Der Kunstradtrainer Marcus Klein im Interview

Marcus Klein betreut die Kunstradfahrerinnen Sandra Sprinkmeier und Katrin Schultheis, beide 25 Jahre alt, bereits seit zehn Jahren als Trainer. Ein Gespräch über tausend Absprünge, mentales Training und eingesessene Sättel. Von Clarice Wolter

Welche körperlichen Voraussetzungen sind fürs Kunstradfahren nötig?

Klein: Speziell für das 2er Kunstradfahren ist es gut, wenn die Radfahrerinnen unterschiedlich gebaut sind: eine etwas größere Unterfrau und eine etwas kleinere – und damit leichtere – Oberfrau. Wobei die Unterschiede nicht zu groß sein dürfen, da die Kür aus zwei Teilen besteht und die Partner zeitweise auf zwei Rädern gleichzeitig fahren. Dabei sind zu hohe Größen- und Gewichtsunterschiede eher von Nachteil. Bei der Pirouette zum Beispiel muss eine Partnerin die andere festhalten können.

Schlagen sich die unterschiedlichen Anforderungen auch im Training nieder?

Klein: Ja, natürlich müssen die beiden individuell trainieren. Katrin als Unterfrau muss mehr für die Kräftigung ihres Rückens tun, damit sie bei einem Sturz das Gewicht abfangen kann. Dementsprechend trainiert sie stärker ihren Oberkörper, während es bei Sandra wichtiger ist, die sogenannte Beinachsenstabilität zu trainieren. Füße, Knie, Becken und Rumpf müssen stabil sein, denn eine Oberfrau hat im Laufe ihrer Karriere einige tausend Absprünge zu verkraften, die über die Muskulatur in den Beinen so abgefangen werden müssen, dass die Gelenke nicht zu sehr leiden.

Video über die Harmonie im Team und die Kunstrad-Begeisterung eines ganzen Ortes Von Stefan Bock, Svetlana Illarionova und Mirko Stepan

Ein ehemaliger Bundestrainer hat Kunstradfahren einmal als „vollendete Version des Geräteturnens“ bezeichnet. Dazu noch das Gleichgewicht zu halten und alle Bewegungen synchron mit dem Partner auszuführen, stelle ich mir extrem schwierig vor…

Klein: Weil wir mit sehr komplexen Bewegungsabläufen zu tun haben, arbeiten wir mit mental unterstütztem Techniktraining. Denn selbst wenn der Bewegungsablauf noch nicht hundertprozentig beherrscht wird, gibt es die Möglichkeit, die Bewegung bereits im Kopf einzustudieren.

Zwei Kunstradfahrerinnen auf den Hinterrädern drehen sich im Kreis und halten sich an den Händen

Wie funktioniert das?

Klein: Der Sportler studiert dafür die Bewegungsabläufe eines Kollegen auf Videoband und arbeitet die Kernpunkte heraus. Konkret: Er notiert den Bewegungsablauf erst einmal auf Papier und kürzt dann seine Notizen, bis zum Schluss nur noch Schlagwörter übrig bleiben. Die Aufzeichnungen kann er vor jedem Training oder Wettkampf dann noch einmal durchgehen. Katrin zum Beispiel spricht bei schwierigen Übungen sogar lautlos während der Kür mit.

Bei Wettkämpfen gibt es keinen Pflichtteil, sondern nur eine Kür. Wie sieht die aus?

Klein: Die Kandidaten haben insgesamt fünf Minuten Zeit, also 300 Sekunden. Alles, was sie innerhalb dieser 300 Sekunden zeigen, bewerten die Richter mit Punkten. Die Teilnehmer dürfen im Vorfeld 25 Übungen einreichen. Damit ist die Reihenfolge und die Art der Übungen festgelegt. Für jede Übung gibt es je nach Schwierigkeitsgrad eine bestimmte Punktzahl. Alle 25 Übungen zusammengezählt ergeben die theoretisch möglichen Punkte. Die Kampfrichter haben jetzt nur noch die Aufgabe, Fehler zu notieren und von der maximalen Punktzahl abzuziehen.

Ist es dann nicht besser, leichtere Übungen ins Programm zu nehmen?

 

Klein: Nein, wenn es um die Weltmeisterschaft geht, kann man sich nicht erlauben, eine nur auf Sicherheit ausgelegte Kür zusammenzustellen. Die Konkurrenz würde dann auf jeden Fall gewinnen.

Konkurrenz züchten Sie sich quasi direkt im Nachbarort heran. Die Schwestern Thürmer aus Mainz-Finthen sind Vize-Weltmeisterinnen geworden.

Klein: Stimmt! Meine Frau trainiert die beiden. Auch wenn sie einem anderen Verein angehören, sind die beiden Finthener Mädels Ableger von Katrin und Sandra. Die Vier haben lange Zeit gemeinsam trainiert. Das Duo Thürmer hat auch einen Großteil der Trainingspläne übernehmen können, die ursprünglich für Katrin und Sandra erarbeitet worden waren. Es ist also kein Zufall, dass Mainz in Kunstradfahren so gut aufgestellt ist. (lacht)

Was ist eigentlich das Besondere am Kunstrad selbst?

 

Klein: Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein ganz normales Fahrrad mit einem Lenker, Sattel, zwei Rädern und Pedalen. Beim genaueren Hinschauen zeigt sich, dass die Übersetzung genau eins zu eins ist. Das heißt, das Kettenblatt vorne hat genauso viele Zähne wie das Kettenblatt am Hinterrad. Eine Pedalumdrehung ist also exakt eine Radumdrehung. Das ist schon mal ein Unterschied gegenüber einem normalen Straßenrad.

Kunstradlerinnen

Gibt es weitere?

 

Klein: Die Übersetzung ist starr. Das bedeutet, man kann die Pedale vor- und rückwärts bewegen. Auch das ist anders als bei einem normalen Fahrrad. Ein Kunstrad hat außerdem keine Bremsen, gebremst wird über die starre Übersetzung, indem man Gegendruck auf die Pedale ausübt.

Ich nehme an, Sie nehmen die Trainingsräder auch mit zu den Wettbewerben…

 

Klein: Auf jeden Fall! Ein Rad ist sehr individuell. Das geht schon mal damit los, dass der Sattel von der Schülerklasse bis ins Erwachsenenalter mitläuft: Das Rad wird ausgetauscht, je nachdem wie groß der Sportler ist, der Sattel wird ewig behalten. Deswegen ist es durchaus kritisch, wenn der Sattel mitten in der Saison kaputtgehen würde und der Sportler sich an einen anderen Sattel gewöhnen müsste. Ein Sattel passt sich einfach über die Jahre der Sitzform des Sportlers an und ist eingesessen. Es wird sehr viel über den Hüftknick gesteuert, damit bringt man einen speziellen Druck auf den Sattel. Der Sportler bekommt taktile Rückmeldungen vom Sattel, so dass er den nicht so einfach hergibt!

In welcher Trainingsphase befinden sich Sandra und Katrin gerade?

Klein: Die Hauptsaison beginnt im September und endet bereits wieder im November. Im September geht es los mit den WM-Qualifikationen: mehrere German Masters und die Deutschen Meisterschaften. Dafür trainieren wir gerade. Bei der Weltmeisterschaft ist die Qualifikation das Schwierigste, deshalb wäre es auch falsch, den Schwerpunkt auf die WM zu legen, denn es ist möglich, dass die Sportler dann zwar in Bestform sind, aber gar nicht erst starten dürfen. Es ist immer ein Fehler, zu früh von der WM zu sprechen. Klar, das Ziel ist die Titelverteidigung, aber Katrin und Sandra wissen ganz genau, dass es viel schwieriger sein wird, sich zu qualifizieren, als am Tag der Weltmeisterschaft Erste zu sein.

Internet: www.schultheis-sprinkmeier.de

Stand: Juli 2010