Haushaltsschulden zwingen die Mainzer Kulturpolitik zum Sparen. Dennoch bietet die Stadt ein breites Kulturangebot. Die Kulturdezernentin Marianne Grosse erklärt, warum sich vor allem freie Künstler in Szene setzen können.

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Marianne Grosse (Foto: Stadt Mainz)

Marianne Grosse (Foto: Stadt Mainz)

In Marianne Grosses Büro in der Mainzer Zitadelle ist die Julihitze gerade so erträglich. Wegen der dicken Wände und des lauen Lüftchens, das durch die großen Fenster weht. Unterhalb der Festungsanlage auf dem Jakobsberg liegt das historische Häusermeer der Altstadt mit Dom und Staatstheater. Als Beigeordnete der Stadt für Kultur und Bauen ist das kein schlechter Ort, um die Kulturinstitutionen im Blick zu behalten.

Mainz hat bundesweit mit mehr als 800 Millionen Euro Schulden die zweithöchste Pro-Kopf-Verschuldung. Umgerechnet auf die sind das  nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung 12.000 Euro Schulden auf jeden Einwohner der Stadt. Das ist deutlich mehr als bei den Paradebeispielen für klamme Kommunen wie Essen oder Oberhausen. Der Stadt bleibt nichts anderes übrig, als die Ausgaben drastisch zu reduzieren. Darunter leidet besonders ein Sektor: Vor allem Kunst und Kultur sind auf finanzielle Förderung angewiesen.

Markus Müller ist seit einem Jahr Intendant am Staatstheater in Mainz. Er beklagte sich öffentlich, er sei am untersten Sparlimit angekommen, ließ er die Allgemeine Zeitung wissen. Tariflich vereinbarte Löhne könne er damit nicht mehr bezahlen. Das ist als deutlicher Hilferuf an die Politik zu verstehen. Die reagiert, so dass ab 2016 der Etat erhöht wird, wenn auch nur geringfügig.

Kein Einfluss auf finanzielle Möglichkeiten

Marianne Grosse (SPD) beteuert, dass ihr als Beigeordneten der Stadt für Kultur und Bauen die Hände gebunden sind: „Herr Müller hat Recht, dass ein wesentlicher Prozentsatz der Zuschüsse in die Personalstruktur des Theaters gehen. Jede tarifvertragliche Regelung ist ein Problem für das Theater.“ In ihrem Büro in der Zitadelle über den Dächern der Stadt fügt Grosse fast resignierend hinzu: „Unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt. Wir können sie auch nur schwer beeinflussen, weil wir eine Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in der Stadt haben, die unseren Haushalt kontrolliert. Das ist bei verschuldeten Haushalten so.“ Dennoch müsse mit Land und Staatstheater neu verhandelt werden.

TabelleAufgrund der leeren Kassen ist Mainz auch das Schlusslicht bei der Investition in Kultur im Rhein-Main Gebiet. 113 Euro pro Bürger flossen im Jahr 2014 in den Kulturetat . Frankfurt und Darmstadt geben fast das Doppelte aus. Ingelheim sogar fast das Zwanzigfache. Daran ließe sich wenig ändern, glaubt Marianne Grosse: „Wir werden uns nicht davon freimachen können, dass Frankfurt einen anderen Haushalt hat als die Stadt Mainz. Unsere Aufgabe besteht darin, hier eine Kulturpolitik zu betreiben, die sich den Rahmenbedingungen des Haushalts anpasst“. Über einer Haushaltsnorm zu schweben gelänge indes nur Ingelheim am Rhein. Dort ermöglichen die Gewerbesteuereinnahmen von „Boehringer Ingelheim“ einen wesentlich größeren Kulturetat bei lediglich 26.000 Einwohnern.

Mainz und Wiesbaden: Nicht nur Konkurrenten

Dennoch sieht sie die Vielfalt der Kunst nicht in Gefahr. Der Konkurrenz an Rhein und Main sei Mainz gewachsen. Für Erfolge wie die Konzertreihe „Summer in the City“, die Elton John und Neil Young in die Stadt holte, machte sie Standortvorteile geltend. „Das läuft unglaublich gut. Hier auf der Zitadelle ist es beim Konzert wie im Wohnzimmer. Im ganzen Rhein-Main-Gebiet haben sie so einen Aufführungsort nicht“, ist Grosse überzeugt. Im Stolz auf das eigene Kulturangebot liegt aber auch die Gewissheit, dass sich die Städte im Rhein-Main-Gebiet kulturell ergänzen. „In dem, was wir anbieten, sollen wir uns keine Konkurrenz machen. Der Schlachthof in Wiesbaden soll sein Angebot machen, ohne, dass wir gezwungen sind, das gleiche Angebot schaffen“, erklärt sie. „Da wollen wir schon nutzen, dass wir bundesweit die am nächsten aneinanderliegenden Hauptstädte sind.“

"Einzigartiger Aufführungesort": Zitadelle Mainz (Foto: Martin Bahmann)

„Einzigartiger Aufführungsort“: Zitadelle Mainz (Foto: Martin Bahmann)

Das Rhein-Main-Gebiet soll kulturell in Zukunft noch mehr zusammenwachsen. Ab September wird das beim gemeinsamen Projekt Architektursommer in die Tat umgesetzt. Bei verschiedenen Veranstaltungen, einem Kongress und einem Symposium diskutieren Architekten, Stadtentwickler und Bürger wie Mainz, Offenbach, Frankfurt und Wiesbaden architektonisch zusammenwachsen können. Das Sprayer-Treffen „Meeting of Styles“ am Brückenkopf in Mainz-Kastel war der Auftakt für den Architektursommer. Einen Vorteil bergen Projekte wie dieses. Mit wirtschaftlich potenten Städten wie Frankfurt als Partner ist kein finanzielles Engagement der Stadt Mainz notwendig. Als Zukunftskonzept will das Marianne Grosse nicht verstanden wissen: „Wir unterstützen nicht finanzieller Art. Das können dann die Starken, Frankfurt oder Wiesbaden, machen. Das schaffen wir nicht.“ Wichtig dabei sei, die eigene kulturelle Identität nicht abzulegen.

Freie Szene

Die Kultur in Mainz besteht allerdings nicht nur aus Dom, Gutenbergmuseum, Orchestern und Chören. Die sogenannte freie Szene bereichert das kulturelle Leben in der Stadt mehr und mehr. Das sind viele kleine Initiativen und Organisationen, die teilweise große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auf absehbare Zeit werden die Akteure wie zum Beispiel das „Pengland“ immer wichtiger werden. „ Da freut es mich, dass in den letzten Jahren die freie Szene immer freier wird und ihren festen Platz in der Kultur in Mainz hat. Was Pengland in den letzten Jahren entwickelt hat an großen Veranstaltungen finde ich großartig. Wir versuchen dafür geeignete Räume wie jetzt die Peter Jordan-Schule zu finden“, bekräftigte Grosse die Unterstützung für das Projekt.


Gerade dafür, dass in den vergangenen Jahren zu wenig Raum für diese Projekte bereitgestellt wurde, stand Marianne Grosse in der Kritik. Die Opposition im Stadtrat und viele Kulturinitiativen drängen auf die Öffnung öffentlichen Raums für freie Künstler. Diesem Anliegen erteil Marianne Grosse eine deutliche Absage: „Die Botschaft, dass die Stadt freie Künstler mit freien Räumen unterstützen muss, geht nicht. Wir haben keine Räume und wenn wir sie hätten, müssten wir sie vermieten.“

Leerstand durch Kulturprojekte verhindern

Stattdessen sollen in Zukunft leerstehende Verkaufsräume von Künstlern genutzt werden. Vor allem in der Mainzer Neustadt trifft dieses Modell auf Gegenliebe. Häufig handelt es sich es sich um ein Mischmodell von Kunst und Verkauf: Lesungen und Ausstellungen dienen der Vermarktung von Produkten. Darin sieht Marianne Grosse kein Problem. Sie will noch mehr Überzeugungsarbeit bei den Eigentümern leisten. „Wir versuchen für Akzeptanz zu werben. Besitzer eines Geschäfts haben viel davon, wenn es nicht leer steht. Für Kultur und Stadt ist das wichtig.“

Wenn Kultur zunehmen von privaten Spenden und Initiativen abhängt, stellt sich eine entscheidende Frage: Hat das Modell öffentlich geförderter Kultur überhaupt eine Zukunft? Werden wir in absehbarer Zeit nur noch hören und sehen, was Investoren wollen? Kulturdezernentin Marianne Grosse schüttelt energisch den Kopf: „Wir brauchen immer finanzielle Förderung in der Kultur. Und das ist auch gut so. Die kulturelle Förderung ist entscheidender Punkt fürs Menschsein. Für mit Dingen leben können. Wenn sie anfangen, Kultur durch Entzug der Freiheit der Inhalte oder Einstellung der Förderung einzuschränken, ist die Kultur weg.“

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