Das neue Herzzentrum der Universitätsmedizin Mainz scheint bestens gerüstet für die derzeit häufigste Todesursache: Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch die Krankenkassen haben mit den modernen Behandlungsmethoden noch so ihre Probleme.


Für eine Herz-OP muss nicht länger der Brustkorb geöffnet werden - ein kleiner Schnitt an der Leiste reicht für einen Herzkatheter. Durch den dünnen Schlauch kann sogar eine neue Herzklappe zum Herz gelangen.
Im Herz angekommen verdrängt ein Ballon die alte, verkalkte Herzklappe. Eine neue, künstliche Klappe entfaltet sich und kann genau positioniert werden
Auch diese kleine Herzklappen-Klammer entfaltet sich erst im Herzen. Dort schließt sie Löcher, wo keine sein dürfen.
Der kleinste Herzschrittmacher der Welt: Nur knapp zwei Zentimeter lang und kaum zwei Gramm schwer kann er das Herz für zehn weitere Jahre im Takt halten.
Sieben Herzkatheter-Labore sind in der Kardiologie rund um die Uhr im Einsatz. Hier wird untersucht, warum das Herz Rhythmusstörungen entwickelt und wie man den Patienten helfen kann.
Die Funktionsfähigkeit des Herzens wird am Bildschirm überwacht. Wie gut schließen die Herzklappen? Wie gleichmäßig ist der Puls? Und wie frei oder verkalkt sind die Blutgefäße?
Die "Chest Pain Unit" steht jederzeit für Menschen mit Schmerzen in der Brust bereit. Zuerst wird ermittelt, ob ein Herzinfarkt unmittelbar bevorsteht.

Im Mainzer Herzzentrum ist die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkankungen schnell, hochmodern - und teuer. Prof. Münzel, Direktor der Klinik für Kardiologie der Unierversitätsmedizin Mainz weiß auch: lange ist das nicht mehr finanzierbar.

Prof. Thomas Münzel, Direktor der Klinik für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz

Fotos: Meike Hickmann

Mehr als ein Drittel der Todesfälle werden durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems verursacht. Mit knapp 40 Prozent sind diese Erkrankungen somit die Haupttodesursache in Deutschland – Tendenz steigend. Ein neues Herzzentrum in Mainz soll gegensteuern – indem die Kardiologie und die Herzchirurgie eng zusammenarbeiten.

„Die Lebenserwartung in Deutschland ist in den letzten 30 Jahren um fünf Jahre gestiegen. Vier Jahre gehen dabei allein auf das Konto der immer erfolgreicheren Therapie von Herz-Kreislauferkrankungen“, sagt Prof. Thomas Münzel, Direktor am Zentrum für Kardiologie in Mainz. Das macht sich in der Klinik bemerkbar: 15.000 Menschen mit Herz- Kreislauferkrankungen werden jährlich in der Universitätsmedizin behandelt.

Chest Pain Units behandeln Herzprobleme zielführend

Die Mainzer Klinik will schneller und effektiver werden: In Mainz wurde eine der ersten Chest Pain Units (CPU) in Deutschland gegründet – hier steht rund um die Uhr alles bereit um Herzinfarkte zu behandeln. Patienten mit Brustschmerzen können direkt in die CPU kommen, zudem bringen auch Notärzte solche Fälle inzwischen direkt dorthin. „In der Notaufnahme gehen Patienten mit Brustschmerzen häufig unter, dabei müssen sie so schnell wie möglich behandelt werden“, sagt Münzel. 250 dieser Chest Pain Units gibt es bisher in Deutschland, Tendenz steigend.

Auch die Therapie von Herzklappenerkrankungen bei älteren Patienten hat sich geändert. Früher, als man noch für jede Herzoperation den Brustkorb öffnen musste, habe man sich oft gegen einen Eingriff entschieden, sagt Münzel.

Unstrittig ist, dass alte Menschen lange Operationen schlechter überstehen. Doch auf diese Problematik hat die moderne Medizin reagiert: Um nicht mehr richtig schließende, zu enge und verkalkte Herzklappen zu operieren, reicht ein Zugang über eine Ader an der Leiste, durch die ein dünner Schlauch zum Herzen geführt wird – der Herzkatheter. Da der Eingriff so klein ist, können die Patienten einen Tag später wieder aufstehen und fühlen sich fit. Auch ältere Menschen überstehen diese minimalinvasiven Operationen meist gut.

Moderne Herz-Operationen teuer und umstritten

Durch den Herzkatheter werden dabei alle Werkzeuge für die Operation, einschließlich faltbarer Herzklappe, durch den Körper zum Herzen geleitet. „Da ist ein enormer Innovationsbedarf – und die Firmen überbieten sich mit Entwicklungen zur minimalinvasiven Herzklappentherapie“, sagt Münzel. So habe ein amerikanischer Hersteller eine Herzklappe entwickelt, die sich erst im Körper an der gewünschten Stelle öffnet. Auch einen Sonde gebe es bereits, die sich als Mini-Herzschrittmacher am Organ festklammere. Eine Erfindung klingt unglaublicher als die nächste. Viele der Behandlungsmethoden sind enorm teuer: 35.000 Euro kostet eine minimalinvasive Herzklappenoperation – 15.000 allein die neue Herzklappe.

Die Krankenkassen stehen dieser Entwicklung mit gemischten Gefühlen gegenüber. „Es geht uns jetzt aber nicht um die Kosten, sondern zuerst darum, ob die neue Methode überhaupt sicher ist“, konstatiert Dr. Matthias Dettloff vom Spitzenverband der Krankenkassen GKV. „Gerade bei minimalinvasiven Herzoperationen kommen immer wieder verschiedene Methoden frühzeitig in großem Stil zur Anwendung, ohne dass man zu diesem Zeitpunkt weiß, welche Patienten tatsächlich von einer Behandlung profitieren“, so Dettloff weiter. Wichtige Studienergebnisse würden häufig nicht abgewartet. Dabei müsse nach seiner Auffassung vor einer flächendeckenden Anwendung immer vorab klar sein, welchen Nutzen und auch welche Risiken neue Methoden gegenüber etablierten Standardbehandlungen haben.  Dettloff findet, es müsse von Kliniken, die beispielsweise Chest Pain Units einrichteten, immer klar formuliert werden, ob und wie es durch diese Einrichtungen tatsächlich zu einer Verbesserung der Patientenversorgung komme. Thomas Münzel von der Mainzer Uniklinik hält dagegen: „Solange wir es uns noch leisten können, müssen wir jede machbare Behandlung durchführen.“

Nicht alle Herzpatienten profitieren von neuen Behandlungen

„Wir fragen uns, wie diese Produkte zum Zeitpunkt ihrer Markteinführung so unkontrolliert und flächendeckend zum Einsatz kommen konnten“, wundert sich Dettloff. Dabei meint er vor allem die TAVI-Herzklappe. Denn zum damaligen Zeitpunkt lagen kaum Studienergebnisse vor. Als dann im Jahr 2010 aufgrund einer großen Studie klar war, dass in erster Linie Patienten von der Behandlung profitieren, die nicht offenchirurgisch operiert werden können, waren bereits tausende Patienten in Deutschland damit behandelt. Auch bei dem sondenlosen Herzschrittmacher könne es zu bestimmten Problemen kommen. Er sei zwar durch seine Krallentechnik, was den Halt bei der Positionierung direkt im Herzen angeht, sicherer als ein anderes in den Markt eingeführtes Produkt, bei dem sich unmittelbar nach Marktzugang erhebliche Bedenken ergeben haben. Doch auch andere Aspekte, z. B. wie haltbar die Batterie ist, seien fraglich, findet Detloff: „Was passiert, wenn dem Schrittmacher im Herzen bei Reanimierungsversuchen Stromstöße zugefügt werden? Nimmt das Herz dabei Schaden?“ Auf diese Frage gibt es seiner Kenntnis nach keine Antwort. Angesichts der Tatsache, dass die sondenlosen Schrittmacher nur für Patienten in Betracht kommen, die einen Einkammerschrittmacher benötigen, sei es derzeit unklar, ob der mögliche Nutzen der Behandlung den potenziellen Schaden überwiegt. Und solange nicht klar ist, ob die Nutzen-Schadensbilanz positiv ist und welche Patienten von der Behandlung profitieren, spielt der Preis der jeweiligen Behandlung keine Rolle.

Immer mehr Alte, immer mehr Lärm

Doch egal, ob es nun konventionelle OP-Methoden oder solche leichten Spezialeingriffe sind: Die Menschen werden gerade auch dank Herzoperationen immer älter: 1955 gab es noch drei Hundertjährige in Rheinland-Pfalz, heute sind es 875. Die Ironie des Schicksals: Mit dem Alter steigt wiederum die Zahl der Herzerkrankungen. „Auf der einen Seite behandeln wir die Patienten immer besser, auf der anderen kommen immer mehr hinzu“, sagt der Mediziner Thomas Münzel, der sich auch der Erforschung von Risikofaktoren für Herzerkrankungen widmet.

Rauchen und eine ungesunde Lebensweise seien die größten Risikofaktoren. Daneben spiele Lärm eine wichtige Rolle. Das Ergebnis von Münzels Untersuchungen: Der moderne Verkehr mache krank. Wer von Lärm geweckt oder in seine Kommunikation gestört werde, zeige eine Ärger-Reaktion. „Wenn man chronisch geärgert wird, erzeugt das Stress in unserem Körper“, sagt Münzel. Zu viele Stresshormone führten zu hohem Blutzuckerspiegel, hohem Blutfettanteil und Bluthochdruck, was wiederum Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstige, erklärt er.

Neben der Ärger-Reaktion, steige der Blutdruck durch Nachtflüge, auch ohne Aufwachen, denn die Augen könne man schließen, aber nicht die Ohren. Münzel und seine Kollegen wollen nun zudem die Auswirkungen von Feinstaub erforschen, dem Begleiter des Verkehrslärms. „Das Ziel ist, dass Lärm und Feinstaub als Risikofaktoren in die kardiologischen Leitlinien aufgenommen werden – so entsteht auch mehr Druck auf die Politik, etwas zu ändern“, sagt Münzel.