Carsten Rüger weiß als Moderator der frühmorgendlichen heute-Nachrichten um die Vorzüge und Tücken der nächtlichen Arbeit. 360 Grad Mainz hat er sie geschildert – und dabei einen Einblick hinter die Kulissen des ZDF gegeben.

Ein Montagmorgen im Juli, Punkt vier Uhr auf dem Mainzer Lerchenberg. Vereinzelt stehen Autos auf dem riesigen Parkplatz vor dem Gebäude, in dem die Redaktion der heute-Nachrichten sitzt. Wir sind verabredet mit Carsten Rüger, dem wohl bekanntesten Mainzer Nachtarbeiter. Er moderiert die frühmorgendlichen heute-Nachrichten im ZDF. Rüger kommt um die Ecke, er trägt ein orangenes Poloshirt und ist braun gebrannt. Erstaunlich fit und gut gelaunt für diese Zeit nimmt er uns mit an seinen Arbeitsplatz. In anderthalb Stunden beginnt die erste von acht Sendungen, die er heute im Halbstundentakt moderieren wird.

Noch im lockeren Freizeitoutfit: heute-Moderator Carsten Rüger

Noch im lockeren Freizeitoutfit: heute-Moderator Carsten Rüger

Herr Rüger, wann klingelt bei Ihnen der Wecker?

Rüger: Ich habe drei Wecker. In den Wochen, in denen ich die heute-Nachrichten im Morgenmagazin mache, klingeln die um drei Uhr morgens.

Sie müssen also sehr zeitig ins Bett gehen.

Rüger: Müsste ich eigentlich. Gestern habe ich mich um 21.30 Uhr schlafen gelegt. So früh schaffe ich es selten. Erst letztens zur Mainzer Johannisnacht oder bei der Fußball-WM kam es vor, dass ich nur drei Stunden Schlaf hatte. Einmal geht das, auf Dauer nicht. Also versucht man, nach der Schicht zwei, drei Stunden nachzuholen. Aber selbst wenn mir das gelingt, fällt es dem Körper schwer, den Schlaf zu addieren nach dem Motto: „Jetzt waren es insgesamt sechs Stunden und ich bin wieder topfit.“ Wäre schön, wenn es so einfach ginge, klappt aber meistens nicht.

Wie beeinflussen diese Arbeitszeiten Ihr soziales Leben?

Rüger: Ich bin auf Freunde angewiesen, die flexibel sind. Aber die wissen das und haben Verständnis. Dann fängt das Grillen eben bereits um 18.30 Uhr an, oder wir gehen am Freitag schon mittags Rennrad fahren.

Machen sich die ungewöhnlichen Arbeitszeiten bei Ihnen körperlich bemerkbar?

Rüger: Die Woche endet für mich am Freitag immer mit einem horrenden Schlafdefizit. Das hat zur Folge, dass der Körper samstags versucht, das nachzuholen. Da fühle ich mich ziemlich groggy und das Wochenende geht leider ein Stück weit verloren.

Ist die Stimmung nachts in der Redaktion eine andere als am Tag?

Rüger: Die Stimmung ist trotz der frühen Uhrzeit meistens ziemlich gut. Das Schöne ist: Morgens ist außer uns noch niemand im Großraumbüro. Da können wir schon mal laut Musik hören oder herumtanzen. Wenn hier tagsüber alle Schreibtische besetzt sind, geht das natürlich nicht. Die Nachtschicht hat also auch ihre guten Seiten.

Gibt es typische Morgen-Nachrichten? Man könnte ja denken, nachts ist ohnehin nichts los, über was sollen Sie also morgens berichten?

Rüger: Nachrichten kennen keine Nacht. Es tut sich rund um die Uhr was, irgendwo ist schließlich immer gerade Tag. Wenn zum Beispiel die Kanzlerin im Ausland unterwegs ist wie vor kurzem in China, sind wir oft die Ersten, die ihre Aussagen in den Nachrichten haben. Andererseits ereignet sich hierzulande nachts meistens tatsächlich nicht viel. Deshalb gibt es morgens in den Nachrichten mehr Vorankündigungen, was im Laufe des Tages passieren wird.

In ein paar Minuten sind Sie wieder live auf Sendung, und wir unterhalten uns noch ganz entspannt. Spüren Sie keine Aufregung mehr, wenn Sie vor die Kamera treten?

Rüger: Es ist wie in jedem anderen Job: Wenn man etwas zum ersten Mal macht, ist man aufgeregt. Mit der Routine kommt auch die Ruhe. Aber natürlich bin ich manchmal noch aufgeregt, wenn trotz aller Planung irgendwas nicht funktioniert. Einmal ist der Teleprompter ausgefallen und der Kollege, der für die Notfallzettel zuständig ist, hatte wohl geträumt und eine leere Seite ausgedruckt.

Und dann?

Rüger: Es kam gerade eine NiF, also eine Nachricht im Film. Das heißt, ich war nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Zum Glück hatte ich die Meldung zu der NiF vor der Sendung gelesen. Ich konnte mich noch an ein paar Bruchstücke erinnern und kommentierte dazu spontan die Bilder, die zu sehen waren. Als ich zurück in die Redaktion kam und mich fürchterlich aufregte, wie so etwas passieren kann, waren die Kollegen ganz verdutzt. Sie hatten nicht mal bemerkt, dass ich nur improvisiert habe.

Sie moderieren die morgendlichen heute-Nachrichten seit mehr als zwei Jahren und sehen das nächtliche Mainz seitdem auf dem Weg zur Arbeit beinahe täglich. Wo in Mainz ist es im Dunkeln besonders schön?

Rüger: Wenn man morgens um kurz vor vier mit dem Rad durch die Felder von Bretzenheim, wo ich wohne, zum Lerchenberg hinauffährt, ist das der Hammer. Der Himmel wird schon leicht rot, in den Senken hat sich die Kühle der Nacht gesammelt, es riecht nach Erdbeeren. Da hat das ländliche Mainz absolut Charme! Und dann sieht man irgendwann das riesige ZDF-Gebäude, und nur auf der Etage, in der unsere Redaktion ist, brennt schon Licht. Wie auf der Brücke von Raumschiff Enterprise. Nur dass hier statt Außerirdischen Hasen draußen herumlaufen.

"Raumschiff Enterprise" bei Tag – in diesem Gebäude sitzt unter anderem die heute-Redaktion

„Raumschiff Enterprise“ bei Tag – in diesem Gebäude sitzt unter anderem die heute-Redaktion

Fotos: Markus Wolsiffer