Nachhaltig soll es sein, am besten wenig kosten und jederzeit und überall möglich sein – das Shopping der Zukunft. Zwei Mainzer Start-Ups arbeiten daran, dass beim künftigen Klamotten-Kauf das Smartphone zum ständigen Begleiter wird.

Wie shoppen die Mainzer der Zukunft ihre Kleidung? Die Antwort könnte eine Art „Tinder für Klamotten“ sein. Was zunächst sehr abwegig klingt, ist die Idee des Mainzer Start-Ups Darpdecade. Das Prinzip der gleichnamigen App folgt dabei dem der bekannten Dating-App: Statt durch eine Auswahl attraktiver Singles wischt man sich hier durch die Kleiderschränke unbekannter Menschen. Ein Swipe nach links bedeutet kein Interesse, rechts heißt: gefällt mir.

Wenn dann schließlich ausgewaschenes Jeanshemd und dicker Winterparka auf gegenseitiges Gefallen stoßen und ein Match ergeben, treffen sich die beiden zwar nicht zum romantischen Date – aber die Besitzer können sich zum persönlichen Kleidertausch verabreden. „Bei der App geht es vor allem um nachhaltigen Konsum“, erklärt Entwicklerin Kim Gerlach von Darpdecade. „Wir möchten weg von der fast-fashion-Industrie. Alles soll ein bisschen langsamer und bewusster werden.“

„Nachhaltigkeit ist das neue Hipster“

In Zeiten, in denen vor allem Jugendliche immer häufiger bei großen Modeketten mit kleinen Preisen – wie H&M oder Primark – shoppen, setzt das Start-Up auf die Wiederverwertbarkeit von Kleidungsstücken. Als Zielgruppe haben die Macher von Darpdecade daher besonders junge Leute im Blick, die aktuellen Konsumtrends kritisch gegenüberstehen.

„Es wird in Zukunft immer wichtiger werden, seinen eigenen Konsum zu überdenken“, sagt Gerlach. Dabei ist sie überzeugt, mit der Grundidee der App einen Trend setzen zu können: „Nachhaltigkeit ist das neue Hipster.“

Auch Verena Muntschick vom Zukunftsinstitut in Frankfurt sieht einen zunehmenden Trend in der Gesellschaft, Kleidung von anderen zu tragen und Kleidung zu tauschen. Secondhand-Geschäfte für Kleidung seien schon lange etabliert. Moderne Kleidertauschbörsen im Netz erlebten gerade einen Boom. Für Muntschick geht es in der Zukunft sogar noch weiter.

Der nächste Schritt sei das Konzept der Sharing Economy für Kleidung mit einem Abo-Modell. „Per Sharing und Swapping können viele Menschen an einem ´luxuriösen Kleidungsstil` partizipieren, ohne das eigentlich notwendige Geld dafür ausgeben zu müssen.“

Und so funktioniert es

Die Funktionsweise der App Darpdecade ist simpel. Man kann Fotos mehrerer Kleidungsstücke in einen virtuellen Kleiderschrank hochladen. Anschließend kann jedes einzelne Teil mit anderen Vorschlägen gematcht werden. Dabei soll darauf geachtet werden, dass die Besitzer der jeweiligen Kleidungsstücke nicht zu weit voneinander entfernt wohnen. „Wir wollen nicht, dass noch mehr Pakete durch ganz Deutschland geschickt werden“, erläutert Gerlach einen Hintergedanken der Idee.

So könnte Shopping auf dem Smartphone in der Zukunft aussehen. Quelle: darpdecade.com

So könnte Shopping auf dem Smartphone in der Zukunft aussehen. Quelle: darpdecade.com

Wenn man nun erfolgreich Klamotten gematcht, sich mit seinem Tauschpartner getroffen und die Kleidungsstücke anprobiert hat, sich nach dem Shopping-Trip aber trotzdem unsicher ist, ob das neu erworbene Stück einem steht, kann wieder das Smartphone helfen. Hier kommt ein weiteres Mainzer Start-Up ins Spiel mit der App Go or No. Die App soll eine mobile Entscheidungshilfe sein. Einfach ein Foto des zu bewertenden Kleidungsstücks in die App hochladen und dann heißt es warten.

Freunde, welche die App auch nutzen, können dann entweder auf den grün unterlegten Button mit „Go“ oder den rot unterlegten Button mit „No“ tippen und der Fragesteller sieht direkt, wie das neue Kleidungsstück im Freundeskreis ankommt. Ob das in der Praxis jedoch wirklich so einfach und schnell funktioniert, haben wir getestet:

Go or No kann zwar nicht nur für die Bewertung von Klamotten angewandt werden. Dass jedoch der Schwerpunkt auf der Entscheidungshilfe beim Shoppen liegt, habe auch die Nutzeranalyse der App gezeigt, sagt Geschäftsführer Till Karsten. Vor allem Frauen nutzten die App, um sich Fashiontipps von Freunden zu holen, erzählt Karsten. Für ihn stehen die angestrebte Schnelligkeit und die Eindeutigkeit der Bewertungen im Mittelpunkt. „Bei whatsapp etwa kommt es oft zu einer Diskussion. Bei uns erhält man eine klare Statistik.“

Noch ist Geduld gefragt

 

Bis sich die Nutzer auf ihren Smartphones durch fremde Klamottenberge wühlen können und direkt die Bewertung aus dem Freundeskreis erhalten, dauert es aber noch ein bisschen. Die kostenlose App Go or No befindet sich derzeit in der Entwicklungsphase für Version zwei. Von Darpdecade soll es möglicherweise eine kostenlose Version mit und eine Aboversion ohne Werbung geben. Das endgültige Geschäftsmodell ist jedoch noch nicht sicher. Auch muss das Unternehmen erst noch eine Crowdfunding-Kampagne durchlaufen. Funktioniert diese wie gewünscht, könnte noch dieses Jahr gematcht und getauscht werden.