„Toy Toy Toy“ – der Spruch soll der Künstlerin Friederike Nastold nicht nur Glück nach ihrer Abschlussprüfung bringen. So heißt auch die Ausstellung, mit der sie sich aus dem Kunststudium verabschiedet. Es geht darin vor allem um die weibliche Sexualität.

Ein Computerbildschirm mit einem schmalen, schwarzen Rahmen. In dem Video, das darauf läuft, blickt eine junge Frau den Betrachter direkt an. Dunkles, kurzes Haar, eine Brille mit schmalem Rand und großen Gläsern. Die junge Frau erzählt eine mittelalterliche Mär, neongrüne Untertitel erscheinen. Dann schiebt sie sich plötzlich eine halbe Birne in den Mund, beginnt zu kauen. Das ist eines der Kunstwerke der jungen Künstlerin Friederike Nastold. Es trägt den Titel „Die halbe Birne“. Die Mainzer Kunstszene sei gerade für die zeitgenössische Kunst durchaus ausbaufähig, sagt Friederike. „Es gibt zu wenig Raum für junge Künstler. Auf der anderen Seite ist die Konkurrenz aus Frankfurt ziemlich hoch.“

Friederike ist 26 Jahre alt und hat gerade ihren Master an der Kunsthochschule Mainz gemacht. Schon seit sie 14 Jahre alt war, hat sie sich stark für Kunst interessiert, besuchte einen Kunstkurs, in dem sie sowohl frei arbeiten als auch etwas über Kunstgeschichte lernen konnte. Für ihre Abschlussausstellung „TOY TOY TOY“ hat sie sich mit Genitalien und Geschlecht, insbesondere der Vulva, beschäftigt. Warum? „Nun, es war die Erziehung meine Mutter. Sie hat mir ihr Schönheitsbild mitgegeben“, sagt Friederike. Aber auch ein Auslandsaufenthalt in Spanien inspirierte die Künstlerin zu ihren Werken. „Der Machismo ist in Spanien größer als hier. Aber, dass du nie auf die Straße gehen konntest, ohne, dass dir hinterhergepfiffen wurde – das hat mich überrascht.“ Sie findet es schrecklich, dass man immer wieder genötigt werde, dazu einen Kommentar abzugeben. „Das Bild der Frau ist sexistisch und trotzdem freizügig – und keiner redet darüber.“ Deswegen habe sie vor allem die weibliche Sexualität zum Thema machen wollen.

Einen Penis kann jedes Kind malen – Eine Vulva nicht

Ihre Ausstellung hat sie mit ausgewählten Werken ausgestattet. Bis auf eine Arbeit sind sie erst in den letzten zwei Monaten entstanden. Videos, Skulpturen, Plakate. Auf einem knallpinken länglichen Kissen können sich die Besucher niederlassen und die Werke betrachten. In den Videos macht Friederike den Betrachter zum Beispiel zum virtuellen Datingpartner, indem sie ihre Gesprächsfetzen bei einem Speed-Dating wiederholt. „Ein absurder Raum von Liebe“, sagt Friederike. Im hinteren Teil des hellen Raums hängen drei „Faux Culs“ – „Falsche Hintern“. Das sind Gerüste aus dünnen, grauen Schläuchen. Schnallt man sich diese um, hat man einen unnatürlich großen Hintern. „Sie sollten eigentlich Teil einer Performance sein, doch es war zu voll“, sagt Friederike. An der linken Wand hängen zwei Teller mit Szenen aus einem feministischen Porno. „Irgendwann möchte ich auch mal so einen Film drehen.“ Ihre Augen leuchten vor Tatendrang.

FN Foto_Denise Frommeyer

Friederike Nastold in ihrer Ausstellung Foto: Denise Frommeyer

Vor der Tür steht ein kleiner mit Lichtschläuchen beleuchteter Holzschrank. Auf ihm steht die Vulva-Maschine, ein durchsichtiger Kasten mit rotem Deckel. Sie erregt an diesem Abend besonderes Interesse. „Ich möchte meine Arbeiten nicht erklären“, sagt Friederike, während sie sich vor einer der Videoinstallationen niederlässt und breitbeinig vor ihr sitzt. „Ich tue mich immer schwer damit, meine Beweggründe zu erklären. Jeder soll Raum für eigene Assoziationen und Bezüge haben.“ Fakt ist: Mit all ihren Werken möchte Friederike die Thematik sichtbar machen – sowohl mit einem historischen Bezug als auch in der Transformation in die Gegenwart. „Es ist schon lustig“, sagt Friederike und lacht. „Kleine Jungs und auch Mädchen können einen Penis malen, aber niemand weiß, wie eine Vulva aussieht.“

„Es gibt großen Redebedarf“

Doch nicht nur eine reine Kunstausstellung wollte Friederike den Besuchern präsentieren. „Das Thema hat so großen Redebedarf, dass ich auch ein paar Vorträge organisieren wollte, die das Publikum an das Thema heranführen und ein interdisziplinäres Gespräch eröffnen“, erklärt die Künstlerin. So sprechen die Düsseldorfer Journalistin Mithu Sanyal, der Konstanzer Wissenschaftler Martin Schneider und die Verlegerin Claudia Gehrke auf dem Symposium. Die Besucher lauschen konzentriert der Kulturgeschichte der Vulva, einem Vortrag über Genitalien im Spätmittelalter und einem Streifzug durch den Feminismus der 70er und 80er Jahre. Etwa 130 Menschen sind zu Friederikes Prüfung gekommen, gerechnet hatte sie mit etwa 70. Im Gespräch mit einzelnen Besuchern habe sie noch einmal gemerkt, wie groß der Redebedarf wirklich ist. Es gebe nur leider wenig Raum dafür. „Es wurde weniger über meine Kunst als über die Vorträge geredet“, sagt sie.

Nun ist für Friederike nach ihrer Masterprüfung noch nicht Schluss mit dem Studium. Sie will sich erst einmal auf ihre Kunst konzentrieren und macht deswegen ihre Meisterschülerin an der Kunsthochschule. Sie möchte erst einmal hier bleiben, aber wer weiß, wohin sie ihr Weg noch bringt. „Ich habe hier viel gelernt und möchte das weiter ausbauen“, sagt Friederike. Eine neue Reihe zu ihrem aktuellen Thema voranbringen zum Beispiel. Sie kann sich aber auch ein Atelierstipendium vorstellen, bei dem sie auch mit anderen Künstlern zusammenarbeitet. Außerdem hat sie zusätzlich Germanistik und Pädagogik studiert, denn die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist ihr wichtig. „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, auch, weil der theoretische Input für meine Kunst da her kommt.“ Als Lehrerin könne sie aber auch später noch arbeiten, sagt sie. „Ich bin gerade so schön im Fluss und möchte noch viel mehr erreichen.“

Die Ausstellung in Bildern

(Beitragsbild: Denise Frommeyer)

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