Schwer versehrt liegt sie da die Kirche St. Christoph. Ein untoter Kadaver mitten in der Mainzer Altstadt, niedergestreckt von dem Feuer und den Bomben des Zweiten Weltkrieges. Das was der Krieg von ihr übrig gelassen hatte, flickten die Stadtoberen notdürftig zusammen, konservierten es. Heute ist die Ruine ein Kriegsmahnmal. Eines mit einem traurigen Schicksal: Die Christophskirche ist ein Mahnmal gegen das Vergessen, das selbst vergessen wurde.  Von Matthias Jaenicke

Nur der Ostchor fällt nicht auf zwischen all den adretten Nachbarhäusern. Er wird noch immer als Kapelle genutzt. Hellgrüner Efeu rankt an frisch verputzten Wänden. Das Kirchenschiff aber: enthauptet, zerschunden. Schorfige Mauern stehen herum. Moosbewachsen. Gelähmt. Ohne das Dach, das sie halten müssten, sind sie nutzlos geworden. Aus den Mauern ragen hier und da die Reste der Deckenstreben, spitz wie zerborstene Knochen. Der Kirchturm blickt aus leeren Fensterhöhlen auf einen herab. Gerne würde die Christophskirche aufgeben, einfach in sich zusammensacken. Betonstützen, brutale Ausgeburten moderner Architektur, zwingen sie stehen zu bleiben. „Den Toten zum Gedenken/Den Lebenden zur Mahnung“ befiehlt ein im Boden eingelassener Stein.

Foto: Ottmar Jaenicke

Die Ruine der Kirche St.Christoph in der Mainzer Altstadt, Foto: Ottmar Jaenicke

Leere Kunststoffbänke

Die Lebenden aber, sie kümmert die Kirche wenig. Passanten eilen über den von Waschbeton begrenzten Vorplatz, ohne die Ruine eines Blickes zu würdigen. Noch nicht einmal Sprayer haben sich die Mühe gemacht, die Mauern zu beschmieren. Die Kunststoffbänke rund um die Kirche bedeckt eine dicke Dreckschicht. Auf ihnen hat schon lange niemand mehr gesessen. Nur die Tauben schätzen die Christophskirche als einen Ort zum Verweilen. Manche von ihnen trippeln gelassen durch das offene Mittelschiff. Der Kies knirscht ganz leise unter ihren Füssen. Andere picken seelenruhig im Gras. Überall Taubenfedern, Taubenkot.

Spuren der Verwahrlosung

Das Gezwitscher einer Amsel weckt kurz die Illusion einer Idylle, geht aber gleich wieder im entfernten Getöse des Autoverkehrs unter. Im Innern der Ruine Spuren der Verwahrlosung. Die Reste einer Mahlzeit: eine Rabattmarke, eine Serviette mit braunen Flecken. Die Ecken des Innenraums sind schwarz verfärbt. Es stinkt nach Urin. Zwischen Zigarettenstummeln Pappbecher und eine leere Flasche spanischen Sektes. Wenn es dunkel wird, scheinen ein paar Menschen den Tauben die Ruine streitig zu machen. Als Platz zum Saufen. Arme Christophskirche: Am Tag vergessen, in der Nacht missbraucht.