichte unterrichtet hat. Im Stadtarchiv fand sich auch nicht mehr als die Gehaltsabrechnungen. Stoff aus ihrem Leben fand sich leider nicht.

Einzig vom Grabstein ausgehend zu einer eher unbekannten Person zu recherchieren, dürfte ja auch sehr schwierig sein…
Mario Bast: Zum Glück gibt es ja heute das Internet. Wenn Sie da nichts finden, wissen Sie schon einmal: Das wird schwer. Der nächste Weg ist, wie bei Magdalene Hermann, der in das Stadtarchiv. Es gibt aber auch zum Mainzer Hauptfriedhof einiges an Literatur. In der Friedhofsverwaltung findet sich beispielsweise ein alter Katalog, der bis zum Jahr 1903 geht. Darin findet sich schon einiges zu den älteren Gräbern und zum Friedhof. Manche Informationen widersprechen sich schon einmal. Dann gilt es, Quellen gegeinander abzuwägen und zu verifizieren. Letztendlich ist das Zusammentragen der ganzen Informationen ein großes Pfriemeln.

 Gab es Geschichten, die Sie berührt haben oder von denen Sie überrascht waren?

Standen Sie bei der Arbeit für das Projekt unter Zeitdruck?
Mario Bast: Für das Katalogisieren, Recherchieren und für das Texten der 25 Beiträge gab es insgesamt nur drei Monate Zeit. Jeden Tag acht Stunden, zwölf Wochen lang – da steckt ordentlich Zeit drin.

Das ist sportlich…
Mario Bast: Da ich vom Radio komme, bin ich es gewohnt, unter Zeitdruck zu schreiben. Und zwar auch so, dass der Sprecher sofort etwas mit dem Text anfangen kann. Dazu gehört es auch, Texte nicht mit Zahlen zu überfrachten. Die eigentliche Herausforderung war es aber, nicht immer dasselbe zu schreiben: Der ist dann und dann geboren, hat dies und jenes geleistet, das war der familiäre Hintergrund und dann ist er gestorben. Gerade beim Einstieg zu variieren und das Besondere hervorzuheben, war mein Ziel beim Schreiben.

Herr Bast, vielen Dank für das Gespräch!

Bei der Schnitzeljagd geht Inhalt über Form

Was die App im Praxistest leistet, fasst sich leicht zusammen: Die Ortung der Gräber auf dem Friedhof ist deutlich ungenauer als erhofft, die Suche nach den Gräbern verkommt so trotz der Fotos von den Grabsteinen ein wenig zu einer unverhofften Schnitzeljagd. Gerade kleine Gräber finden sich auf dem Friedhof eher mit Hilfe des erwähnten Prospektes und der dort abgedruckten Karte. Steht man erst einmal vor dem richtigen Grab, sind die Texte ein absoluter Gewinn. Unterhaltsam und spannend aufgebaut, vermitteln die Texte in Kombination mit den Grabsteinen einen tollen Eindruck vom Leben derer, die zu den eigenen Füßen begraben liegen. Schade, dass zumindest auf der Android-Version die vom Schauspieler Hans-Jürgen Schatz gelesenen Texte scheinbar willkürlich als Audio abgespielt oder eben nicht abgespielt werden. Wer den Trick herausfindet, darf ihn dem Verfasser gerne verraten.

Ansonsten ist die für alle „smarten“ Geräte konzipierte Friedhof-App „Wo sie ruhen“ trotz kleiner technischer Schwächen wirklich nur zu empfehlen. Denn was für den Grabstein Straßmanns gilt, sollte auch im digitalen Zeitalter nicht in Vergessenheit geraten: Inhalt geht über Form.

(Text: Frederik von Castell)

(Beitragsbild und Video: David Ehl)

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