Die Bücher, für die man sich begeistert, einfach selbst verlegen: In Mainz gibt es eine erstaunliche Anzahl von kleinen Verlagen, in denen Menschen genau das tun.  Ebenso bunt und vielfältig wie die Verlagsprogramme sind die Lebensmodelle ihrer Gründer.

Damit hatte der interessierte Messebesucher nicht gerechnet: „Du repräsentierst also den Gonzoverlag?“ fragt er die junge Frau hinter dem mit bunt gemusterten Stoff und Büchern bedeckten Tisch. Sie wirft sich in die Brust: „Ich bin der Gonzoverlag!“

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Der Gonzoverlag alias Miriam Spies ist nicht der einzige Ein-Mann- oder Ein-Frau-Betrieb, der sich an diesem Tag in der Rheingoldhalle präsentiert: Denn es ist Minipressenmesse, auf der alle zwei Jahre Klein- und Kleinstverlage aus Europa in Mainz ihr Angebot vorstellen dürfen. Und eine erstaunliche Anzahl von Verlagen kommt aus der Gastgeberstadt, in der Johannes Gutenberg vor 500 Jahren den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hat – die Voraussetzung für das, was diese Menschen nun tun. Auch wenn das mit dem Drucken in Mainz so eine Sache ist. Doch dazu später.

Hinter ihrem Tisch erzählt Miriam Spies, Anfang 30, dass sie 2007 eher zufällig Verlegerin geworden ist: Weil der ursprünglich für die Publikation eines Buches vorgesehene Verlag absprang, entschied sie kurzfristig, es dann eben selbst zu publizieren.

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Bestimmte Autoren, bestimmte Bücher als persönliches Anliegen – das ist in vielen Fällen die Motivation für die Betreiber von Klein- und Kleinstverlagen. Hier soll es nicht um die gehen, die einfach nur die eigenen literarischen Ergüsse verlegen, und auch nicht um solche, die Bücher zu esoterischen Herz-Philosophien und dazu passende Postkarten anbieten. Auch solche gibt es natürlich, auch in Mainz; in der Regel haben sie nur eine Handvoll Bücher im Programm. Viel interessanter sind aber solche wie der Gonzoverlag, der Kinzelbach-Verlag oder der Ventil Verlag, die eine Nische gesucht und gefunden haben und sie mit ernstzunehmenden Büchern füllen.

Die Nischen der anderen

Die Nische des Gonzoverlags ist „gedruckter Rock ’n‘ Roll“ – kein Mainstream. Das Verhältnis zwischen Autor und Verleger: familiär.

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Auch der Ventil Verlag, gegründet 1999 und mit acht Mitarbeitern schon ein großer unter den kleinen, konzentriert sich auf Bücher „aus der Szene für die Szene geschrieben“: Da ist zum Beispiel ein Tourtagebuch der Band Tocotronic, verfasst von deren ehemaligem Fahrer und Roadie Thees Uhlmann, selber Sänger der Band Tomte. Die Titel zu Subkultur, Film- und Popgeschichte heißen aber auch schon mal „Satan, kannst du mir noch mal verzeihen“, so wie die Biographie des „einzigen Stars des DDR-Punk“. Ebenfalls im Sortiment: Kochbücher und Ratgeber zu veganer Ernährung, die im vergangenen Jahr im Zuge des Vegan-Hypes durch die Decke gingen. Ein persönliches Anliegen ist aber offenbar auch bei kleinen Verlagen kein absolutes Muss: Die Verlagsinhaber, so munkelt man, sind überzeugte Fleischesser. Allerdings keine besonders kommunikativen: Alle Gesprächsanfragen, auch die persönlichen, werden abgelehnt oder bleiben unbeantwortet.

Christina Wagner-Meisterburg

Der Verlag als Hobby: Christina Wagner-Meisterburg betreibt ihren Miniverlag von zu Hause aus (Foto: Hannah Wagner).

Christina Wagner-Meisterburg hat ihre Nische jedenfalls durch persönlichen Bezug gefunden: Bilingual in den USA aufgewachsen, vermisste sie in Deutschland eine bestimmte Art von „Sozialisationsbuch“, wie sie es nennt, für Kinder. Also macht sie solche Bücher seit 2013 mit dem Meisterburg Verlag einfach selbst. So entstand zum Beispiel „Dein Po freut sich auf das Klo“ beim Töpfchentraining der kleinen Tochter. Bücher für Familien von einer Familie – ihr Mann, ihre Schwägerin, alle helfen mit bei der Verlagsarbeit. Für Christina Wagner-Meisterburg ist er eher ein Hobby. Doch sie betreibt auch Qualitätssicherung: Bevor sie ein Buch drucken lässt, testet sie ein Probeexemplar in der Zielgruppe, etwa in der Schule, holt sich Rückmeldungen und verbessert. Erst dann lässt sie 1000 Stück drucken.

Viel Geld verdienen sie damit nicht

Kleine Verlage in Mainz, das sind außer Gonzo, Meisterburg und Ventil auch der Verlag Hermann Schmidt mit Sachbüchern zu Design und Typographie, der VAT Verlag André Thiele mit Belletristik und der Salonlöwe-Verlag mit Büchern für Kinder und Erwachsene. Manche von ihnen haben über 100 Bücher im Programm. Lohnt sich das? Die einzigen Zahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu Kleinverlagen anzubieten hat: 600 große Verlage in Deutschland machen 95 Prozent des Gesamtumsatzes von 5,8 Milliarden Euro , den Rest teilen sich 2400 kleine Verlage. Da bleibt für einen Ein-Frau-Betrieb aus Mainz nicht viel.

„Wenn ich Geld verdienen wollte, würde ich was anderes machen“, sagt Donata Kinzelbach, Gründerin und einzige Mitarbeiterin des Kinzelbach Verlags. Doch immerhin kann sie von dieser Tätigkeit leben. Bei Miriam Spies ist der Gonzoverlag dagegen einer von mehreren Jobs, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdient.

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Qualität und Spaß an der Arbeit

Donata Kinzelbach hat für ihre Arbeit sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen. Als studierte Literaturwissenschaftlerin wollte sie „etwas mit Büchern machen“. Sie entdeckte die algerische Literatur – und machte sie zum Mittelpunkt ihres Berufslebens. „Exotisches hat mich schon immer fasziniert, Fremdes bringt einen immer weiter“, erklärt sie. Seit 1987 verlegt sie Literatur aus dem Maghreb, vor allem aus Algerien.

Donata Kinzelbach

„Fremdes bringt einen immer weiter“: Donata Kinzelbach vor nordafrikanischer Kulisse (Foto: privat).

„Ich bin mittlerweile eine Institution“, sagt sie selbst. Sie arbeitet oft auch am Wochenende, sie hängt sich rein, wenn sie an einen der meist frankophonen Autoren glaubt. Und sie hat klare Qualitätsgrundsätze: „Ich kann überall dran sparen, aber nicht an der Übersetzung.“ Für die hat sie feste Ansprechpartner, ebenso für die Einbandgestaltung. Gedruckt wird aus Kostengründen in Prag, auf Malta oder, für Spezialaufträge, auch mal in Nördlingen – nur nicht in Mainz. Auch Hobbyverlegerin Christina Wagner-Meisterburg winkt ab: „Die Qualität ist bei Druckereien in Deutschland immer wunderbar. Aber das kann man sich nicht leisten.“
Und wie ist es als Kleinstverlag in der vielbeschworenen Krise des Buchhandels? „Quatsch!“, empört sich Donata Kinzelbach. „Die Verleger jammern immer, wie die Bauern, das nervt mich. Es ist überall schwer.“ Natürlich müssten große Verlage anders kalkulieren, aber immer nur jammern, das bringe nichts: „Wir haben nur ein Leben, das soll auch Spaß machen. Literatur soll Spaß machen.“

(Beitragsbild Miriam Spies: Esther Widmann)

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