Über 4000 ausländische Studierende gibt es an der Uni Mainz. Vor allem junge Frauen aus Russland oder China kommen gern für die Dauer eines Studiums an den Rhein. Sie sind Migranten auf Zeit – mit ganz speziellen Bedürfnissen und Alltagsproblemen. Viele wissen nicht, an wen sie sich in der Fremde richten können.

Von Michael Schneider

Universität Mainz mit mehrsprachigem Willkommensschild (Foto: Michael Schneider)

„Ich habe gar keine Zeit, um richtig Deutsch zu lernen“, sagt Tingting Lin und schüttelt den Kopf. Dabei hat die zierliche Chinesin mit den blonden Strähnchen und den eckigen Brillengläsern schon einiges versucht: Zweimal bemühte sich die 25-Jährige um einen Platz in einem Uni-Kurs, in Ferienkursen paukte sie Vokabeln und Grammatik. „Ich war wirklich motiviert“, erzählt Tingting.

Doch in Mainz brauchte sie zunächst eher Englisch – Tingting studiert den anglofonen Masterstudiengang „International Economics and Public Policy“ an der Johannes Gutenberg-Universität. Da ist gutes Zeitmanagement gefragt. „Wir müssten Englisch und Deutsch gleichzeitig lernen“, klagt Tingting, „da kann man sich nicht gut konzentrieren.“ Auch im Interview spricht sie also lieber Englisch.

Wie Tingting Lin geht es vielen jungen Leuten aus aller Welt, die in Mainz studieren. Sie kommen in ein Land, dessen Sprache sie oft kaum beherrschen. Was an der Uni noch nicht unbedingt ins Gewicht fällt, wird spätestens im Alltag zur echten Herausforderung. Wie findet man eine Wohnung, wie knüpft man Kontakte, wenn man die Sprache nicht versteht? Dabei gibt es an der Uni für all diese Fragen eine zentrale Anlaufstelle.

Beratung auf Augenhöhe

„Wenn man hier anfängt zu studieren, bekommt man die Fachbegriffe nicht bewältigt“, weiß Iryna Ivantsiv. Die ukrainische Studentin ist seit fünf Jahren an der Uni Mainz, immer Donnerstags berät sie für den ASTA ausländische Mitstudenten. Gemeinsam mit ihrer russischen Kollegin Anna Surovova gibt sie Tipps rund um Studium, Deutschkurse und Visumsfragen. Einmal im Jahr besuchen die beiden Fortbildungen, außerdem zehren sie von eigenen Erfahrungen. „Wir sind auf Augenhöhe mit den Studenten“, sagt Ivantsiv, „weil wir das alles selbst durchlaufen haben.“

Besonders häufig werden die Beraterinnen auch nach günstigen Wohnungen gefragt. Zwar kann der ASTA selbst keine Zimmer vermitteln, doch Iryna und Anna können immerhin an das Studentenwerk verweisen und gemeinsam mit den Bewerbern Fragebögen ausfüllen.

Iryna Ivantsiv und Anna Surovova

Kennen sich aus mit den Tücken des Ausländerrechts: Iryna Ivantsiv und Anna Surovova (Foto: Michael Schneider)

Dass die Wohnungssuche in Mainz schwierig ist, hat auch Tingting Lin schon erfahren. Bereits von China aus suchte sie über das Netz nach einer Wohnung. Eine Verwandte in Deutschland musste dann für die Studentin bei Vermietern und Gastfamilien anrufen. „Oft konnte ich nicht zum Besichti-gungstermin kommen“, erinnert sich die Studentin.

Trotzdem ist sie froh, dass sie sich frühzeitig um ein Zimmer gekümmert hat. Tingting weiß, dass viele Chinesen erst in Deutschland mit der Suche beginnen. „Die meisten meiner Freunde fanden es sehr schwierig, Wohnungen zu finden“. Sie selbst hatte Glück – es klappte bei einer privaten Vermieterin. Dort teilt sie sich nun eine WG mit zwei Marokkanerinnen. Es gibt zwar keine Küche, aber: „Es ist sauber und günstig“, freut sich die Chinesin. „Zweihundert Euro, und alles ist inklusive.“

Jobsuche mit Hindernissen

So preiswert ist Mainz selten. Besonders für Gaststudenten aus ärmeren Ländern können Miet- und Lebenskosten schnell zu finanziellen Problemen führen. Viele fragen sich, ob und wie sie neben dem Studium arbeiten können, erzählt Anna Surovova.

Tingting Lin

Weiß, wie schwierig die Wohnungssuche ist: Tingting Lin (Foto: Michael Schneider)

Knifflig sei die Jobsuche vor allem für Sprachstudenten – ob ihr Visum einen Nebenjob erlaubt, liege ganz im Ermessen der zuständigen Ausländerbehörde. „Die Studenten fragen dann zum Beispiel: Warum darf der arbeiten und ich nicht?“, seufzt Surovova. „Das müssen wir dann natürlich auch wissen.“

Tingting Lin weiß genau, was ihr Visum erlaubt: 181 halbe oder 90 volle Arbeitstage im Jahr. Ein Job kommt für die Studentin derzeit aber nicht in Frage: „Dafür kann ich nicht genug Deutsch.“ Aber um ein Praktikum will sie sich demnächst doch bewerben – um ein wenig deutsche

Arbeitserfahrung zu sammeln. An der Mentalität hierzulande gefällt ihr vor allem die Pünktlichkeit: „Darin bin ich schon besser geworden als früher“, lacht Tingting.

Integration statt Isolation

Erfahrungen, wie Tingting sie gemacht hat, machen einen Auslandsaufenthalt erst richtig lohnend. Manche Studenten aus Übersee bekommen aber kaum Einblick in die Kultur ihres Gastlandes. „Im Allgemeinen sind die ausländischen Studierenden nur aufs Studium konzentriert“, erzählt Beraterin Ivantsiv. Hier will der ASTA eine Brücke schlagen: Regelmäßig organisiert er Partys und Aktionen, um den Kulturaustausch anzuregen.

Beratung im AusländerInnenreferat der Uni Mainz:
Do. 12:30-13:30 Uhr
Staudingerweg 21
Tel.: 06131 39 24 814
auslaender@asta.uni-mainz.de

Ausdrücklich raten die Beraterinnen auch dazu, sich politisch zu engagieren, in Hochschulgruppen aktiv zu werden und die eigene Kultur nach außen zu tragen. Leider blieben trotzdem zu viele Studenten nur unter sich, sagt Surovova: „Die Ausländer wollen sich nicht in die deutsche Kultur einmischen“.

Immerhin, Tingting hat endlich Anschluss gefunden in Mainz. Mit Kommilitonen war sie schon in Österreich zum Skifahren, mittlerweile wird sie zu privaten Feiern eingeladen. Auch mit der Sprache geht es vorwärts: Im Sprachtandem – einer Selbstlerngruppe für Sprachen – übt sie mit einem Freund abwechselnd Deutsch und Chinesisch.

Tingting glaubt, dass sie in Mainz mehr aus ihrem Auslandsaufenthalt machen kann, als an anderen Unis. In Frankfurt oder München könne man zwar besser feiern, das aber meist in geschlossenen Gruppen von Ausländern. „Sie haben vielleicht mehr Spaß als wir“, sagt die Chinesin, „aber wir kommen einfach besser mit anderen Studenten ins Gespräch!“