Am Rheinufer gibt es zwei Strände, aber nur einer gehört streng genommen zu Mainz und heißt auch gleich passend Mainz-Strand. Eindrücke aus der „Stadt-Oase“ an einem lauen Sommerabend. Von Clarice Wolter

Sicherheit ist alles, selbst am Stadtstrand: „Das Mitbringen von Speisen und Getränken, gefährlichen Gegenständen, Waffen und Pyrotechnik ist nicht erlaubt.“ Was man eben für gewöhnlich so mit sich führt, wenn man an den Rhein geht. – Das zumindest befürchten wohl die Urheber des Verbotschildes.

Südseefeeling am Rhein: Der „Mainz-Strand“ macht’s möglich Foto: C. Wolter

19 Uhr. Drei wenig zimperliche Security, mit dunklen, spiegelnden Sonnenbrillen vor den Augen, schwarzen Hose und Sicherheitswesten bewachen den Eingang. Wahrscheinlich sind sie direkt aus der Muckibude gecastet worden. Meinen nichtigen Rest Mineralwasser, über den Tag warm geworden und ohne einen Rest Kohlensäure, darf ich nicht mit reinnehmen. Einer der drei beleibten Aufpasser deutet auf die eigens für diese Fälle aufgestellte Mehrwegflaschenmülltonne.

Das Procedere erinnert an Open Air-Konzerte, wo man ebenfalls am Eingang Proviant und Trinkflaschen abgeben muss, das Pfand lässt sich auch am Strand noch zu Geld machen. Nicht mit mir. Wo ich die Flasche nachher wieder abholen kann, frage ich den Sicherheitsbeauftragten, der sich für mich und meinen Rucksack zuständig fühlt. Er verzieht keine Miene. Ich wiederhole die Frage. „Stell sie da ab, aber keine Garantie, dass die nachher noch da ist.“ Er deutet mit dem Zeigefinger auf den dreckigen Boden neben der Mülltonne. Danke. Trotz Rucksackdurchsuchung entdecken sie weder mein, zugegeben winziges, Schweizer Taschenmesser, noch den Apfel. Die Schmuggelware am Strand zu verzehren, traue ich mich trotzdem nicht, nachher greifen die noch hart durch, mit Strandverbot zum Beispiel.

Liegen Richtung Abendsonne

Der Rhein-Kai ist über und über mit ockerfarbenem Sand bedeckt, keine Spur von Asphalt ist mehr zu sehen. Links ein Volleyballfeld, rechts, direkt am Fluss, vereinzelte Liegestühle. Ein Stück weiter sieht es aus wie im Sommergarten eines Cafés: Dutzende Tische und Stühle gruppieren sich unter Schirmen. Ich ziehe mir mangels Alternative einen Plastikstuhl in Rattanoptik in den Liegestuhlbereich. Während ich an meinem Bier schlürfe, mache ich folgende Beobachtungen:

19:15 Uhr. Aus einer überdimensionalen Lautsprecherbox kommt weichgespülter R’n’B: „Uuuh Baby, Baby“. Ein Pärchen hat sich zwei Liegen Richtung Abendsonne zurechtgerückt. Er, Ralph Lauren-Polospieler auf der Brust, sie, die hippe Sonnenbrille kess in die Haare geschoben. Er zu ihr: „Ich war heute 15 Stunden unterwegs.“ Sie: „Ui!“ Bevor er sich ein zweites Bier holt, verabschiedet er sich mit einem Kuss von ihr, als würden sie nicht drei Meter für fünf Minuten, sondern der Atlantik für fünf Monate trennen. Die meisten Besucher sind Pärchen und dezent leger gekleidet. Direkt neben der Liegestuhlfläche duellieren sich zwei Mannschaften auf dem Volleyballfeld. Deren Zusammensetzung als „gemischt“ zu bezeichnen, würde den Tatsachen nicht gerecht: Die beiden Mannschaften bestehen aus 15 solariumgebräunten Männern und einer leichtbekleideten jungen Frau. Voller Übereifer pfeffern sie die Bälle nur so über das Netz.

Streit über den Wurstpreis

Ein Audiobeitrag über Sommer, Sonne, Strand und den Wettbewerb zwischen Kasteler und Mainzer Strand Von Clarice Wolter

Wolter Straende

19:30 Uhr. Aus der Box plätschert Synthesizer-Billigpop: „Let me be your sunshine”. An der Snackbar entbrennt ein Streit über den Wurstpreis. Das „WM-Spezial Chakalaka“, eine Currywurst mit afrikanisch-scharfer Sauce, kostet 3,50 Euro, weil der Kunde seinen Wunsch aber nur nonverbal artikuliert hatte, soll er die Currywurst zum Normalpreis von vier Euro bezahlen. Als er sich weigert, macht ihm die Bedienung widerwillig eine neue und dreht die liegen gebliebene Wurst kurzerhand dem nächsten Kunden an – zum vollen Preis, versteht sich. Mich tangiert das nicht, denn das WM-Spezial kommt für mich angesichts der schlaffen, scheinbar schon vor Stunden vorgegrillten Würstchen ohnehin nicht mehr in Frage.

Sicherheitskontrolle am Kai: Wer an den Strand will, muss an der Security vorbei Foto: C. Wolter

Das in der abgegriffenen Speisekarte ausgewiesene Matjesbrötchen ziehe ich ebenfalls nicht in Betracht, also Pommes. „Die sind aus.“ Aha. Ob ich stattdessen Kartoffelecken möchte. Okay, Kartoffelecken mit Ketchup bitte. Nach zehn Minuten quälenden Wartens, während die andere Bedienung seelenruhig einen Crêpe faltet, als wäre er Origami, und meine Bedienung neue Wurstrohlinge aus ihrer Plastikhülle befreit, ist es endlich soweit: Kartoffelecken mit – Sauerrahm. Auf den aber reagiert mein Magen für gewöhnlich empfindlich, deshalb reklamiere ich. Der pubertierenden Bedienung fällt das aufgesetzte Zahnspangen-Lächeln aus dem Gesicht. Sie tauscht die oberen, in Sauerrahm getränkten Kartoffelecken gegen unbefleckte aus. Das Essen wäre nun trotz allem einigermaßen genießbar, wenn vom Rhein nicht eine fiese Algen-Fisch-Duftnote heraufgeweht käme. Nase zu und durch.

Bier in Hartplastik(pfand)bechern

19:45 Uhr. „I wanna make love to you”. Einzelne Securities bewachen jetzt auch die Gäste innerhalb des abgezäunten Strandes, sie bewegen sich wie in Zeitlupe, werfen mal hier, mal dort einen unauffällig-auffälligen Blick unter die Tische und neben die Verkaufsstände. Ein vierter Sicherheitsmann verstärkt die Eingangskontrolle. Als ob Papst Benedikt gleich persönlich vorbei käme, es fehlen nur noch die Sprengstoffspürhunde. An den Kontrollen vorbeigeschafft haben es vier Männer in gelb-grün-blauen Brasilientrikots und betreten den Laufsteg, pardon Holzsteg. Frierende Frauen wickeln sich derweil schon in knallorange Wolldecken, kalt ist der Abend.

20 Uhr. „Shake your Body”. Drei Machos mit nach hinten gegelten Haaren fotografieren sich gegenseitig vor der Rheinkulisse. Imagebilder. Da macht sich das Unkraut, das sich durch die Ritzen der Betontreppe gekämpft hat, gar nicht gut. Die Hobbymodels müssen pausieren, weil zwei Mädels ihre Biere in Hartplastik(pfand)bechern über den Kai balancieren und fast fallen lassen, als aus den Boxen mit gefühlten 120 Dezibel plötzlich „Wavin’ Flag“ wummert. Anscheinend das Startsignal für den Fußballabend, denn Katrin Müller-Hohenstein und Olli Kahn tauchen auf dem provisorischen Bildschirm auf. Während sie bei schrecklicher Rückkopplung über Pelé und Kaká fachsimpeln, mache ich mich auf den Heimweg. Aber nicht, ohne mir zuvor meine Wasserflasche wiederzuholen. Aus Prinzip. Daraus getrunken habe ich keinen Schluck mehr.

Internet: Panoramafoto des Rheinufers von stadtpanoramen.de

Stand: Juli 2010