Der demografische Wandel verändert auch die Kochgewohnheiten. Die Gerichte selbst, der Zeitaufwand für die Zubereitung und die Essenszeiten – alles hat sich gewandelt. 360 Grad Mainz hat verglichen und einer Vertreterin der Generation 60 plus und einem 23-jährigen Studenten beim Einkaufen und Kochen auf die Finger geschaut.

Von Florentin Bub

Pirmin Clossé kocht gerne asiatisch. Foto: Florentin Bub

Der Blick auf den Herd verrät: Pirmin Clossé kocht gerne asiatisch. Fotos: Florentin Bub

Ursula Weigand

Wirtin Ursula Weigand mag gutbürgerliche Küche.

Die Protagonisten

Alles ist im Wandel, auch das Rollenbild von Mann und Frau in der Gesellschaft. Kochten früher die Frauen ihren Männern das Essen, während diese malochten, kochen heute immer mehr junge Männer selbst. Logisch also, dass mit Pirmin Clossé ein junger Mann den Kochlöffel für 360 Grad Mainz schwingt, während mit Ursula Weigand – genannt Uschi – eine Frau die Generation 60 plus vertritt.

Die 63-Jährige betreibt mit ihrem Mann die gemütliche Mainzer Eckkneipe „Zum Kohle-Nache“. Früher hat sie hier auch selbst gekocht, doch seit die „Kohle-Nache“ eine Raucherkneipe ist, bleibt die Küche kalt. Jetzt hat nur noch ihr Mann das Glück, täglich von „Uschi“ bekocht zu werden.

Pirmin hat niemanden, der täglich für ihn kocht. Er ist 23 Jahre alt, Student und wohnt in einer WG. Durch Studium, Nebenjobs und Hobbies ist sein Tag sehr abwechslungsreich. Entsprechend unregelmäßig sind dadurch aber auch Pirmins Koch- und Essgewohnheiten.

Die Gerichte

Die beiden haben sich für 360 Grad Mainz hinter den Herd gestellt. Uschi zaubert einen Gulascheintopf mit Kartoffeln, Pirmin hat sich von der ausländischen Küche beeinflussen lassen und tischt ein grünes Thai-Curry auf.

Gulascheintopf mit Kartoffeln

(Menge für 2 Personen)

  • 10 g Schweineschmalz
  • 250 g Rindergulasch
  • 50 g Suppengrün
  • Kleine Zwiebel
  • 1 grüne Paprika
  • 150 g Tomaten
  • Pfeffer, Salz, Paprika, Lorbeerblatt, Wacholder
  • 80 ml Rotwein
  • 400 ml Brühe
  • 200 g Kartoffeln
Grünes Thai-Curry

(Menge für 2 Personen)

  • 500 g Pute
  • Gelbe Paprika
  • Stange Lauch
  • 400 ml Kokosmilch
  • 200 g Sojasprossen
  • 2 Karotten
  • 200 g Reis
  • Grüne Currypaste
  • Salz, Pfeffer, Muskatnuss, Paprika, Curry

Gulascheintopf mit Kartoffeln
„Gulasch schön scharf anbraten.“

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Rezept.mp3]

Grünes Thai Curry
„Viel frisches Gemüse.“

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Pirmin-Rezept.mp3]

Der Einkauf

Für sein Thai-Curry muss Pirmin in den Supermarkt. Pute, eine Stange Lauch und eine gelbe Paprika sind die Objekte der Begierde. Der Studentenkühlschrank gibt immerhin Kokosmilch, Sojasprossen und Karotten her. Im Vorratsschrank wartet zudem die Geheimzutat, die Pirmins Gericht die besondere, asiatische Note geben soll: grüne Currypaste.

Beim Einkaufen hat der 23-Jährige vor allem auf den Preis geachtet: „Ich bin finanziell noch nicht so aufgestellt, dass ich auf besondere Qualität oder vorbildliche Herkunft meines Essens achte. Ich würde das schon gerne machen, muss aber als Student mit relativ begrenztem Budget umgehen. Da fällt die Wahl meist auf das billigste Produkt.“

Pirmin würde sehr gerne nur Bio-Fleisch kaufen.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Pirmin-Einkauf.mp3]

Diese Probleme hat Uschi nicht. Dafür macht ihr der Rücken zu schaffen. „Ich hatte drei Bandscheibenvorfälle. Deshalb geht mein Mann einkaufen. Ich kann nicht mehr schwer schleppen“, klagt die 63-Jährige. Wie immer hat sich Uschi aber auch für den Gulascheintopf-Einkauf perfekt mit ihrem Mann abgestimmt. „Er geht immer in verschiedene Läden. Es muss auch nicht immer der Super-Metzger sein. Aber wenn du einkaufen gehst, musst du schon auf Qualität achten, denn es gibt auch viel billigen Dreck.“

Uschi legt beim Einkauf Wert auf Qualität.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Uschi-Einkauf.mp3]

Zeitaufwand fürs Kochen

Für das Kochen nimmt sich Uschi ausreichend Zeit. Auch der Gulascheintopf hat Vorbereitungszeit gekostet. „Das braucht ja fast einen halben Tag bis das geschnibbelt ist“, scherzt die Wirtin. 45 Minuten muss das „Geschnibbelte“ dann erst einmal schmoren. In der Zwischenzeit schält Uschi Kartoffeln. Die lässt sie dann in den köchelnden Gulaschtopf rutschen. Bis die Kartoffeln weich sind, dauert es noch einmal 30 Minuten. „Zwei bis drei Stunden gehen dabei immer drauf, weil ich mit frischen Produkten arbeite. Außerdem soll die Küche danach auch wieder aussehen wie vorher. Ich kann das Zeug ja nicht einfach da stehen lassen.“

Für Uschi bedeutet Kochen Aufwand.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Uschi-Kochaufwand.mp3]

Sorgen wie diese kennt Pirmin nicht. Er lässt Töpfe und Pfannen erst einmal stehen. Aufräumen kann man auch morgen noch. Das Kochen nimmt auch nicht so viel Zeit in Anspruch. Etwa 40 Minuten benötigt Pirmin für sein Thai-Curry, und auch sonst dauert die Zubereitung seiner Speisen nicht länger als 30 bis 45 Minuten. „Das Zeitaufwändigste, das ich mal gekocht habe, war ein „coq au vin“, aber selbst da setzt man das Gericht einfach auf und lässt es dann vor sich hin köcheln.“

Pirmin achtet darauf, dass seine Gerichte nicht länger als 30 bis 45 Minuten dauern.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Pirmin-Kochdauer.mp3]

Essenszeiten
Die traditionelle Gliederung von Frühstück, Mittagessen und Abendessen hat Pirmin aufgehoben. „Ich kann absolut nicht sagen, dass ich mich an diesen Rhythmus halte.“ Bei ihm gibt es in der Regel zwei Mahlzeiten. Am späten Vormittag ein ausgiebiges Frühstück und später am Nachmittag ein warmes Essen. Schuld daran sind die Lebensumstände des 23-Jährigen. „Ich bin einfach auch häufiger abends unterwegs. Sei es, dass ich Training habe oder mich mit Freunden treffe“, begründet der Hobby-Fußballer und -Hockeyspieler.

Pirmins Essenszeiten variieren von Tag zu Tag.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Pirmin-Essenszeiten.mp3]

Für Uschi undenkbar. Morgens wird gefrühstückt und dann gibt es ein warmes Mittagessen. „Bis spätestens um 13.30 Uhr muss ich etwas Ordentliches gegessen haben.“ Abends gibt es dann für die Wirtin nur noch Brot und ein Stück Wurst. Ihr Entwurf gleicht damit noch viel eher dem traditionellen Essensplan, der über Dekaden das Leben vieler Familien gliederte.

Uschi hat ihre Essenszeiten festgesetzt.

[audio: http://360grad-mainz.de/wp-content/uploads/2013/07/Uschi-Essenszeiten.mp3]

Kochhäufigkeit

„Jeden Tag, ganz klar“, antwortet die 63-Jährige auf die Frage, wie oft sie denn in der Woche kocht. „Mein Mann braucht ja sein Essen. Ich schaue, was an Zutaten da ist und dann wird gekocht. Ob das Bratwurst mit Kartoffelsalat ist oder mal ein Eintopf.“ Und Uschis Mann hat sich in 40 Jahren Ehe noch nie beschwert, wie sie stolz berichtet. „Fast Food“ war für sie nie eine Alternative: „Das finde ich nicht gut. Man kann es zwar mal machen. Aber einmal am Tag ein ordentliches, warmes Essen ist doch das A und O.“

Pirmin Clossé

Der 23-jährige Student Pirmin Clossé kocht etwa zehn Mal im Monat.

Tägliches Kochen – für Pirmin Utopie. Grund ist auch hier sein unregelmäßiger Tagesablauf. „Ich kann nicht sagen, dass ich drei bis vier Mal die Woche koche. Hochgerechnet auf einen Monat sind es etwa zehn Mal“, erzählt er. Im Schnitt kocht Pirmin also alle drei Tage.

Fazit

Koch- und Ernährungsgewohnheiten haben sich grundlegend gewandelt. Weniger zeitaufwändig, weniger regelmäßig, dafür ausgefallener – so geht Kochen heute.

Die traditionelle Struktur von Frühstück, warmem Mittagessen und Abendbrot scheint bald der Vergangenheit anzugehören.

Auch die Gerichte von Uschi und Pirmin hätten unterschiedlicher kaum sein können. Geschmeckt hat es aber bei beiden vorzüglich.