Der Gründer des Meeting of Styles, Manuel Gerullis,  spricht im Interview über die Sprayerszene im Rhein-Main-Gebiet, politische Unterstützer und über die Frage nach legaler und illegaler Graffiti-Kunst.

Nachdem Manuel Gerullis vor 13 Jahren das Graffiti-Festival „Meeting of Styles“ gegründet hat, laufen auch heute noch alle Fäden bei ihm zusammen. Entsprechend hektisch gestaltet sich ein Festivaltag am Brückenkopf in Mainz-Kastel für ihn. Damit er nicht ständig sein Handy aus der Tasche nehmen muss, hat er seine Kopfhörer angeschlossen. Das Gespräch findet im Laufen statt. Überall wird der Festivalleiter gebraucht: Zwei Sprayer sind verärgert, weil vor einer Wand ein Gemüsehändler seinen Müll abgeladen hat. Gerullis versucht zu schlichten. An einem anderen Haus haben die Künstler auf neu eingesetzte Fensterrahmen gesprüht. Der 44-Jährige bringt Hinweisschilder an der Fassade des Hauses an. Dazwischen erklärt er, wie er vom Rhein-Main-Gebiet aus ein Festival gründen konnte, das heute überall auf der Welt Halt macht.

In diesem Jahr sind 130 Sprayer aus 17 Ländern beim Meeting of Styles vertreten. Woher stammen die ganzen Kontakte?
Gerullis: In der Sprayerszene gab es schon immer viele reisefreudige Menschen. Und wir können heute auf eine lange Historie zurückblicken: Zwischen 1997 und 2001 war ich für das Wall Street Meeting am Schlachthof (Kulturzentrum in Wiesbaden, Anm. d. Red.) verantwortlich. Daraus ist dann 2002 das Meeting of Styles entstanden. Über die Jahre hinweg hat sich so ein großes Netzwerk gebildet.

Der Herr der bunten Wände: Meeting of Styles-Gründer Manuel Gerullis (Foto: David Schafbuch)

Der Herr der bunten Wände: Meeting of Styles-Gründer Manuel Gerullis (Foto: David Schafbuch)

Inzwischen wandert das Festival um die ganze Welt. Im April standen zum Beispiel die Philippinen, Thailand und China auf dem Plan. Wie wurde das Meeting international?
Gerullis: Immer wieder sind Leute an mich herangetreten, die sich engagieren wollten. Viele Künstler wollten wie ich versuchen, Graffiti zu entkriminalisieren. Mit diesen Partnern haben wir dann versucht, auch in anderen Ländern in Europa Veranstaltungen zu organisieren. Inzwischen reichen die Kontakte überall hin. Die Regeln für die Veranstalter sind relativ einfach: Es müssen mindestens 30 Flächen für 30 Künstler aus verschiedenen Ländern vorhanden sein, damit es sich „Meeting of Styles“ nennen darf. Viel mehr ist nicht notwendig.

Besuchst du auch die anderen Veranstaltungen?
Gerullis: So oft wie möglich. Zum Beispiel war ich schon in China oder Brasilien. Aber leider scheitern die Reisen oft an Zeit und Geld.

Unterstützung erhaltet ihr in Wiesbaden auch vom Amt für soziale Arbeit.
Gerullis: Das Amt hat es schon seit unseren Anfängen als seine Aufgabe verstanden, uns zu helfen. Wir sind Ausdruck von Jugendkultur. Und Politik sollte Jugendliche da abholen, wo sie sich aufhalten. In gewisser Weise ist es daher sogar ihre Pflicht, sich zu engagieren. Dieser Auftrag wurde in Wiesbaden immer sehr ernst genommen. Im Rhein-Main Gebiet gibt es mehrere Tausend Quadratmeter, die Graffiti-Künstler nutzen können. Damit sind wir, denke ich, gut aufgestellt.

Wer nach Graffiti im Rhein-Main-Gebiet im Netz sucht, landet schnell auf Seiten von Reinigungsdiensten. Hat Graffiti-Kunst in der Bevölkerung immer noch einen schlechten Ruf?
Gerullis: In den letzten Jahren hat sich das Image schon verbessert. Die überwiegende Zahl der Menschen ist inzwischen aufgeklärter. Auch, weil Graffiti und Streetart einen Hype hatte in der letzten Zeit.


Die Kunst ist durch Streetartkünstler wie Banksy (britischer Streetartkünstler, Anm. d. Red.) wieder salonfähig geworden. Wie stehst du zu ihm?
Gerullis: Ich habe schon Respekt vor ihm und seiner Arbeit. Er hat auf jeden Fall großen Anteil daran, dass urbane Kunst allgemein wieder präsenter ist. Auch, wenn sein Stil nicht unbedingt mein Ding ist. Er benutzt Schablonen für seine Bilder. Das heißt, der Großteil seiner Arbeit geschieht schon im Vorfeld. Das Sprühen ist danach kein wirklicher Aufwand mehr. Ich mag aber lieber das Sprayen an sich.

Seine Bilder sind inzwischen weltweit bekannt. Vielleicht auch deshalb, weil hinter ihnen immer eine Botschaft steckt?
Gerullis: Alles, was er tut, ist auf jeden Fall durchdacht. Das gefällt mir schon. Denn Bilder, die Botschaften transportieren, kommen im klassischen Graffiti oft zu kurz. Da geht es häufig nur um den Namen des Künstlers. Manche Leute sprühen einfach immer wieder ihren Künstlernamen. Auf Dauer finde ich das aber zu flach. Komplexe Bilder mit einer Aussage finde ich besser. Deswegen hat das Meeting of Styles auch immer ein Motto („Mind above Matter“ in diesem Jahr, Anm. d. Red.), an dem sich die Künstler orientieren sollen.

Im Gegensatz zum Meeting of Styles sprüht Banksy seine Bilder auf Flächen ohne Genehmigung. Das Meeting steht für legale Graffitikunst. Muss ein Künstler nicht das Eigentum anderer Menschen respektieren?
Gerullis: Wir versuchen mit dem Meeting of Styles Graffiti eine legale Plattform zu geben. Allerdings passt mir der Gedanke von Eigentum nicht.

Warum?
Gerullis: Unsere Gesellschaft fußt auf dem Besitz von Dingen. Eigentum ist für mich aber eine Illusion. Das einzige, was ein Mensch besitzt, ist sein Körper. Deswegen ist auch der ganze Raum, der uns umgibt, nur geliehen. Künstler sollten diesen Raum nutzen können. Kreativer Ausdruck ist für mich höher anzusiedeln als das reine Besitzen von Dingen.

Das lässt sich aber mit den Aussagen des Festivals nicht vereinbaren.
Gerullis: Jeder Sprayer sollte natürlich das Gesetz befolgen. Ich hab da schon meine eigenen Erfahrungen gemacht: 1991 wurde ich wegen Sachbeschädigung verurteilt. Trotzdem sollte man sich vor Augen halten: Es ist legitim, Innenstädte mit Werbung zuzukleistern. Gleichzeitig ist es nicht erlaubt, wenn ein Sprayer eine dreckige Ecke mit seiner Kunst verschönert. Streetart und Graffiti ist für mich etwas Positives, weil es unsere grauen Städte schöner macht.

Aber ist es wirklich noch Kunst, wenn jemand mit einem Filzstift seinen Namen an Wände malt?
Gerullis: Es ist natürlich schwierig, eine Grenze zu ziehen, wann Kunst in blinden Vandalismus mündet. Aber die Wurzel von Tags (Künstlernamen von Sprayern, die an Wände gemalt werden, Anm. d. Red.) ist die Kalligraphie. Und diese Kunstform ist hunderte Jahre alt. Tags können für mich auch Kunst sein.

 

(Beitragsbild: Jenny Stern)

(Slidebilder: David Ehl)

Weitere Bilder vom Meeting of Styles 2015 findet ihr hier

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