Melany Müller arbeitet als Krankenpflegerin auf einer Intensivstation der Mainzer Uniklinik. Ihre Patienten sind schwer herzkrank. Sie brauchen Pflege im Minutentakt – und das rund um die Uhr. Eine Nachtschicht ohne Ruhepause.

Hans Martin* ist schwer. Der 78-jährige Herzpatient liegt in Seitenlage in seinem Bett auf der Intensivstation der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Seine Arme und Hände ruhen reglos neben seinem massigen Oberkörper. Der hebt und senkt sich im Rhythmus der Beatmungsmaschine. Ab und zu zucken seine Zehenspitzen unter der mintfarbenen Bettdecke. Krankenpflegerin Melany Müller hat es mit ihren knappen 1,60 Körpergröße nicht leicht. Die Frau mit den dunkelblonden Haaren und der schwarzen Brille will ihren Patienten umlagern, auf die andere Körperseite drehen. „Damit sich Herr Martin nicht wund liegt“, sagt Müller. Mit geübten Griffen an einem Tuch, auf dem der Kranke ruht, und einem Rettungsgriff bekommt sie Bewegung in den schlaffen Körper. Hans Martins Pupillen wandern von links nach rechts, versuchen sich an der Zimmerdecke zu orientieren. „Ja, gerade das Umlagern ist besonders anstrengend. Aber meine Kollegen sind immer zur Stelle, wenn ich es alleine nicht schaffen sollte“, lacht Müller. Pro Nacht verändert sie die Liegeposition ihrer Patienten zweimal – mindestens.

Hans Martin und Melany Müller kennen sich bereits: Vor sieben Tagen war sie eine der Pflegerinnen, die den Herzpatienten nach seiner Stent-OP auf der Intensivstation aufgenommen hatten. Ein überstandener Herzinfarkt, mehrere Bypass-Operationen und eine angeschlagene Niere – die Krankenakte von Hans Martin ist umfangreich. „Herr Martin kommt nach dem schweren Eingriff leider nur sehr langsam wieder zu Bewusstsein“, berichtet Müller. Im obligatorischen blauen OP-Shirt samt passender Hose kontrolliert die 24-jährige Krankenpflegerin Herzfrequenz, Blutdruck und weitere Vitalfunktionen. Gerade erst hat ihre Nachtschicht begonnen – ein Zehn-Stunden-Dienst – fast immer ohne Ruhepause.

Arzt Dragi Maznikoski unterstützt das Pflegerteam um Melany Müller. Bild: Michael Eiden

Arzt Dragi Maznikoski unterstützt das Pflegerteam um Melany Müller.

Ein Pfleger kümmert sich um zwei Patienten

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen und drei Kollegen kümmert sie sich in dieser Nacht Ende Juni um die Herzpatienten auf der Intensivstation in der Mainzer Uniklinik. Zu Dienstbeginn um 20:30 Uhr ist die Station mit ihren dreizehn Betten voll belegt. Nur wenige Räume weiter, den Gang entlang, liegen zwei weitere Patienten auf dem Operationstisch – beide Notfall-OPs. Sie werden noch in dieser Nacht ein Bett auf der Intensivstation beziehen. Neben ihren vielen anderen Aufgaben bedeutet das zusätzlichen Stress für die Pfleger: Zwei bisherige Intensivpatienten, deren Zustand weitgehend stabil ist, müssen dann verlegt werden.

Melany Müller betreut bereits seit dem Ende ihrer Krankenpflegerausbildung vor zwei Jahren herzkranke Patienten, die nach einer Operation oder wegen Komplikationen intensivmedizinisch betreut werden müssen. „Ein Pfleger versorgt hier in der Regel nur zwei bis drei Patienten“, erzählt Müller. Unterstützt werden die Pfleger von Arzt Dragi Maznikoski, der am Abend bereits seit zwölf Stunden arbeitet. Doch Dienstschluss ist noch lange nicht in Sicht: Erst die Hälfte seiner 24-Stunden-Schicht liegt hinter ihm.

Melany Müller übernimmt an diesem Abend neben der Pflege von Herrn Martin einen weiteren Patienten: Ullrich Schleyer* ist 51 Jahre alt und liegt im Intensivzimmer elf. „Über ihn wissen wir noch recht wenig. Vor sechs Stunden kam er aus dem OP“, erzählt Müller. Rettungsassistenten hatten ihn bewusstlos in seiner Wohnung gefunden. Ihr erster Verdacht: Durchblutungsstörungen im Gehirn, ein Schlaganfall. Erst nach weiteren Untersuchungen im Magnetresonanztomographen hatten die Ärzte einen Riss an seiner Hauptschlagader am Herzen gefunden: die eigentliche Ursache der Durchblutungsstörung. Seine linke Körperhälfte ist seither komplett gelähmt.

Moderne Maschinen wachen über Herzfrequenz, Blutdruck und Puls. Bild: Michael Eiden

Moderne Maschinen wachen über Herzfrequenz, Blutdruck und Puls.

Überall arbeiten moderne Computer

Wie bei Herrn Martin türmen sich neben dem Krankenbett von Herrn Schleyer weiße Geräte mit Flachbildschirmen. Melany Müllers Blick schweift routiniert über die vielen digitalen Diagramme links neben dem Bett: Eine grüne, spitz nach oben ausschlagende Linie zeigt die Herzfrequenz. Das rote Blutdruckdiagramm steigt erst steil nach oben an, um dann in flacher Kurve wieder abzufallen. Eine gelbe, leicht gewellte Linie bildet schließlich den Puls ab. Zahlreiche Elektroden in verschiedenen Farben am Oberkörper des Patienten füttern die Computer mit Informationen. Dazu klemmen an den Ohren und am Zeigefinger kleine Sensoren mit Kabel. „Ich liebe die Herausforderung hier auf der Intensivstation: Ich muss viele Geräte im Blick haben, die Werte interpretieren und lerne jeden Tag etwas dazu“, sagt Melany Müller. Ihre Hände greifen flink zu einem Röhrchen, in das sie mit geübten Griffen ein wenig Blut zur Blutgasanalyse abfüllt. Das Analysegerät auf dem Flur liefert ihr binnen weniger Minuten die exakten Blutwerte. Anschließend wechselt sie auf der anderen Bettseite eine Spritze im sogenannten Perfusor, einem Autoradio-ähnlichen Minicomputer, der die eingelegte Medizin in den Körper des Patienten pumpt.

Die Pfleger eilen von Zimmer zu Zimmer, die Beatmungsmaschinen pumpen monoton. Immer wieder schimmert ein gelbes oder rotes Warnlicht durch die Scheiben der Patientenzimmer. Begleitet wird das Licht mit eindringlichen Signaltönen – ein lautes Piepsen oder ein Dauerton. „Teilweise gehen einem die Geräusche auch nach Feierabend nicht aus dem Kopf – gerade der Notfall-Dauerton klingt lange nach“, berichtet Melany Müller. Unzählige Male pendelt sie zwischen Zimmer eins und elf. Magensonde wechseln in Zimmer eins. Absprache mit dem Arzt. Anhängen einer Blutkonserve in Zimmer elf. Blutwerte eintragen in Zimmer eins. Urinbeutel tauschen in Zimmer elf. Dazwischen wie immer Handschuhe tauschen und Arbeitsflächen aufräumen.

Verlegungen auch mitten in der Nacht

Um 22:50 Uhr klingelt das Stationstelefon: Die Ärzte im benachbarten Operationssaal haben gerade einen Herzkatheder-Eingriff abgeschlossen. Die frisch operierte Patientin braucht nun dringend ein Bett auf der Intensivstation. „Zimmer vier ist weitgehend stabil, atmet ohne maschinelle Unterstützung und kann verlegt werden“, ruft Pflegerin Melany Müller. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Christina und Christian eilt sie in Zimmer vier. Sechs Hände greifen zielsicher nach Zugängen, Sensoren und Elektroden. Sie stöpseln schnell die Kabel am Oberkörper, den Händen und am Kopf um oder entfernen sie. Alle noch benötigten Instrumente für Herzfrequenz, Blutdruck und Puls wandern von einem stationären auf ein transportables Überwachungsgerät. Weniger als zehn Minuten später steuert Pflegerin Christina die Patientin in ihrem Bett durch die engen Gänge Richtung Aufzug. Ihr Ziel, die Normalstation 5b der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie liegt vier Stockwerke weiter oben im gleichen Gebäude.

Währenddessen wischen Melany Müller und ihre Kollegen bereits gründlich über sämtliche Ablageflächen, tauschen Elektroden- und Medikamentenzugänge und schrubben den Boden. Nach jedem Arbeitschritt wandern die getragenen Latex-Einmalhandschuhe in den Müll, die Pfleger schlüpfen routiniert in ein neues Paar aus dem Spender an der Wand. „Hygiene ist gerade hier auf der Intensivstation das A und O – auch wenn es schnell gehen muss“, erzählt Müller. Kaum ist der Putzwagen verschwunden, öffnet sich um 23:11 Uhr die OP-Schleuse im Gang: Zwei OP-Pfleger schieben ein Krankenbett in Zimmer vier. Darin liegt die neue, sehr beleibte Patientin. Ihre Beine und Arme sind vom Desinfektionsmittel noch gelblich-orange verfärbt. Die nächsten Schritte der Pfleger: Überwachungs- und Beatmungssysteme auf dem stationären Gestell installieren, Bettwäsche wechseln, die Patientin waschen – auch hier hilft Melany Müller mit. Drei Stunden später, gegen 02:00 Uhr, wiederholt sich das ganze Prozedere: Auch die zweite Operation ist zu Ende gegangen, der nächste Patient wird verlegt. „Es kommt öfter vor, dass wir auch nachts Patienten verlegen müssen – eine Not-Operation lässt sich eben nicht verschieben“, sagt Müller. Stress pur – vor allem da die Überwachungscomputer der anderen Patienten zwischendurch weiter Alarmtöne senden.

Vom Zustand der Lippen bis hin zur Reaktion der Pupillen. Alles wird schriftlich festgehalten. Bild: Michael Eiden

Vom Zustand der Lippen bis hin zur Reaktion der Pupillen. Alles wird schriftlich festgehalten.

Der Zustand der Patienten wird genau dokumentiert

Melany Müller sitzt im Intensivzimmer elf bei Ullrich Schleyer. Die große Uhr im Gang zeigt viertel vor drei. Auf dem Computerbildschirm vor der Pflegerin flimmert eine Tabelle mit vielen Spalten und Zeilen. „Zähne: Lippenstatus, Lippenpflege“ oder „Bewegungsanalyse: Arm links, Arm rechts – nicht vorhanden, eingeschränkt oder vorhanden“, so heißen einige der vielen Rubriken des Dokuments, das Melany Müller ausfüllt. „Es ist besonders wichtig, den Zustand des Patienten genau festzuhalten“, berichtet Müller. „Zahlreiche Werte liefern die Computer automatisch, viele andere Daten gebe ich per Hand ein.“ Jetzt, tief in der Nacht – die meisten Patienten schlafen –, findet sie zum ersten Mal nach sechs Stunden Arbeit einen Moment der Ruhe, der es ihr erlaubt, sich kurz hinzusetzen – wenn auch arbeitend vor dem PC.

Plötzlich ertönt ein helles Piepsen aus einem der Zimmer. Müller springt vom Computer auf, schaut in den Gang. Hinter einer Glasscheibe pulsiert ein gelbes Licht. „Ah, bei Herrn Martin piept es!“ Sie eilt die 20 Schritte durch das Arztzimmer in der Mitte der Station zu ihrem Patienten. Ein Lämpchen blinkt: Das Schmerzmittel geht zur Neige. Die Digitalanzeige an den Perfusorenspritzen mahnt zum Austausch. Herr Martin hat der Warnton aus seinem Schlaf aufgeschreckt. Seine Augen sind geöffnet, doch wie viel der Patient von seiner Umgebung wirklich wahrnimmt, bleibt unklar. „Herr Martin, strecken Sie doch bitte einmal Ihre Zunge heraus“, bittet Melany Müller, um seine Reaktionen zu testen. Mit leichter Verzögerung zwängt sich auf einmal seine Zunge neben dem Beatmungsschlauch vorbei über die Lippen. „Prima, Herr Martin“, freut sich Melany Müller. „Das ist doch ein gutes Zeichen.“ Später teilt Martin auf Nachfrage durch Augenblinzeln sogar mit, dass er Schmerzen habe. „Es sieht so aus, als ob er langsam aber sicher wieder zu Bewusstsein kommt und einfache Dinge wieder mitteilen kann“, prognostiziert die Pflegerin.

Stabil oder instabil – das ändert sich bei Intensivpatienten schnell

Gegen 5:15 Uhr wird es an diesem frühen Dienstagmorgen hell. Erstes Tageslicht dringt durch die Lamellen am Fenster von Zimmer elf der Intensivstation. Der rechte Mundwinkel von Herrn Schleyer zuckt leicht. Seine Narkose lässt nach, langsam wacht er auf. Pflegerin Müller hat gerade bei Herrn Martin gegenüber im Bett einen Dialysebeutel getauscht. Nun kommt sie wieder zurück zu Herrn Schleyer. Als sie für die kommende Schicht Einmalhandschuhe, Spritzen und Medikamente im Vorratsschrank des Zimmers auffüllt, bemerkt sie im Augenwinkel eine Bewegung: Ullrich Schleyers rechte Hand hebt sich, greift reflexartig Richtung Beatmungsschlauch, der in seinen Mund führt. Melany Müller reagiert blitzschnell, kann seine Hand gerade noch rechtzeitig stoppen. „Das war knapp. Den Tubus braucht Herr Schleyer unbedingt und darf keinesfalls versuchen ihn rauszuziehen“, erklärt Müller. Schnell ruft sie Kollege Christian zu Hilfe, um die rechte Hand des Patienten am Bett zu fixieren – zu seiner eigenen Sicherheit.

Es ist der letzte kleine Zwischenfall, bevor Melany Müllers zehnstündiger Nachtdienst um halb sieben mit der Übergabe an das Pflegeteam der Frühschicht zu Ende geht. „Eigentlich mag ich Nachtdienste. Es gibt ständig etwas zu tun, aber es ist nicht ganz so hektisch wie tagsüber“, sagt Müller. „Man hat ein bisschen mehr Zeit für die Patienten. Und um die geht es hier ja schließlich.“
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* Die Namen der Patienten wurden aus Datenschutzgründen verfremdet.

Fotos: Michael Eiden