Flüchtlinge spielen in einem Container Theater – seit 1975 versucht das Open Ohr Festival, so aktuell wie möglich zu sein. Das traditionsreiche Festival an der Zitadelle will aufrütteln. Schon bald starten die Planungen fürs nächste Jahr.

Ein Container war ihr Highlight. Eine Gruppe von Flüchtlingen spielte darin Theater, erzählte von ihren ganz eigenen Dramen: den Erlebnissen ihrer Flucht. Das Publikum saß mit ihnen im Container, war quasi hautnah dabei. „Ich fand dieses letzte Kleinod wunderbar“, sagt Carolin Geyer. Das „Kleinod“, so heißt einer von vielen Programmpunkten des Open Ohr,  etwas ganz Besonderes, kleines eben. In diesem Jahr war es das Theaterstück im Container. Geyer ist seit einem Jahr in der Freien Projektgruppe, die zusammen mit dem Amt für Jugend und Familie der Stadt Mainz das Open Ohr Festival organisiert. Seit 1975. Zum 41. Mal fand das Festival in diesem Jahr also statt.

Motto mit langer Haltbarkeit gesucht

Festivals gibt es viele. Meist geht es um Musik, um Zusammensein, Zelten, Bier trinken. Um dieses ganz besondere Festivalfeeling, das Generationen junger Menschen in der Eifel, in Wacken oder im dänischen Roskilde suchen. In Mainz geht es um all das und weit mehr.

Carolin Geyer von der Freien Projektgruppe Open Ohr

Schon beim diesjährigen Open Ohr hat Carolin Geyer mitorganisiert. Sie wird es wieder tun. (Foto: privat)

Immer schon war die Veranstaltung politisch und vor allem nicht kommerziell. „Das Open Ohr bietet eine vielfältige Grundlage um Informationen zu vermitteln. Wir können auf Probleme aufmerksam machen“, sagt Carolin Geyer. Die 26 – Jährige ist Projektmanagerin bei einer Eventagentur in Wiesbaden. Schon während ihres Studiums in Mainz hat sie ein Praktikum bei Open Ohr Festival gemacht. Und in diesem Jahr zum ersten Mal in der Organisation mitgewirkt. Jedes Jahr hat das Festival ein neuesMotto. Dazu passend gibt es Musikacts, Theaterstücke, Workshops oder Podiumsdiskussionen. Diese Vielfältigkeit macht für die 26-Jährige  die besondere Faszination aus.

Unter dem Motto „Kein Land in Sicht“ standen in diesem Jahr die Flüchtlinge im Fokus, insbesondere jene, die gefährliche Reisen über das Mittelmeer in Kauf nehmen. Ein Thema mit Brisanz: „In diesem Jahr waren besonders die Podiumsdiskussionen gut besucht. Da sieht man, wie wichtig das Thema für die Menschen ist“, sagt Geyer. Das Motto bestimmt in jedem Jahr die Freie Projektgruppe, die ehrenamtlichen Organisatoren des Festivals. Jedes Mitglied gibt einen Vorschlag ab, dann wird gemeinsam darüber diskutiert und ein Thema ausgewählt. Möglichst aktuell zum Zeitpunkt des Festivals soll das Thema sein. „Das ist schon ein Risiko. Wir können ja nicht ein halbes Jahr in die Zukunft blicken und sicher wissen, ob unser Thema dann noch aktuell ist“, sagt Geyer. Bisher habe das aber dennoch immer gut geklappt, obwohl das Motto meist schon im September oder Oktober des Vorjahres festgelegt werde.
Fotogalerie: Veranstaltungsplakate für das Open Ohr seit 1975 (Auswahl, Quelle: www.openohr.de).

Qualität statt großem Namen

Schon im August beginnt die Bewerbungsphase für die Freie Projektgruppe, denn mit organisieren kann hier jeder. Etwa zehn Personen finden sich so jedes Jahr zusammen, um das Festival zu organisieren.  „Im September beginnt der nächste Planungszyklus. Und dann geht es durch bis zum Open Ohr“, sagt Geyer. Bis Pfingsten also. Über ein halbes Jahr ist die Gruppe beschäftigt, ein Thema zu suchen, Acts zu buchen und vieles mehr. Wer auftreten darf, hängt in erster Linie vom Motto ab:“Der Bezug zum Thema ist unser Anspruch.“ In diesem Jahr etwa traten überwiegend solche Gruppen auf, die sich entweder aus Flüchtlingen zusammen setzen oder sich in irgendeiner Weise für Flüchtlinge engagieren. Ein großer Name ist dagegen nicht unbedingt von Vorteil. Zwar gibt es immer Top Acts, in diesem Jahr zum Beispiel Nina Hagen mit Band. „Aber Künstler müssen in ihrem Bereich gut sein. Wir schauen nicht auf den Namen, sondern hören oder sehen uns jede Einsendung an.“ Qualität statt Marke. Das musikalische Angebot ist breit gefächert, reicht von Hip Hop bis Reggae oder Ska. „Letztlich ist es natürlich aber auch eine Preisfrage“, sagt Carolin Geyer.

Mindestlohn treibt die Ticketpreise nach oben

Auch wenn es ein nicht kommerzielles Festival ist, die Künstler wollen ihre Gage. Das Budget dafür steht erst fest, wenn alle anderen Kosten gedeckt sind. 286.000 Euro sah der Haushalt der Stadt Mainz in diesem Jahr für das Open Ohr vor. Davon mussten aber auch Technik, Personalkosten und Sicherheitsdienst gezahlt werden. „Was dann übrig bleibt, ist für die Künstler“, sagt Martin Hansen vom Amt für Jugend und Familie. Die Einführung des Mindestlohnes ließ die Personalkosten allerdings in diesem Jahr ansteigen. „Wir finden den Mindestlohn gut, möchten das unterstützen“, sagt Carolin Geyer. Auf der anderen Seite habe man aber natürlich auch eine Einnahmepflicht, ergänzt Hansen. Die höheren Personalkosten mussten also auf die Ticketpreise umgelegt werden. So ist die Erhöhung von vier Euro bei den Tickets an der Abendkasse zu erklären. Mit 38 Euro für vier Festivaltage ist das Open Ohr allerdings immer noch vergleichsweise günstig, angesichts von beispielsweise ca. 180 Euro, die ein Ticket bei Rock am Ring in diesem Jahr kostete.

Für die Fans des Open Ohr war die Preiserhöhung offenbar nicht weiter schlimm – an der Abendkasse waren in diesem Jahr kaum noch Tickets zu bekommen. Das sorgte für Ärger bei den Fans. „Dabei ist es ja eigentlich kein Problem, ausverkauft zu sein“, sagt Geyer aus Sicht der Organisatoren. Trotzdem hätten sie natürlich gern mehr Menschen auf das Festival gelassen. Das Sicherheitskonzept schob dem allerdings einen Riegel vor. Im Verlauf des Festivals musste dann auch die Mauer rund um die Zitadelle gesperrt werden. Acht bis zehntausend Besucher verzeichneten die Organisatoren über das ganze Wochenende hinweg.

Wer sich berufen fühlt, das Festival 2016 mit zu organisieren, kann sich ab sofort als ehrenamtlicher Helfer für die Freie Projektgruppe bewerben. Der nächste Planungszyklus beginnt bald.

(Beitragsbild: David Ehl)

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