Mainz ist auf Ruinen gebaut, auf römischen Ruinen: Fast 500 Jahre lang gehörte Mogontiacum zum Römischen Reich. Übrig geblieben sind Steine, die alte Geschichten erzählen – zum Beispiel von zwei Göttinnen und Verfluchungstäfelchen. Von Anja Hübner

Dort, wo der Tempel gefunden wurde, ist seit 2003 ein Schauraum. Foto: Anja Hübner

Es ist dunkel. Nur einige Sterne leuchten von der Decke und Scheinwerfer tauchen die Ruine in orangefarbenes Licht. Aus einem Lautsprecher kommt eine Stimme: „Es ist Abend geworden in Mogontiacum, ein kalter Winterabend. Wir feiern den kürzesten Tag des Jahres.“ Claudius Secundus, ein Bürger des römischen Mainz erzählt von den Saturnalien, dem großen Fest der Römer: Die Leute trinken Wein, Kinder bekommen Püppchen aus Ton zum Spielen und Familien opfern Hühnerfleisch in den Brandgruben des Tempels. Das war im Jahr 69 nach Christus. Heute sind nur noch Reste übrig – vom heiligen Tempel für die Göttinnen Isis und Mater Magna.

Der Eingang zur Taberna Archaeologica Foto: Clarice Wolter

Hinabsteigen unter die Römerpassage

Hier unter der Erde, einige Treppenstufen unter der Römerpassage in der Mainzer Innenstadt, tauchen die Besucher in eine andere Welt ein. Sie kommen vom Shoppingtrubel des 21. Jahrhunderts in einen kultischen Raum des 1. Jahrhunderts. Für die Entdecker eine Sensation: „Als wir im Jahr 2000 die Ruinen ausgruben, wussten wir nicht, was wir da eigentlich gefunden hatten“, sagt der Landesarchäologie Gerd Rupprecht. Damals wurde die alte Lotharpassage abgerissen und sollte durch ein neues Einkaufszentrum ersetzt werden. Erst zwei Inschriften von der Außenmauerresten des ehemaligen Tempels machten den Archäologen klar: Es ist ein Heiligtum der altägyptischen Gottheit Isis und der orientalischen Gottheit Mater Magna.

Zwei Göttinnen erfüllen Wünsche

„Es war die Spezialität von Isis und Mater Magna Wünsche entgegenzunehmen“, sagt Rupprecht. Das konnte so etwas wie Reichtum und Gesundheit sein. Als Gegenleistung brachten ihnen die Römer ein Opfer in den Brandgruben. „Wir fanden viele verkohlte Datteln, Feigen und Pinienkerne“, sagt Rupprecht. „Außerdem Singvogelknochen und sogar Fischschuppen.“ Neben diesen exotischen Lebensmitteln gruben die Archäologen Opfergaben wie Terrakotta-Figuren aus. Sie sind heute in Vitrinen aufgereiht, die rund um die Steinreste des Tempels stehen. Eine Videoprojektion, simulierte Feuerstellen und das Hörspiel von Claudius Secundus geben eine Ahnung vom Isis- und Mater-Magna-Kult.

Landesarchäologe Gerd Rupprecht über das Geheimnis des Isis- und Mater-Magna-Tempels. Eine Audio-Bildergalerie von Anja Hübner und Clarice Wolter

Fotos: A. Hübner, C. Wolter, Archivfotos: Landesarchäologie Rheinland-Pfalz (GDKE)

Geheime Verfluchungstäfelchen

So sahen die Verfluchungstafeln aus. Foto: Clarice Wolter

Doch nicht nur gute Wünsche sollten Isis und Mater Magna erfüllen. „Man konnte sich hier auch für Verfluchungen göttlichen Beistand holen“, erklärt Rupprecht. „ Zum Beispiel: Schaff mir diesen Mann vom Leib, der seine Augen immer auf meine Frau wirft.“ Jemand, der diesen Wunsch hegte, schrieb ihn auf ein Fluchtäfelchen aus Blei. Dann wickelte er das dünne Täfelchen mit der beschrifteten Seite nach innen, zum Beispiel um einen Vogelknochen – denn niemand sollte die Verfluchungen jemals lesen. Zu der Verfluchung gehörte natürlich ein Opfer für die zwei Göttinnen.

Welche Wünsche wohl Claudius Secundus hegt? Zum Abschied spricht er aus dem Lautsprecher zu den Besuchern des Tempels: „Ich muss mich beeilen, denn ich will meiner Göttin noch ein Opfer bringen.“

Internet: www.isis-mainz.de oder www.roemisches-mainz.de

Stand: Juni 2010