In der unscheinbaren Johanniskirche wird seit Monaten Spektakuläres ergraben. Jeder Fund wirft neue Fragen auf. Zählt die Kirche zu den Ältesten weltweit? Für einige Antworten müssen die Forscher noch tiefer graben.

Im „Haus am Dom“ drängen sich an einem heißen Freitagabend im Juli Dutzende neugieriger Mainzer. Sie wollen erfahren, wie man von einer Fußbodenheizung bis in die Römerzeit kommt. Es geht um einen bis 2013 wenig beachteten Ort mitten in der Mainzer Altstadt: Die Johanniskirche. Seit zwei Jahren finden in dem evangelischen Gotteshaus in Rufweite zum Mainzer Dom Ausgrabungen und bauhistorische Untersuchungen statt. Nachdem man die Kirche 2012 von außen renoviert hatte, wollte man auch den Innenraum erneuern und für frierende Füße in der Gemeinde eine Fußbodenheizung einbauen. Die Handwerker stießen jedoch sehr schnell auf archäologisch wertvolle Funde, wie alte Mauerreste, Keramikscherben und auch Knochen.

Es begann ein Grabungsmarathon, der bis heute andauert und bis in die Römerzeit führt. Doch nicht alle interessieren sich nur für die archäologischen Erkenntnisse. Einige der Bürger sind auch aus Gemeindeinteressen zu dem Symposium gekommen. Sie wollen wissen, wann der Gottesdienst wieder in der Johanniskirche stattfinden kann. Thomas Metz, Generaldirektor Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, versucht diplomatisch zu sein: „Es wird auch in Sankt Johannis eine räumlich befriedigende Lösung für alle gefunden werden.“ Bis dahin wird es aber noch eine Weile dauern.

Erst einmal geht es beim Symposium um den Stand der Forschung. Wissenschaftler und Kirchenangehörige präsentieren an diesem Sommerabend ihre Ergebnisse. Das allgemeine Interesse in der Stadt – besonders beim älteren Publikum – ist gewaltig. „Es ist bereits das zweite Symposium, das wir veranstalten“, sagt Felicitas Janson von der Akademie des Bistums Mainz. „Letztes Mal mussten wir sehr, sehr viele Interessenten abweisen, weil wir überfüllt waren.“ Kein Wunder, denn was Chef-Ausgräber Ronald Knöchlein und sein Team zu Tage fördern, ist überraschend, spannend und vor allem eines: ein großes Stück Stadtgeschichte.

Pfarrer Gregor Ziorkewicz

Pfarrer Gregor Ziorkewicz von der evangelischen Gemeinde St. Johannis

Denn die heute unscheinbare Johanniskirche war einst der Mainzer Dom. Bischof Hatto I. weihte ihn um das Jahr 900 zur Kathedralkirche des Mainzer Bistums. Daher wurde Sankt Johannis oft auch „Aldeduom“ genannt. Doch während man bislang davon ausging, dass Bischof Hatto I. den „alten Dom“ eigens als Bischofskirche neu erbaute, weiß man dank der Ausgrabungen heute: Der „Alte Dom“ zu Mainz ist eigentlich viel älter. Pfarrer Gregor Ziorkewicz, für die Stadtkirchenarbeit der Gemeinde Sankt Johannis zuständig, kennt sich auf der Grabungsbaustelle bestens aus. „Ein neues Gründungsdatum oder ein älteres Weihedatum haben wir noch nicht. Wir wissen nur, dass wir einen wohl kirchlich-sakral genutzten Raum haben aus dem siebten Jahrhundert und wir wissen, dass es zu diesem Bau Vorgängerbauten gab.“ Das echte Gründungsdatum könnte nach derzeitigem Stand bereits im fünften oder sechsten Jahrhundert liegen und damit 300 bis 400 Jahre vor dem bisher angenommenen.

Belächelte Forschung um die Jahrhundertwende

Auf staubigen Brettern steht Ziorkewicz mitten auf der Baustelle, die die Kirche kaum noch als einen Raum zum Beten und Glauben erscheinen lässt, und erzählt von seinem ersten Eindruck. „Als ich zum ersten Mal in dieser Kirche stand, kam mir alles ein bisschen gedrückt vor. Heute weiß ich, dass ich mich nicht getäuscht habe“, so Ziorkewicz. Denn das ursprüngliche Laufniveau lag eigentlich drei Meter tiefer als bis vor zwei Jahren, als die Grabungen begannen, bekannt war. Das bedeutet, die Kirche ist eigentlich höher und luftiger, als sie bisher wirkte. Bereits Anfang des 20. Jahrhundert war ein Professor Kautsch bei wesentlich weniger umfangreichen Grabungen zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt – doch er wurde nur belächelt.

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Warum das Fußbodenniveau seit der Gründung der Kirche immer wieder erhöht wurde, ist noch nicht ganz sicher. „Denkbar sind aber statische Gründe“, sagt Gregor Ziorkewicz. Denn die Kirche war für ihre Zeit – und dafür, dass sie erstaunlicherweise über kein echtes Fundament verfügt – ungewöhnlich hoch gebaut. Es ist gut möglich, dass die Statik, besonders die der Arkadengänge und der Decke, nicht gewährleistet sein konnte und man deshalb über mehrere hundert Jahre hinweg den Fußboden immer wieder aufschüttete.

Anhand der Farbgebung und Zusammensetzung lassen sich die einzelnen
Schichten gut unterscheiden und auch datieren. So fand man unter einigen
Schichten schließlich einen großteils gut erhaltenen Fliesenboden aus
dem 13. Jahrhundert. Auch die anderen Schichten lassen sich anhand von
in ihnen enthaltenen Objekten wie zum Beispiel Keramikscherben genau den
verschiedenen Jahrhunderten seit Gründung der Kirche zuordnen.

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Das bislang beeindruckendste Ergebnis der Grabungen ist wohl die tatsächliche Ausdehnung der Kirche. Sowohl in der Höhe als auch in der Horizontalen. Die Forscher um Ronald Knöchlein und Marion Witteyer von der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz gehen davon aus, dass es ein breites Querschiff und zwei Seitenschiffe gab. Heute zugemauerte Arkaden dienten demnach nicht nur der Zierde, sondern als Übergang in die Nebenschiffe.

Und nicht nur das. Bis in eine Höhe von etwa vierzehn Metern können noch merowingische Mauern nachgewiesen werden. Die Archäologen untersuchen zur genauen Datierung den Mörtel zwischen den Steinen, der oftmals noch Restbestände von Holzkohle enthält und daher mit der C14-Methode analysiert werden kann. Auch die Bogenfenster stammen aus dieser Zeit, die etwa ins 5. bis 7. Jahrhundert nach Christus fällt. Demnach stellt Sankt Johannis einen der ältesten, auch im aufgehenden Mauerwerk erhaltenen Kirchenbauten nördlich der Alpen dar.

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Die Ausgrabung gleicht einem Krimi

Doch nicht alle Mauern konnten erhalten werden. Nachdem auch Sankt Johannis bei Bombenangriffen auf Mainz im August 1942 nicht verschont blieb und bis auf die Mauern abbrannte, begann man in den Fünfziger Jahren mit dem Wiederaufbau. Architekt Karl Gruber baute die Kirche um und zog Stahlträger ein, um die Wände neu aufzumauern. Ein Archäologenalptraum. Denn unter diesen Umständen ist es heute für Archäologen und Experten der Baugeschichte wesentlich schwieriger, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den alten Gemäuern aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert im „ersten Stock“ und den Säulen im „Keller“. Ob und wie diese miteinander in Verbindung stehen, versuchen die Wissenschaftler derzeit noch zu ermitteln.

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Auch der letzte größere Fund Anfang Juli, ein frühchristlicher Grabstein, dessen genaue Datierung noch aussteht, wirft Rätsel auf. Woher stammt der Stein? Wer wurde unter ihm begraben? Was bedeutet seine Inschrift? „Jeder neue Fund wirft fünf neue Fragen auf, die geklärt werden müssen“, seufzt Chef-Ausgräber Ronald Knöchlein. Viele Dinge passen noch nicht zusammen und können womöglich nie geklärt werden. Professor Matthias Untermann aus Heidelberg, der sich mit der Baugeschichte der Johanniskirche beschäftigt, bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie finden, dass das alles keinen Sinn ergibt, dann ist das hier tatsächlich auch der Fall.“

Noch lässt sich nicht genau sagen, ob Sankt Johannis tatsächlich zu den ältesten Kirchen der Welt zählt, denn bislang konnte nicht ermittelt werden, ob der römische Vorgängerbau, auf dem die Kirche aufgebaut wurde, ebenfalls sakralen Zwecken diente oder vielleicht nur eine bürgerliche Villa war. Aber um es in Anspielung auf Trier mit den Worten des Generaldirektors Kulturelles Erbe, Thomas Metz, zu sagen: „Wenn wieder die Frage gestellt wird, wo die älteste Kirche nördlich der Alpen steht: Sie ist auf jeden Fall in Rheinland-Pfalz.“

Mogontiacum: Eine Interaktive Karte zu den sichtbaren Resten des römischen Mainz

Karte: © OpenStreetMap contributors, CC BY-SA 2.0

(Beitragsbild: Anna Steiner)

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