Nicole Schmitt und Peter Schulz betreiben das Performance Art Depot (pad) in Mainz. In ihrer Produktion „The Proformer“ kreieren sie als technikbegeisterte Forscher den vollkommenen digitalen Darsteller der Zukunft. Im Interview sprechen sie über das Funktionieren an sich, wie die Zukunft des Theaters aussieht und warum Computer immer abstürzen.

 

Im Programm steht, Ziel des Stückes sei, den perfekten Performer zu schaffen. Und, was ist das Ergebnis?

Peter Schulz: Nein, das ist eigentlich gar nicht das Ziel. Unser Ziel ist vielmehr, das alles auf die Schippe zu nehmen. Alle denken immer, es gibt eine optimale Version, aber wenn diese dann gefunden ist, dann wird sie nochmal verbessert. Da haben wir uns gefragt, wie wäre es denn, wenn man sich so eine bekloppte Frage im Bereich Theater stellen würde? Was passiert, wenn man den optimalen Performer schaffen will? Was passiert, wenn wir versuchen würden den Darsteller zu technisieren, ihm alle für einen Schauspieler notwendigen Funktionen zu geben? Das Ergebnis: Er wäre mit Funktionen überfrachtet und würde nur noch Fehler machen.

Könnte ein künstlich geschaffener Darsteller denn überhaupt sinnvoll sein?

Peter Schulz: Naja, der künstliche Darsteller ist eine Idee aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Marinetti und andere dachten wirklich, man müsste den Menschen aus der Performance raushalten. Oder Oskar Schlemmer mit seinem triadischen Ballett. Der Proformer, das ist jetzt unsere Version davon – nur eben nicht wirklich ernst, das ist der große Unterschied.

„Das ist ein Titel, der entstand nur, weil es immer ein paar Leute gibt, die den Begriff „Performance“ verpeilen.“

Sie haben dafür ja sogar einen neuen Begriff geschaffen – was ist eine Proformance?

Peter Schulz: Das gibt es ja gar nicht! Das ist ein Titel, der entstand nur,  weil es immer ein paar Leute gibt, die den Begriff „Performance“ verpeilen. Wir arbeiten ja gerne mit Laien, und da war so eine alte Frau, die hat prinzipiell immer gesagt, dass ihr „Proformance“ so viel Spaß macht. Ich habe ihr öfter gesagt, dass es „Performance“ heißt, aber sie ist da hartnäckig geblieben. Und als wir danach gesucht haben, wie müsste diese neue Form heißen, da dachten wir uns, lass uns doch genau diesen Begriff nehmen!

Also gut, doch keine optimierte Performance, sondern nur ein Witz darüber. Aber wie könnte denn die Zukunft des Theaters wirklich aussehen?

Peter Schulz: Also das, was ich da so als blöden Satz für den König sage, dass er verbietet und befiehlt, dass künftig kein Theater, sondern nur noch Performance gespielt werden soll, ist sehr überzeichnet. Aber diesen Trend gibt es schon.

Die zwei freundlichen Entwickler aus dem Off wollen ihren ganzen Entstehungsprozess bis zur finalen Krönung durch den perfekten Performer –  den Proformer  – offenbaren.

„Ist der nicht goldig?“, sagen sie über den ersten Prototyp ihrer Forschung. Fröhlich blinkt der Plastikhund.

„Hallo, ich bin Blau!“; „Hallo, ich bin Rot!“, stellen sich die zwei Ausgeburten der nächsten Entwicklungsstufe vor. Einmal begonnen, lässt dich die Wiederholung des Textes nicht stoppen.

„Oh guck mal, wenn ich diese Taste drücke, dann tanzt er!“, begeistert sich die eine Forscherin über ihre Probierfreude alle möglichen Tasten zu drücken.

Schließlich tanzen beide über die Bühne und die Emotionstaste ist auch noch gefunden: „Juhu!“  - „Heute ist mein schönster Tag!“  - „Ich bin traurig!“, sagen sie in Endlosschleife.

Die wissenschaftliche Perspektive darf natürlich auch nicht fehlen: Ein berühmter Futurologe erklärt alle nötigen und unnötigen Details.

Wallendes Blondhaar, stahlblaue Augen und ein durchtrainierter Körper – der Performance-Held steigt aus dem nächsten Karton.

Zu ihm gehört sogar eine kleine Kostümauswahl, leider hätte das Forschungsbudget aber nicht lange gereicht, also nur das nötigste. Wie wäre es mit dem Kostüm „stolzer Krieger“?

Oder doch besser „sexy Putzmann“?

„Oh Mist, er macht jetzt dieselbe Pose auch für den Kleingärtner…das kann man doch bestimmt irgendwie anders programmieren…mh“, murmelt es aus dem Off.

Sie entscheiden sich für eine Demonstration des stolzen Kriegers in der Zukunftsversion. „Ich mach euch alle platt!“, sagt er monoton und macht einen Ausfallschritt. Die Laserpistole jault auf.

Der „stolze König“ soll gemäß seines Standes ganz besondere Dinge drauf haben: Er könne sich zu dem eingegeben Text Aktionen ausdenken, gibt der eine Entwickler im Off an.

„Ach guck doch mal wie schön der läuft!“, ist er fasziniert von seiner Lieblingsfigur. Seine Kollegin  andere sucht derweil die Gebrauchsanweisung.

„F5 341 Copy Slash Slash Function B Alt Escape“, sagt der König. „Ach Mist, jetzt bin ich mit dem Programmierbefehl schon wieder ins Textfeld gerutscht“, sagt der Forscher.

Die Spannung steigt. Wir kommen dem perfekten Darsteller schon viel näher – ein kurzer Werbespot kündigt eine künstliche Intelligenz an.

Und schon springt sie zu heroischer Musik aus dem Karton: KI 0042 N1! Ein beeindruckender Auftritt.

Sie beginnt sofort die Kartons zu holen. „Äh kann die auch noch mehr?“, fragt der Entwickler. „Mehr? Oh ja, gerne!“, sagt die KI und holt brav mehr Kartons.

Um die darin enthaltenen performativen Module auszupacken braucht sie aber erst mal ein Update. „Ich hole mir mal was zu trinken…“ – „Ich gehe mal aufs Klo…“, kommt es aus dem Off.

Das entwickelt sich zur Abofalle – die Module kosten Geld. „Wenn Sie die Module A und B nehmen, erhalten Sie 10 Prozent Rabatt sowie dieses Zusatzmodul gratis dazu!“, sagt die KI – bestimmt 20 Mal.

Da sich ihr repetitiver Werbe-Sermon nicht stoppen lässt und die Zuschauer langsam wahnsinnig werden, zeigen die Entwickler Erbarmen und lassen die KI vom Techniker abtransportieren.
Nach zwei Stunden Dysfunktionalität bereitet ein Futurologe mit dem schönen Namen „Prof. Dr. Smart“ auf den Höhepunkt des Abends vor: Den endgültig perfekten Darsteller.

Aber das Wissen darf das pad nicht verlassen. Eine Hypnose löscht alle Erinnerungen an die optimale Patentlösung für alle zukünftigen Per- und Proformances.

Doch die Zuschauer sollen doch noch was mitnehmen vom Abend: Eine Improvisation. Die zwei Forscher durchwühlen die vielen Kartons auf der Suche nach brauchbarem Material.

 …bald werden sie fündig: Ein bisschen Panzertape, Alufolie, Lichterkette und Musik…

…und der Abend kann noch schräger ausklingen als er begann.

 

Nicole Schmitt: Ja, aber das wird das ganze klassische Theater nie ablösen. Ich glaube, dass es zwei Richtungen gibt. Die einen mögen die klassische Schmonzette, wo alles ganz klar ist, das ist die Rolle, das ist eine Fiktion, in die lasse ich mich reinfallen. Und dann gibt es so  eine Richtung, da geht es eher um Reflexion von dem Medium selbst. Das ist ein Publikum, das möchte als Publikum ernst genommen und irgendwie mit einbezogen werden.
Klingt nach einem friedfertigen Nebeneinander zweier doch eigentlich mal verfeindeter Lager?

Peter Schulz: Nun, was ursprünglich mal bei Performance in den 80er und 90er Jahren inszeniert worden ist, dieses Brechen von Sehgewohnheiten, die Verwirrung, den Skandal  –  ich glaube das gibt es immer weniger. Wenn sich da jemand nackt auf der Bühne mit einem Messer schneidet, dann kommt eher so ein Das-ist-nichts- für-mich mit so einem Achselzucken, aber keiner schreit mehr auf „Um Gottes Willen, was ist denn das jetzt?!“.
Wie sieht die Zukunft des Theaters aus, was die Stilmittel betrifft?

Nicole Schmitt: Klar, auch das Theater erfährt eine starke Multimedialisierung. Wir laden ja auch Gastgruppen ein und ja, da wird die Technik immer aufwendiger. Und ich kann gar nicht zählen wie viele Gruppen wir hatten, die gesagt haben: „Das ist ganz unproblematisch, wir bringen dann unseren Apple mit!“. Dann wollen sie nur mal eben ausprobieren, ob die Projektion funktioniert und schließlich fummeln sie bis vier Uhr morgens an dem Rechner herum weil es irgendein Problem gibt. Das Endergebnis kann superschön sein – wenn alles funktioniert!

„Das Schlimmste, was du dir sagen lassen kannst, ist: Das hat es ja schon mal gegeben! Also versuchen alle etwas ganz besonders zu machen, eine Verwebung von Technik und Körper auf die abgefahrenste Art.“

Warum machen sich Performance-Künstler überhaupt so abhängig von der Technik?

Peter Schulz: Gerade auch im Bereich Theater versuchen eben immer alle was Neues zu machen, irgendetwas, was es noch nicht gegeben hat. Alle versuchen immer eine neue Form zu finden, die noch nicht da war und das Schlimmste, was du dir sagen lassen kannst, ist: Das hat es ja schon mal gegeben! Also versuchen alle etwas ganz besonders zu machen, eine Verwebung von Technik und Körper auf die abgefahrenste Art. Das wollten wir in „The Proformance“ auch auf die Schippe nehmen. Nachdem nichts mehr funktioniert, wird das Stück zu einer ganz analogen Improvisation, die es seit Ewigkeiten schon gegeben hat.

Also ist „The Proformance“ auch Digitalisierungskritik – sowohl was Theater als auch alles andere betrifft?

Peter Schulz: Ich finde, man sollte einen etwas wacheren, distanzierteren Umgang damit haben. Die ganzen modernen Geräte werden um immer wieder was Neues, Besseres anzubieten, so überfrachtet mit Funktionen, dass sie das eigentlich gar nicht mehr gut leisten können. So Computer, die bleiben doch dauernd hängen! Du kriegst schon wieder irgendeine neue Windows-Version, die dann schicker aussieht und sie hängt sich trotzdem auf. Wir haben das analog betrachtet, wie funktioniert das übersetzt, wenn man das jetzt auf der Bühne machen würde? Und weil das eben nicht geht, wird das so komisch irre und verrückt.

Die Kritik betrifft also eher unseren Umgang mit der Technik als die Technik selbst?

Nicole Schmitt:  Ja, ich glaube, das Problem entsteht dadurch, dass alle sich den Druck machen, dass etwas funktionieren muss. Wir sollten nicht immer diese Erwartungshaltung an die Technik haben, dass sie funktioniert oder besser auf jeden Fall besser funktioniert als analoge Dinge, in diesem Fall der menschliche Darsteller.

Bei „The Proformance“ funktioniert auch alles Mögliche nicht – ist das für die Entwickler im Off ein Problem?

Peter Schulz: Wir haben da auch ein bisschen unsere persönliche Haltung mit eingebracht. Es gibt Momente, wo wir sagen: Ja, dann geht es eben nicht. Es gibt so ein paar Technikfreaks, da würde es diesen Satz nicht geben. Die probieren solange weiter bis es funktioniert.

Nicole Schmitt: Aber unsere Off-Stimmen haben schon eine ganz andere Haltung als wir! Wir versuchen da immer ganz ruhig zu bleiben, was wir normalerweise nicht tun, wenn etwas nicht funktioniert. Wir versuchen eher dem Zuschauer diese Frustration zuzuschanzen, dieses jetzt-mach-doch-mal und es-darf-doch-nicht-wahr-sein.  Und wir beide probieren erst Mal das eine, dann das andere.

Verrückte Performance: zwei Menschen in Ganzkörperanzügen in Rot und Blau auf einer Bühne

Aus diesem Material soll einmal der ideale Performer werden

Fotos: Meike Hickmann

Das macht einen als Zuschauer übrigens leicht aggressiv…

Peter Schulz: (lacht) Das ist diese Geduld von solchen technikverliebten Leuten, die einen wahnsinnig machen kann, die wir da versucht haben rüberzubringen. Dieses „Oh, dann muss man das vielleicht in das andere Feld eingeben, ich hole mal die Gebrauchsanweisung…“. Ja und dann blättern wir in Ruhe in der Gebrauchsanweisung während die Zuschauer einfach nur diesen König laufen sehen. Sie sollen schon ein bisschen damit gequält werden, dass dieses Ding jetzt einfach nicht weitergeht.

Mal ganz ehrlich – hat denn bei ihrer Produktion die Technik einwandfrei funktioniert?

Nicole Schmitt: Das war bei dem Projekt fast symptomatisch. Immer, wenn wir dieses Projekt spielen wollen, spinnt die Technik. Zuerst ging unser Aufnahmegerät kaputt. Unser neues Aufnahmegerät hat irgendwelche Funktionen, die sich nicht ausschalten lassen, zum Beispiel, dass es zu unserer Sicherheit stoppt, sobald wir nicht mehr sprechen. Aber er soll doch aufnehmen, dass wir nicht sprechen! Auch dieses Schmitt&Schulz, was die ganze Zeit über den Bildschirm läuft, das haben wir nur eingebaut, weil die Projektion durchlaufen muss. Sonst schalten sich der DVD-Player und der Beamer einfach aus, wenn nach der Meinung des Gerätes zu lange nichts passiert.