Der Mainzer Kabarettist Tobias Mann hat unter dem Titel «Verrückt in die Zukunft» ein verantwortungsvolles Bühnenprogramm geschaffen. Im Interview beschreibt er seine Zukunftsideale und blickt auch auf die Zukunftsfähigkeit seiner Heimat und der Satire.

Was ist Zukunft für dich genau? 

Die Dinge, die wir in der Gegenwart tun, bedingen die Zukunft. Was heute passiert, treibt die Zukunft in eine bestimmte Richtung.  Wenn man versucht, etwas für die Zukunft zu tun, muss man das heute machen. Also jetzt. In der Sekunde. Das wird vielerorts nicht gemacht. In der Politik wird oft behauptet: Wir gestalten die Zukunft. Das ist nicht möglich. Man kann nur die Gegenwart gestalten und hoffen, dass das positiv in die Zukunft abstrahlt.

War das auch der Hintergedanke bei deinem Programm «Verrückt in die Zukunft»?

Richtig. Es ist mein politischstes Programm gewesen. Nicht aus Kalkül, es ist einfach so passiert. Diskussionen im Alltag sind politischer und die Themen schwieriger. Gerade im Kabarett sind diese Schwarz-Weiß-Zeichnungen – hier die Guten, da die Bösen – auch nicht mehr so einfach. Man muss differenzierter rangehen. Alte Feindbilder funktionieren nur noch bedingt. Das waren alles Aspekte der Zukunft, mit denen ich mich in dem Programm auseinandergesetzt habe, ohne dass es in so einen Science-Fiction-Modus gegangen wäre.

Wie kam es denn zu dem Titel des Programms?

Das „verrückt“ hat ja zweierlei Bedeutungen. Es gibt einmal diese negative Bedeutung, nach dem Motto: Das ist ja völlig bekloppt! Dann gibt es aber auch diese positive Verrücktheit, die uns abhandengekommen ist. Dieses Visionäre. Ich rede auch im Programm darüber, dass leider alle Ideen, die sich erstmal verrückt anhören, direkt zerredet werden. Entweder spuckt man in die Hände und fragt sich: Wie packen wir das an? Oder man sagt: Nein, wir wollen das Früher zurück. Wir wollen uns abgrenzen und wieder für uns sein. Das ist für meine Begriffe der Highway to hell. Ich würde mir mehr humanistische Ideen mit einer Vision wünschen.

„Die Kuh ist noch nicht vom Eis.“

An der Uni Mainz hast du Wirtschaftswissenschaften studiert. Wie siehst du denn mit diesem Hintergrund die Zukunft von Deutschland und Europa?

Das Problem ist, dass wir zu viele Menschen haben, die zu wissen glauben, wie es wird. Man muss sich eingestehen, dass man die Konsequenz von bestimmten Dingen vorher nicht hundertprozentig berechnen kann. Jeder, der sagt, er hätte das Wissen über die Zukunft, lügt für meine Begriffe. Fest steht: Die wirtschaftlichen Probleme, die vor ein paar Jahren schon da waren, sind immer noch da. Es redet nur keiner mehr über Griechenland und die anderen Länder in Europa. Die Kuh ist noch nicht vom Eis.

Kommen wir von Europa zurück nach Mainz. Gibt es Dinge, die du als gebürtiger Mainzer auf jeden Fall verändert haben willst?

Veränderungen fallen dem Menschen in der Regel schwer. Vor allem in einer Stadt, die so viele Traditionen hat. Nehmen wir mal die Fastnacht, die ich ja auch gut kenne. Die ist natürlich wunderbar, gehört einfach zur Stadt und soll auf jeden Fall weiter stattfinden. Aber da sieht man eben auch Vereine, die mit der Zeit gegangen sind. Die haben sich einerseits nicht von Traditionen verabschiedet und es andererseits aber auch geschafft, einen Anschluss an die Zukunft zu finden. Bei denen läuft es. Bei anderen, die sich der Entwicklung versperrt und gesagt haben „So war es schon immer, so machen wir es auch weiterhin“, die haben halt Probleme.

„Man muss offen bleiben in der Birne.“

Und was macht man dann daraus?

Gerade wenn es um Traditionen geht, muss man immer aufpassen. Bestimmte Dinge, die als Konstrukt existieren, muss man in der Gegenwart so verändern, dass sie zukunftssicher sind. Beim Versuch, Traditionen zu wahren, muss man immer den sich verändernden, äußeren Umständen Rechnung tragen. Das ist an vielen Stellen in Mainz so. Auch bei der Architektur, wenn man sich fragt, wo was hinpasst. Da muss man offen bleiben in der Birne.

Eine Initiative gegen den Fluglärm in Mainz und Umgebung heißt ja «Zukunft Rhein-Main». Was sagst du dazu?

Ganz kniffliges Ding. Da muss natürlich eine Interessenabwägung stattfinden. Zum einen ist der Flughafen als großer Arbeitgeber wichtig für die Region. Auf der anderen Seite ist er aber auch eine große Belastung. Ich kann es schon verstehen, wenn Leute beklagen, dass ihre Lebensqualität eingeschränkt ist und sich wehren. Ich kenne beide Seiten. Meine Frau arbeitet für eine große deutsche Fluglinie. Es muss da einfach Kompromisse geben, die  nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der menschlichen Situation Rechnung tragen.

Du hast schon angesprochen, dass es kein Schwarz und Weiß mehr in der kabarettistischen Darstellung geben würde. Wohin müssen sich denn deiner Ansicht nach Kabarett und Satire in Zukunft hin entwickeln?

Die Causa Böhmermann wurde ja vielerorts nicht ganz zu unrecht benutzt, um darauf hinzuweisen, dass man heute nicht mehr alles sagen könne. Aber das ist ja erstmal ein Einzelfall gewesen. Ich habe keine Ängste bei der Satire, die ich mache. Wo sich die Satire aber verändern muss, ist, dass man nicht mehr in alte Klischees verfällt. Hier gut, da böse. Hier oben, da unten.

Sondern?

Als Kabarettist sollte man differenzierter rangehen. Es wird dadurch natürlich nicht leichter, komisch zu sein. Das merke ich auch immer wieder. Die Klischee-Keule lässt sich natürlich leichter schwingen. Es gibt im Prinzip keine Tabus, nichts worüber man auf der Bühne nicht sprechen könnte. Man muss sich nur überlegen, warum man eine Pointe macht und ob sie in die richtige Richtung geht. Die große Gefahr in der heutigen Medienlandschaft ist, dass immer mehr verdichtet wird und dass der Kontext nicht mehr gesehen wird. Auch dafür war der Fall Böhmermann ein Beispiel.

„Die Kabarettszene ist bunt und frisch.“

Wird das Publikum die Satire der Zukunft mitbestimmen?

Die Satire-Szene ist ja sehr viel bunter und vielfältiger als die sichtbarsten Teile, die im Fernsehen stattfinden. Wenn man lediglich das Kabarett in den Massenmedien wahrnimmt, ignoriert man die unzähligen Künstler, die live unterwegs sind und ihre Programme spielen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Masse auf das Klarere verständigt, aber dass es eben auch ein Publikum gibt, welches das Differenziertere oder auch Ambivalentere mag. Dieses Publikum ist kleiner, aber durchaus vorhanden. Insofern: Die Kabarettszene ist bunt und frisch.

Wo verortest du dich denn in Zukunft? Weiter Satire, wieder mehr Musik oder mal als Schriftsteller?

Alles drei! Es wird auf jeden Fall wieder ein Buch geben und Lieder werde ich auch weiterhin schreiben. Ich überlege mir bei einem Thema ja immer, ob ich dazu ein Text oder ein Lied mache. Ich will auch bald mal einen Liederabend mit Band machen. Ich bin ja sonst das ganze Jahr über nur als einsamer Wolf unterwegs, mache aber unglaublich gerne Musik mit anderen.

Und wie sieht es mit dem Fernsehen aus?

Auch im TV-Bereich ist die Zukunft gesichert (lacht). Wir dürfen mit «Mann, Sieber!» eine zweite Staffel im ZDF machen.