Mehrgenerationenhäuser liegen voll im Trend. Eines davon steht in Mainz-Finthen. Ein Interview mit der Leiterin der Einrichtung, Andrea Reimuth.

Andrea Reimuth

Andrea Reimuth (Mitte) leitet den Römerquellen-Treff.  Fotos: Timo Schmidtchen

Das Lächeln will einfach nicht aus ihrem Gesicht weichen. Andrea Reimuth tippelt durch die Reihen, hält hier einen Plausch, gibt dort einen Ratschlag. Wenn Menschen in ihrem Element sind, strahlen sie dies aus – auf Andrea Reimuth trifft das voll zu. Die 31-jährige Diplom Sozialarbeiterin und -pädagogin hat ihre Bestimmung gefunden. Sie arbeitet im Mehrgenerationenhaus Mainz-Finthen – auch als Römerquellen-Treff bekannt.

360 Grad Mainz: Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr damit abfinden will, den Lebensabend in einem Altersheim zu verbringen – eine Gesellschaft, die andere Wege sucht. Drehen wir das Rad der Zeit um 50 Jahre vor. Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor?

Andrea Reimuth: Der Ansatz der Mehrgenerationenhäuser klingt für mich sehr verlockend. Ich stamme aus einem Drei-Generationen-Haushalt, ich brauche Leute um mich herum. Ich möchte mich nicht in ein Altersheim abschieben lassen.

360 Grad Mainz:Der Römerquellen-Treff ist – wie der Name schon verrät – zunächst einmal ein Treffpunkt. Sie aber könnten sich vorstellen, Ihren gesamten Lebensabend in solch einem Wohnprojekt zu verbringen?

Andrea Reimuth: Auf jeden Fall. Ich finde es gut, wenn sich Menschen unterschiedlicher Generationen über die Tagesstruktur hinaus unterstützen und auch noch in einem gemeinsamen Haus wohnen. Ich kann mir das sehr gut für mich vorstellen.

360 Grad Mainz: Die meisten Mehrgenerationenhäuser sind allerdings als Treffpunkt konzipiert, entgegen der Annahme, dass dort alle unter einem Dach wohnen.

Andrea Reimuth: Das wird in der Tat oft missverstanden. Aber auch die Treffpunkte sind enorm wichtig und ich denke, dass in nächster Zeit auch immer mehr Wohnprojekte hinzukommen werden.

360 Grad Mainz: Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie heute im Römerquellen-Treff? Immerhin startet heute die Seniorenwoche.

Andrea Reimuth: Der feste Kern besteht aus 20 Personen. Aber ich hoffe, dass sich heute ein paar mehr Leute einfinden werden. Die Hitze macht uns aber vermutlich einen Strich durch die Rechnung. Für einige ist das Wetter einfach zu anstrengend. Sie haben schon abgesagt.

360 Grad Mainz: Abgesagt? Bei einem freiwilligen Treff?

Andrea Reimuth: Ja, besonders die alten Damen sind sehr pflichtbewusst und melden sich ab. Das zu wissen, ist für uns wichtig, denn wenn eine von ihnen nicht erscheint, machen wir uns Sorgen. In dem hohen Alter, das viele Besucher bereits errecht haben, kann sich so manches von einem auf den anderen Tag ändern, darum sind wir immer froh, wenn alle kommen.

Andrea Reimuth sitzt in ihrem kleinen Büro, das von Papieren, Anträgen und Aktenordnern nur so überquillt. Ein Topmanager könnte hier nicht einmal seine Rumpelkammer unterbringen – für das Mehrgenerationenhaus reicht der Platz gerade so aus. Viel Bewegungsfreiheit gibt es dennoch nicht. Heute beginnt im Römerquellen-Treff die Seniorenwoche: Jeden Tag gibt es ein anderes Highlight für die älteren Damen und Herren. Die Vorbereitungen sind bereits gelaufen, aus dem Aufenthaltsraum strömt der Duft von frischem Kuchen und heißem Kaffee.

360 Grad Mainz: Es gibt so viele Angebote. Für jedes Alter ist etwas dabei. Sind all diese Angebote kostenlos?

Andrea Reimuth: Ja, die sind kostenfrei. Ob Schülernachhilfe, Schachklub, Nähkurs oder das musikalisch-literarische Café – jeder kann kommen und muss nichts bezahlen. Einzig bei den Essensangeboten geht später eine Sammeldose herum, damit wir die Unkosten decken können.

360 Grad Mainz: Sie sprechen die Schülernachhilfe an. Was hat es damit auf sich?

Andrea Reimuth: Das ist letztlich ein Angebot, das genau dem Sinn des Mehrgenerationenhauses entspricht: Die eine Altersgruppe soll von den Erfahrungen der anderen profitieren. Wir haben insgesamt 15 ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuer, die sich an unterschiedlichen Tagen um die Belange der Schüler kümmern. Die meisten von ihnen sind bereits in Pension und haben die Zeit und das entsprechende Wissen. Koordiniert wird das Ganze von einer ehemaligen Grundschullehrerin.

360 Grad Mainz: Wird das Angebot gut angenommen?

Andrea Reimuth: Ja, die Ehrenamtlichen haben viel zu tun. Es gibt immer neue Anfragen.

360 Grad Mainz: Kostenlose Schülernachhilfe klingt auch wirklich verlockend. Sicherlich sind viele Eltern froh, dass sie die hohen Kosten vermeiden können. Doch was ist mit den anderen Angeboten? Finden sich auch da stets genügend Teilnehmer?

Andrea Reimuth: Die Angebote werden allesamt gut angenommen. Wir versuchen auch immer, auf die Belange der Besucher zu reagieren.

360 Grad Mainz: Inwiefern?

Andrea Reimuth: Es gibt den Fall, dass eine Person etwas gut kann und dieses Wissen weitergeben möchte und deshalb an uns herantritt. Es geht aber auch andersrum. Neulich kamen beispielsweise drei Besucher auf mich zu und haben den Wunsch nach einer Gymnastikstunde geäußert. Also habe ich versucht, eine Trainerin, die uns ehrenamtlich helfen kann und möchte, zu finden. Kein leichtes Unterfangen.

360 Grad Mainz: Und hat es geklappt?

Andrea Reimuth: Ja, die Gymnastikgruppe trifft sich seitdem einmal in der Woche.

360 Grad Mainz: Wer kann es sich denn heute überhaupt noch leisten, so ein Angebot ehrenamtlich zu betreiben?

Andrea Reimuth: Das werden leider immer weniger. Besonders unter den Studierenden. Seit der Umstellung an den Unis auf Bachelor-Studiengänge gibt es kaum noch junge Leute, die sich die Zeit nehmen können. Zumeist sind es ältere, die bereits pensioniert sind – und nicht über zu wenig Rente klagen müssen.

360 Grad Mainz: Die Renten werden knapper, die Menschen immer älter – kommt auf Deutschland ein Problem zu?

Andrea Reimuth: Sicherlich gibt es immer mehr Senioren. Die Leute werden immer älter, sie sind allerdings auch länger fit.

360 Grad Mainz: Und das heißt?

Andrea Reimuth: Sie können länger einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten. Nicht finanziell, aber durch ihr Wissen und ihr Engagement. Genau das versuchen wir hier im Mehrgenerationenhaus umzusetzen. Auf der anderen Seite ist eine altersgerechte Betreuung notwendig.

Altersgerecht sind heute auch die Tische im öffentlichen Wohnzimmer gedeckt. Kuchengabel zur linken Hand, Serviette zur rechten, stilecht mit einer feinen Tischdecke darunter. Die etwa 20 Damen fühlen sich sichtlich wohl. Ein Schwank aus der Vergangenheit reiht sich an den nächsten. Die Damen siezen sich. Weil es sich so gehört. Frau Lorenz kommt extra aus Bretzenheim zum Römerquellen-Treff und nimmt eine Stunde Busfahrt auf sich. Eine eingeschworene Gruppe, trotzdem behalten sie stets ihre Haltung. Es wird gelacht und gescherzt – aber stets höflich.

Andrea

Immer ein Lächeln im Gesicht: Leiterin Andrea Reimuth.

360 Grad Mainz: Hier treffen so viele unterschiedliche Geschichten aufeinander. Eine Dame kommt aus Russland, eine aus dem Iran – alle haben ihr Päckchen zu tragen. Wäre dieses Miteinander ohne den Treff überhaupt möglich?

Andrea Reimuth: Wir vermitteln hier das Prinzip der Großfamilie. Drei Generationen unter einem Dach, auch wenn es heute nur eine ist. Aber das Problem betrifft alle Altersklassen. Wir leben mittlerweile zu sehr in unserer eigenen Welt. Die Leute leben Tür an Tür, doch kennen tun sie sich nicht. Viele Senioren sind alleinstehend und könnten die junge Nachbarsfamilie von nebenan unterstützen, doch der Kontakt kommt einfach nicht zu Stande.

360 Grad Mainz: Wie ist das zu erklären?

Andrea Reimuth: Das Berufsleben ändert sich. Menschen sind gezwungen, häufiger als früher den Wohnort zu wechseln, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen. Auch das wollen wir hier im Mehrgenerationenhaus erreichen: Die Nachbarschaft soll sich kennenlernen.

360 Grad Mainz: Heute herrscht hier Harmonie, doch Sie müssen auch unangenehme Sachen erledigen, werden oft mit tragischen Schicksalen konfrontiert. Können Sie diese Geschichten nach Feierabend einfach aus den Gedanken verbannen?

Andrea Reimuth: Wenn ich abends meinen Arbeitsplatz verlasse, bleiben sie dort.

360 Grad Mainz: Sie können das komplett abschalten?

Andrea Reimuth: Ja, es gibt ja genügend Ablenkungsmöglichkeiten. Außerdem haben wir Supervisionen, wo heikle Fälle besprochen werden können. Und so lange liegen die mental in meiner Schublade.

Andrea Reimuth hat jetzt keine Zeit mehr. Die Damen brauchen Aufmerksamkeit. „Die Frau Reimuth – das ist eine ganz liebe. Gutes Mädchen“, sagt Besucherin Karin Mattausch und trinkt genüsslich ihren Eiskaffee. Nicht nur die Chefin fühlt sich hier wohl – sondern alle Anwesenden.

Die Fragen stellte Timo Schmidtchen

Hintergrund zu Mehrgenerationenhäusern

Insgesamt gibt es rund 450 Mehrgenerationshäuser in Deutschland. Initiiert wurde das Aktionsprogramm von Ursula von der Leyen in Niedersachsen. Als sie als Bundesfamilienministerin nach Berlin wechselte, weitete sich die Förderung von Mehrgenerationenhäusern auf die gesamte Republik aus. Die erste Förderphase startete 2006. Mittlerweile läuft das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser II, das jedem auserwählten Haus drei Jahre lang einen jährlichen Zuschuss von 40.000 Euro beschert.

„Wo Menschen aller Generationen sich begegnen“ lautet das Motto des Förderprogramms. Das trifft auch auf den Römerquellen-Treff in Mainz-Finthen zu. Der Treff ist 2003 im Rahmen des sozialen Stadtprogramms entstanden und bekam 2006 den Zuschlag für die erste Förderphase. Auch im zweiten Aktionsprogramm ist der Römerquellen-Treff berücksichtigt. Zusätzlich unterstützt wird die Einrichtung durch den Trägerverbund aus dem Förderverein Römerquellentreff e.V., das Diakonische Werk Mainz-Bingen und die Landeshauptstadt Mainz. Durch die finanzielle Hilfe hat sich der Römerquellen-Treff zu einer Begegnungsstätte für Jung und Alt entwickelt. Neben generationsübergreifenden Veranstaltungen gibt es für jede Altersgruppe auch alterspezifische Angebote.

Website des Römerquellen-Treffs