Der Mainzer Stadtschreiber 2015, Feridun Zaimoğlu, wurde vor genau 20 Jahren mit seinem Buch „Kanak Sprak“ bekannt. Seitdem gilt er als „Bürgerschreck der deutschen Literaturszene“. Ein Gespräch über Hierarchien und Klassen, über spießige Hipster und Identitätshöker und über das wilde, analoge Leben und Schreiben im digitalen Zeitalter.

Feridun, wie bist du zum Schreiben gekommen?
Zaimoğlu: Ich mag es, mich in gärenden Milieus aufzuhalten. Es gibt in Deutschland leider Gottes nicht den diskreten Charme der Bourgeoisie, es gibt aber unheimlich viele großartige Geschichten im deutschen Alltag. Eben in jenen Gebieten, wo man nicht so gesättigt ist, wo es keine Routine gibt. Und dort stieß ich auf Menschen, die sich Geschichten erzählten, wenn sie miteinander sprachen. Ich dachte, die Verschriftlichung und Übersetzung dieser Geschichten in meinen Kunstjargon könnte mich fesseln. Und so habe ich mich hingesetzt und aus den Gesprächen mit kurdisch- und türkischstämmigen deutschen Jugendlichen 1995 „Kanak Sprak“ gemacht. So kam ich zum Schreiben.

Feridun Zaimoğlu kam 1965, nicht mal ein Jahr alt, mit seinen Eltern aus Bolu in der Türkei nach Deutschland. Nach angefangenem Medizin- und Kunststudium begann er, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Er lebt seit 30 Jahren in Kiel. 2015 ist er Mainzer Stadtschreiber. Seine Bücher – die er auf einer elektrischen Schreibmaschine schreibt, da er ohne Computer und gänzlich offline lebt – wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Die erfolgreichsten sind: Kanak Sprak (1995), Leyla (2006) und Liebesbrand (2008). 2003 erhielt er den Bachmann-Preis für die Erzählung Häute.
Zaimoğlu schreibt auch Theaterfassungen seiner Bücher und Drehbücher, meist zusammen mit seinem Freund und Ko-Autor Günter Senkel. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist Zaimoğlu als bildender Künstler und Kurator tätig. Zudem beteiligt er sich seit Jahren am politischen Diskurs um Einwanderung und Integration in Deutschland. Sein neuestes Buch Siebentürmeviertel erscheint Mitte August und spielt vor allem im Istanbul der 1930er Jahre.

Hast du dich schon vorher für Literatur interessiert oder woher kam der Kunstjargon?
Zaimoğlu: Ich wurde von starken Frauen erzogen und habe immer ihren Geschichten gelauscht. Am Anfang standen also erzählte Geschichten.

Was waren das für Geschichten?
Zaimoğlu: Wenn die Frauen meiner tschetschenisch-türkisch-armenischen Sippe mir erzählten, dann erzählten sie Geschichten aus der alten Zeit, vor der Vertreibung. Ich bin ja ein Schlammblut und Enkel von sogenannten Heimatvertriebenen, die aus der Sowjetunion Stalins geflohen und so der Deportation entgangen waren. Und arme Menschen vergolden ihre Verhältnisse über Geschichten, die sie einander erzählen. Sie träumen sich fort und das gefiel mir sehr. Doch in diesen Geschichten war auch von Blut die Rede, von Todessehnsucht. Darin kamen Menschen um und Männer stellten sich vor die Frauen ihres Herzens und fügten sich Wunden zu. Sie können sich vorstellen, dass ein kleines Kind dann „Donnerwetter“ brüllt oder denkt.

Und wann kamen Bücher ins Spiel?
Zaimoğlu: Die kamen auch recht bald. Meine Schwester und ich wurden von unseren Arbeitereltern auf Wunderkind getrimmt. So konnte ich schon mit fünf Jahren lesen und schreiben. Und in diesem Alter habe ich angefangen, Abenteuerromane zu lesen. Mit neun, zehn Jahren kamen dann die schwierigeren Bücher. Das war die Gegenwartsprosa Anfang der 1970er Jahre wie Peter Handke, Martin Walser, Friedrich Dürrenmatt. Für einen neun- bis zehnjährigen bedeutete das alles totale Verwirrung.

War das denn eine nachhaltige Verwirrung, die sich auf deine weitere Entwicklung ausgewirkt hat?
Zaimoğlu: (lacht) Also ich kann nicht sagen, dass diese Bücher sich entwicklungshemmend ausgewirkt haben. Dafür war ich dann doch ein zu normaler Junge. Beziehungsweise lebten wir in einer Arbeitersiedlung, in der es darum ging, sich zu kloppen und den Mädchen zu gefallen. Das war die Hauptsache und Bücher waren Bücher. Andererseits verstand ich im wirklichen Leben viele Dinge nicht und war unsicher. Somit war es schon eine Flucht in die Bücher, es war aber kein bloßer Eskapismus. Dafür prügelte ich mich zu gerne und spielte zu gerne Fußball, was eigentlich meine wahre Leidenschaft war.

Doch dann erschien 1995 dein Debüt „Kanak Sprak“. Nach dem Erscheinen hast du über dessen Protagonisten gesagt, diese könnten als Vorboten eines beginnenden gesellschaftlichen Wandels gesehen werden. In dem Sinne, dass sich die „Kanak“-Subidentitäten in Deutschland analog zur Black Power-Bewegung in den USA zunehmend übergreifender Zusammenhänge und Inhalte bewusst werden. Hat sich das deiner Meinung nach heute, 20 Jahre später, verwirklicht?
Zaimoğlu: Meine Hoffnung bestätigte sich sozusagen in einem kurzen Sommer der Anarchie1 – die Loslösung von der eingebildeten Heimatmatrix im Sinne einer Ausrichtung auf großstädtisches Leben. Doch die Protagonisten aus „Kanak Sprak“, die ich später wieder getroffen habe, sind entweder Familienväter mit Glatze und Bauch geworden oder ausgebrannt. Manche sind auch gestorben. Es gibt also diesen Weg, die Muster des landesüblichen Spießers anzunehmen und zum Kleinbürger zu werden. Das meint man hier mit Eingliederung.

Und was entgegnest du diesem Lebensentwurf?
Zaimoğlu: Ich will die Abtragung gewisser Illusionen und ich hoffe und glaube nach wie vor, dass man sich den fremden Boden zum Heimatboden macht. Und fernab von den Identitätshökern, den Heimatvereinsfunktionären, den eingegliederten Spießern in einer Welt lebt, in der man auf das Wilde und Raue und Schöne und Großstädtische nicht verzichten mag. In manchen Momenten sehe ich das aufblitzen, immer noch.

Du wendest dich also eher gegen türkische „Identitätshöker“ als die deutsche Gesellschaft für ihren Umgang mit Zuwanderern zu kritisieren?
Zaimoğlu: Ethnie ist Tinnef der Proleten und Tand der Kosmopoliten. Ich hab es nicht so mit der Ethnie. Ich sehe diese Gesellschaft als meine Gesellschaft an. Ich habe an ihr eher zu bemängeln, dass sie sich ja auch allgemein darin übt, der Gesellschaft Entfremdete, nicht so Konventionelle, auszugliedern. Natürlich redete und redet man heute noch von den Türken als von Menschen in einem Indianerreservat, die nicht dazugehören. Aber größtenteils sehe ich doch Jugendliche, die eingebunden sind in das hiesige Leben, die keine andere Utopie leben.
Ich sehe mich also nicht als den schreibenden Arm der „Kanak“-Bewegung, ich sehe mich als einen, der selber nicht unbedingt einen gescheiten Lebenslauf hinlegen konnte. Ich kritisiere einfach diesen Konformitätsdruck, aber nicht aus der ethnischen Ecke. Von meinem Selbstverständnis her bin ich (Pause, kurzes Lachen) Deutscher. Viele lachen darüber, doch es geht ja darum, was ich denke, wie ich mich fühle.

Und viele Deutsche fühlten sich also trotzdem oder gerade deshalb von dir auf den Schlips getreten?
Zaimoğlu: Das war ein großes Missverständnis: Man sah in mir den Ethno-Pogo-Tänzer, der da wie ein Geschoss in die Mehrheitsgesellschaft trümmert. Dabei bin ich einfach ein Schriftsteller – aber eben keiner, der schöne nette Geschichten zum Einschlafen aufschreibt.

Dennoch waren die Säle bei deinen Lesungen meistens überfüllt.
Zaimoğlu: Ja, und es kamen der Oberstudienrat und der Richter genau so wie der Originalgangster und Drogendealer. Erste schüttelten den Kopf über die obszönen Momente und ich galt durch die Lesungen, zu denen eben nicht nur die üblichen Leute kamen, schnell als der Bad Boy der deutschen Literatur. Bald war ich der Prügelknabe in den Talkshows, der Albtraum aller Schwiegermütter. Ein Typ mit langen Haaren und im Anzug, der nicht wie der klassische Neuköllner Ethnostrizzi sprach, sondern der gerne auch auf hochdeutsch streiten mochte. Vor allem ging es damals darum, dass jene, die über das Ethno-Thema und die Literatur sprechen konnten, ohne dass man ihnen widersprach, sich die Deutungshoheit nicht nehmen lassen wollten von einem dahergelaufenen Türkenjungen.

Obwohl du also gar nicht der schreibende Arm der „Kanak“-Bewegung sein wolltest, wurdest du von der gebildeten, höheren Klasse aufgrund deiner türkischen Herkunft angegriffen?
Zaimoğlu: Genau und das ist kein Widerspruch. Denn das Stichwort ist tatsächlich „höhere Klasse“. Man sprach über die Ethnien und im Grunde genommen ging es um oben und unten, um eine Hierarchie. Ich habe nirgendwo sonst in der deutschen Gesellschaft so viel Hierarchie gesehen wie im Literaturbetrieb. Es konnte nicht sein, dass so ein dahergelaufener Unterschichtler „mit uns, die wir gebildet sind, über die deutsche Romantik reden will“. Ich sagte, ich fühle mich in der Tradition der deutschen Romantik. Und diese Mandarine des Literaturbetriebs sagten sich: „Was erfrecht der sich, der Unterschichtler?“

Und wie ist das heute?
Zaimoğlu: Daran hat sich nichts geändert. Viele glauben, deutsche Literatur sei bürgerliche Literatur und die Tradition der nichtbürgerlichen deutschen Literatur ist in Vergessenheit geraten. Aber ich habe große Lust darauf – ich liebe deutsche Schwänke, ich liebe Simplicissimus und zapfe deswegen auch die alten deutschen Sprachquellen an. Und ich bin auch einer, der gerne austeilt, der eben nicht in diesen Narkoseworten der gebildeten Stände sprechen möchte. Ich möchte nicht Goethe imitieren oder Kafka zitieren, nur damit ich besser da stehe. Das wäre ja clownesk.

Kennst du eigentlich Clemens Meyer? Dem wird ja in ähnlicher Weise wie dir auch oft der Vorwurf gemacht, ein bloßer Milieuschriftsteller zu sein.
Zaimoğlu: Natürlich kenne ich den. Clemens Meyer und ich sind beide verrückte Hunde. Unser Gebell verschrickt [sic] natürlich Berlin-Mitte-Ärztetöchterlein, aber darauf sei geschissen. Wieso wirft man diesen Institutsabsolventinnen nicht Milieuliteratur vor, die ja die immer gleiche Geschichte nur in anderen Worten aufschreiben? Dass sie ihre Geschichten nur im bürgerlichen, ja oft genug im kleinbürgerlich-miefigen Milieu ansiedeln? Bloß weil es junge Leute sind, bedeutet das ja nicht, dass die cool sind. Also was interessiert mich der Alltag eines Berliner Hipsters mit einer Haarknolle auf der Rübe? Langweilig.

Worum geht es denn konkret in deinen Büchern?
Zaimoğlu: Ich kann auf zwei Motive hinweisen. Das eine ist die Selbstverschwendung. Ich liebe es, von mir fortgerissen zu werden. Ich scheiße auf mich. Ich finde nichts langweiliger als Selbsterhaltung, die find ich zum Kotzen. Und als Schreiber reicht es mir nicht, auf die Romanfigur zu schauen. In der Vorbereitung auf ein neues Buch verwandle ich mich in einem bis anderthalb Jahren, ich muss mit dieser Figur verschmelzen. Ich meine damit eine Durchlässigkeit, dass man nicht in der Stube hockt und glaubt, die Worte fallen einen an. Mit Stubenlyrik und Stubenprosa hab ich nichts zu schaffen. Und es hat was damit zu tun, dass man sich nicht für eine souveräne Person ansieht – ich nehme mich nicht für wichtig. Ich setze meine banale Existenz nicht für absolut – auf dem Papier, meine ich. Sondern das Leben der anderen ist viel spannender. Ich liebe die Anverwandlung, es ist mehr als Rollenprosa.
Das zweite Motiv ist: In der deutschsprachigen Literatur sind Unterschichtler oder Angehörige sogenannter niederer Klassen, die Nichtbürgerlichen höchstens Stichwortgeber. Sie sind Taxifahrer, Putzfrauen, Personal des Alltags. Sie sind Randfiguren, Assistenzfiguren – wie man sie in der Malerei kennt. Ich mache Nichtbürgerliche oder vom Bürgertum Abgefallene zu den Helden oder Heldinnen meiner Romane. Auch das hat sich vom ersten bis zum aktuellen Buch so durchgezogen und wird auch so weitergehen.

Lesen in der Stadtschreiberwohnung – Eine Bildergalerie mit Feriduns Lesetipps

Eigenartig an dir ist ja auch, dass du gänzlich offline lebst. So genannte Digital Natives können sich ein solches Leben heute ja gar nicht mehr vorstellen. Warum hast du dich dafür entschieden? Ist das eine Verweigerung?
Zaimoğlu: Es steckt kein Fundamentalismus dahinter. Ich bin ein Schreiber. Und bislang hat es geklappt, dass die Redakteure mir gesagt haben: Hauptsache, es kommt ein tauglicher Text. Es gab auch Momente der Irritation nach dem Motto: „Was, Fax? Wir müssen die Nummer erst mal in Erfahrung bringen. Ich weiß auch gar nicht, ob wir so was noch im Haus haben.“
Bei meinen Kolumnen für„Zeit Online“ läuft das so: Ich rufe da an und sage: „Ich schicke jetzt das Fax“. Dann sagen die: „Ok, wir gehen jetzt zum Faxgerät.“ Dann tippen die das ab und so wird das zu einem Blogeintrag. Wir haben das gleich im Anfang abgesprochen und die sagten, das sei ja schräg, erklärten sich aber damit einverstanden.

Und was ist mit sozialen Kontakten über die digitalen Medien?
Zaimoğlu: Das ist doch bekloppt, wenn man sich die Leute anguckt. Es laufen draußen lauter Autisten herum. Die starren auf ihre Smartphones und können nicht eine Minute still sitzen. Sie verschließen sich vor den anderen durch Kopfhörer, sind in ihrer eigenen Welt. Und wenn sie über ihre Geräte Gespräche führen, stelle ich fest, dass sie nicht sprechen, weil wirklich Gesprächsbedarf besteht, sondern man tut es, weil man es kann und weil man nicht still sitzen kann.
Man klopft übers Smartphone bei dem anderen an, so hat man nicht die Gefahr aufzulaufen wie im echten Leben. Also sein Glück zu versuchen, aufzustehen, zu einer Frau zu gehen und sie zu fragen, ob man sie zu einem Getränk ihrer Wahl einladen kann. Dabei besteht eben die Gefahr, blamiert zu werden, wenn sie „Nein, danke“ sagt.
Diese Scheinsicherheit, die man über die digitalen Medien glaubt zu gewinnen geht einher mit dem Verlust menschlicher Instinkte. Es wird alles so heruntergedämmt, es ist alles so ein Partyklamauk, man spricht nicht mehr wirklich originell. Ich habe das Gefühl, dass hier Mutanten einander begegnen, die immer das gleiche machen.

Und was machst du?
Zaimoğlu: Darauf habe ich jedenfalls keine Lust. Ich habe Lust auf das Wilde, auf das Unwägbare, auf Überraschungen. Und darauf, verträumt aus dem Fenster zu schauen. Ich hab das Gefühl, dass die Geräte die Dominanten sind, denen sich die Menschen unterwerfen. Damit erfüllt sich meiner Meinung nach nicht die große Utopie, die die Apostel des digitalen Zeitalters uns erzählen wollen.

Was erfüllt sich deiner Meinung nach dann damit?
Zaimoğlu: Dieses Dauergequatsche ohne Sinn und Verstand, diese Scheinabenteuer führen nur zu einer Verspießung. Deshalb bin ich auch auf die verspießten Schreiberinnen und Schreiber so sauer, weil sie die aufregenden Sachen, die man in diesem Land auch erleben kann, ausblenden.
Letztlich ist das ganze Versprechen der Digitalisierung eine Lüge. Die Lüge der Machbarkeit. Dass man durch ein Gerät ein anderer Mensch werden kann. Das ist genau so ideologisch verbrämt wie damals, als man mir als Arbeiterkind weismachen wollte: Du schaffst es, alle haben die gleichen Rechte. Toll, aber für das Gymnasium wurde dann kein einziges Arbeiterkind empfohlen. So habe ich wie viele andere schon früh am eigenen Leib erfahren müssen, dass in das System hier Ungerechtigkeit eingeschrieben ist.
Es gibt ein System, es gibt ein Oben und Unten. Und dieses Oben und Unten wird aufrecht erhalten, indem man die Massen einschläfert. Narkose im großen Stil. Wie auch im Literaturbetrieb. Wie gesagt handelt es sich in der deutschsprachigen Literatur größtenteils um bürgerlich verfasste Literatur. Und Millionen und Abermillionen von Nichtbürgerlichen werden wie selbstverständlich ausgeblendet. Da habe ich einfach keinen Bock drauf.

1 Anspielung auf Hans Magnus Enzensbergers Roman selben Titels über den spanischen Anarchisten und Revolutionär Buenaventura Durruti

(Fotos: Jenny Stern)

[starbox id=89]

[starbox id=96]