Seit fast zwei Jahren zieht sie die Blicke der Mainzer auf sich. Die neue Synagoge auf dem Synagogenplatz mitten in der Neustadt. Ihre mystische Konstruktion weckt Interesse. Wie sieht es wohl im Innern aus? Was ist das Besondere am jüdischen Gemeindeleben? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen kommt jedoch einem Detektivspiel gleich.

Von Sascha-Pascal Schimmel

Zwei dunkle kugelige Kameras werfen ein Auge auf die beiden Eingänge der Synagoge in der Mainzer Neustadt. Eine über dem Seiteneingang, der sich hinter einem Schatten versteckt. Die andere überwacht den Haupteingang, durch den die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Mainz zu den Gottesdiensten strömen. Gerade steht er einen Spalt offen. Nicht einladend. Aber immerhin. Und niemand zu sehen, der den Eintritt verwehrt.

Kurz bevor der Kopf sich durch die Tür ins Innere der Synagoge schiebt, eilt eine Frau um die 60 um die Ecke. Ihr graumeliertes Haar weht im Wind, der Rock schwingt hektisch hin und her. „Nein, nein, nein. Da lässt man einmal die Tür geöffnet und passt nicht auf“, sagt sie und lächelt. Ob es denn möglich sei, die Synagoge zu besichtigen und Bilder zu machen? „Im Prinzip ja“, sagt sie. „Schreiben Sie am besten eine E-Mail an unser Gemeindebüro und fragen Sie nach einem Termin. Leider bekommen wir zurzeit so viele Anfragen, dass die meisten unter den Tisch fallen.“ So ist es. In der Tat. E-Mails bleiben unbeantwortet. Und zu telefonieren, bringt auch nichts. Entweder können die Damen am anderen Ende einem nicht weiterhelfen oder die zuständige Person ist nicht am Apparat.

Verborgen „mitten unter uns“

Seit dem 3. September 2010, dem Tag der Eröffnung der neuen Synagoge, sieht sich die jüdische Gemeinde in Mainz mit einer Flut von Anfragen konfrontiert. Das verwundert nicht. Schließlich ist der Bau auf dem Synagogenplatz in der Hindenburgstraße einer der auffälligsten im Mainzer Stadtbild. Grün ist er. Nur der Haupteingang, den hebräische Schriftzeichen zieren, schimmert silbern. Die oberen Enden der Synagoge ragen spitz und verwinkelt zwischen Bäumen in den Himmel. Die Form des Gotteshauses ahmt das hebräische Wort Kedushah (Segensspruch) nach.

„Willkommen mitten unter uns.“ So lautete der Gruß einer Mainzer Initiative an ihrer jüdischen Mitmenschen damals zur Synagogeneröffnung. Dem gesteigerten öffentlichen Interesse versucht die  Gemeinde mit verschiedenen Veranstaltungen gerecht zu werden, trotz latenten Personalmangels. Sie will sich nicht abschotten. Das Kulturfestival „Hip im Exil“, die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ sind nur zwei der Veranstaltungen, zu denen die Gemeinde einen Einblick in die jüdische Kultur gewährt. Der Gebetsraum bleibt jedoch zumeist verschlossen, das Gemeindeleben findet im Geheimen statt.

Impressionen der Mainzer Synagoge

Das Morgengebet ruft

Als nicht-jüdischer Mensch ist es tatsächlich schwer, diesem näher zu kommen. Dabei gäbe es sicherlich viele spannende Geschichten über die Gemeinde und ihre Mitglieder zu erzählen. Viele von ihnen stammen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Untereinander leben sie streng orthodox und richten sich während ihrer Aktivitäten nach dem jüdischen Religionsgesetz, dem Halacha. Beim Herantasten entsteht jedoch der Eindruck, dass sich die Gemeinde vor Eindringlingen schützen möchte. Zumindest ist sie recht vorsichtig. Und die geringe Anzahl an Mitarbeitern erleichtert es für Außenstehende nicht gerade, Kontakt aufzunehmen.

Samstagfrüh, halb zehn. In einer halben Stunde treffen sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zum Schacharit, dem Morgengebet. Noch ruht die Synagoge. Zumindest äußerlich. Ein Mann Mitte 70 nähert sich dem Haupteingang. Die Haare nach hinten gekämmt, das dunkle Sakko verdeckt Arme und Rücken. So gehört es sich. Die Tür ist verriegelt. Klopf, klopf, klopf an die Scheibe neben dem Eingang. Eine kleine Frau mit Kehrschaufel in der Hand öffnet. Nachdem der Senior ins Innere getreten ist, schiebt die Frau den Kopf nach draußen, wendet ihn nach links und rechts, und schließt die Tür wieder.

Wenig später lugt ein schmaler junger Mann aus der Synagoge heraus. Die weiße Kippa ruht auf seinem Hinterkopf. „Kommen nun die ersten Gemeindemitglieder?“, scheint er sich zu fragen. Niemand in Sicht. Also lieber wieder die Tür schließen. Dann schlendern im Minutentakt mehr und mehr Menschen auf die Synagoge zu. Noch 20 Minuten bis zum Schacharit. Nun steht die Tür offen. Der junge Mann unterhält sich mit zwei Freunden aus seiner Gemeinde. Fühlt sich jedoch durch die Zwischenfrage „Ist es auch als nicht jüdischer Mensch möglich, am Gottesdienst teilzunehmen?“ nicht gestört. „Das ist schon möglich“, antwortet er etwas unsicher mit osteuropäischem Akzent. „Aber es ist besser, wenn Sie sich vorher bei der Gemeinde anmelden. Nicht dass kein Platz mehr ist und Sie stehen müssen.“ Möchte denn der Rabbi Fremde kennenlernen, bevor diese dem Gottesdienst beiwohnen dürfen? „Nicht unbedingt. Aber besser ist es schon.“

Endlich drinnen? Nicht ganz!

Nichts Außergewöhnliches in einem jüdischen Gotteshaus. Auch bei anderen jüdischen Gemeinden in Deutschland müssen sich Gäste vorher ankündigen. Damit die Synagogen vor lauter Besuchern nicht auseinanderbricht. Und, wie es heißt, wegen einiger Sicherheitsauflagen. An sich kein Problem. Wenn es nur so einfach wäre mit dem Sich-Ankündigen.

Es ist ein Nachmittag mitten in der Woche. Der Haupteingang der Synagoge steht für jedermann offen. Im Foyer erzählen Banner die Erfolgsgeschichten längst vergangener jüdischer Sportler. „Vergessene Rekorde“ nennt sich die Ausstellung. Aber auch heute stellen sich zwei massive Türen zwischen Besucher und Gebetssaal. Eintritt: heute nicht. Von der Verwaltung der Gemeinde ist niemand anzutreffen. Lediglich der Hausmeister nimmt sich ein wenig Zeit. „Schreiben Sie am besten eine E-Mail an die Verwaltung“, sagt er und schaut dabei etwas skeptisch. „Haben Sie schon? Okay, dann schreiben Sie mir Namen und E-Mail-Adresse auf einen Zettel. Ich lege ihn dann oben auf den Schreibtisch.“ Entdeckt hat den Zettel wohl noch niemand.