Christian Heidel zieht nach 24 Jahren Mainz 05 jetzt auf Schalke die Fäden, die Arena in Bretzenheim hat einen neuen Namen verpasst bekommen – und der Vorstand plant eine großangelegte Strukturreform. Mainz 05 steht vor dem größten Umbruch seit langem und da wartet ja noch das Abenteuer Euro-League.

Opel Arena – der neue Name des Mainzer Stadions ist ein Segen, zumindest für die Stadionguides des Vereins: „Das macht unseren Job tatsächlich einfacher“, sagt Sophie Büchner, die seit über drei Jahren Gruppen durch die Katakomben und Logenebenen führt. Der bisher notwendige „Sprachkurs“ falle jetzt nämlich weg. Bislang war es für sie und ihre Kollegen in trauter Regelmäßigkeit eine der ersten Amtshandlungen, den Teilnehmern der Führung die Vorstellung zu nehmen, Coface spreche man Englisch aus.

Denn der erste Namensgeber der mittlerweile fünf Jahre alten Arena war eine französische Kreditversicherung und Coface obendrein nur eine Abkürzung. Ausgeschrieben hätte das Stadion „Compagnie Française d’Assurance pour le Commerce Extérieur“-Arena geheißen. Ziemlich viele Buchstaben für die Fassade – und die Vorstellung ein garantierter Lacher zu Beginn jeder Stadiontour.

Der ist jetzt Geschichte. Die Guides werden es verkraften, der Verein sowieso. Denn der Vertrag mit Opel (bis 2021) macht sich auch finanziell sehr gut. Während Coface rund 1,5 Millionen Euro für die „naming rights“ zahlte, ist Opel das eigene Logo an der Arena dem Vernehmen nach um die zwei Millionen wert. Für den Verein ist das eminent wichtig. Schließlich spielt man nach wie vor zur Miete, da Mainz 05 die rund 70 Millionen Euro teure Arena nicht mal eben aus der berüchtigten Porto-Kasse zahlen konnte.

Neue Baustellen warten an anderer Stelle

Also fließen alljährlich 3,3 Millionen Euro an die Stadt, mit dem Opel-Geld ist mehr als die halbe Miete damit eingefahren – und bald soll das Stadion ohnehin komplett dem Verein gehören: Bis auf 23 Millionen Euro ist es Stand jetzt bereits abbezahlt.

Der prominent platzierte Schriftzug ist freilich die einzige Änderung am Stadion. Gedankenspiele, die offenen Ecken zu schließen und damit etwa 1500 zusätzliche Plätze zu gewinnen, gibt es trotz Euro-League-Gruppenphase nicht. Es bleibt bei 34.000 Plätzen. Bislang war der europäische Wettbewerb auch kein gutes Pflaster für Mainz 05.

Opel Arena

Auch die Haupttribüne trägt jetzt Opel. /Foto: Max Kranl

Baustellen hat der Verein ohnehin genügend: Allen voran die geplante Änderung der Vereinsstruktur. Mainz 05 soll zumindest mittelfristig ein eingetragener Verein bleiben, allerdings mit hauptamtlichem Vorstand samt Aufsichtsrat. Ersterer war bislang ehrenamtlich tätig, einen letzteren, zur Kontrolle des Vorstands, gab es schlicht nicht.

Was wird aus Harald Strutz?

Anfang des Jahres hat diese Konstellation für einigen Ärger in der sonst so heilen Mainz 05-Welt gesorgt. Im Mittelpunkt: Harald Strutz, Rechtsanwalt, seit 1988 Präsident, nicht gerade unbescheiden und über die Jahre mit Christan Heidel eins der Aushängeschilder des Vereins.

Während Heidel seit September 2005 angestellter Manager war, hatte Strutz offiziell nie eine operative Funktion im Verein inne. Der 65-Jähige war und ist bis heute ehrenamtlicher Präsident. Seine Bezüge von 9000 Euro Aufwandsentschädigung und 14.000 Euro für „permanente juristische Beratung“, wie der Verein Anfang des Jahres offenlegte, kamen da nicht gerade gut an in der Öffentlichkeit.

Bis Ende des Jahres, heißt es aus dem Verein, soll nun die neue Satzung stehen. Ob er als hauptamtlicher Vorstand kandidieren will, lässt Strutz offen. Personelle Fragen würden diskutiert, wenn die vereinsrechtliche Situation geklärt sei. Am 4. September findet zunächst noch eine zweite Info-Veranstaltung statt, wo die Vereinsführung das Stimmungsbild der Basis abtasten will. Für die Satzungsänderung und auch eine etwaige Ausgliederung der Fußballabteilung stünde ohnehin eine Mitgliederversammlung an.

Die größte Herausforderung überhaupt

Dass ihn die Vorstellung, diesen Verein mit stattlichen 100 Millionen Euro Umsatz zu führen, nicht abschreckt, machte Strutz im Interview der AZ allerdings bereits deutlich. Wenngleich es laut dem 65-Jährigen „nicht der richtige Zeitpunkt“ ist, darüber zu sprechen, glaubt kaum jemand im Vereinsumfeld wirklich, dass Strutz das Ruder ausgerechnet an einem derart wichtigen Punkt in der Entwicklung des Vereins freiwillig aus der Hand geben wird.

Christian Heidel hat genau das bereits getan – nach 24 Jahren im Verein. Bei Schalke 04 nennt sich seine neue nun Stellenbezeichnung „Sportvorstand“ – bei Mainz 05 war der ausgefuchste Manager bis zuletzt Mädchen für alles. Selbst einfache Neueinstellungen in der Verwaltung gingen bisweilen über seinen Schreibtisch. Dieses Vakuum auszufüllen, ist die größte Herausforderung überhaupt für den Verein.

Der neue Chef fürs Sportliche: Rouven Schröder

Der neue Chef fürs Sportliche: Rouven Schröder/ Foto: dpa

Rouven Schröder wird zwar gerne als Heidel-Ersatz betitelt, doch hütet sich der 40-jährige Sauerländer, diesen Vergleich zuzulassen. Zurecht, denn Schröder wurde als klassischer Sportdirektor geholt. Als großer Vereinsorganisator und erster Mitgliederwerber wird er kaum auftreten. Hier dürfte es besonders auf die beiden Geschäftsführer Christopher Blümlein (Finanzen/Controlling) und Dag Heydecker (Vertrieb/Marketing) ankommen.

Von der 4.Liga zum Heidel-Nachfolger

Mit dem Sportlichen hat der gelernte Industriekaufmann ohnehin genug zu tun. Der große Fußballer war er selbst allerdings nie. Acht Bundesliga- und 48 Zweitligaspiele für Bochum und Duisburg hat Schröder vorzuweisen. Das Gros seiner aktiven Zeit verbrachte er in der viertklassigen Regionalliga. Neben dem Platz ging es dagegen schnell die Karriereleiter hoch.

Angefangen als Videoanalyst  beim 1. FC Nürnberg, wechselte er alsbald „innerstädtisch“ die Seiten und heuerte bei Greuther Fürth an. In kürzester Zeit brachte er es zum sportlichen Leiter – bis es ihn zu seinem vorläufigen Karrierehöhepunkt nach Bremen zog. Unter mittlerweile Ex-Manager Thomas Eichin fungierte er als „Direktor Profi-Fußball und Scouting“.

Neuer Schick für die Euro-League: Die 05er-Trikotauswahl

Neuer Schick für die Euro-League: Die 05er-Trikotauswahl /Foto: Max Kranl

Bei Mainz 05 ist er jetzt das erste Mal Chef – und geht die Aufgabe ganz pragmatisch an: „Wunschkonzerte sind im Fußball nicht angebracht“, gab er bei der AZ, angesprochen auf seinen Traum-Transfer, zu Protokoll. Auch seine Familie zieht nicht an den Rhein, sondern bleibt in Lübeck, doch das sei man aus Fürth gewohnt. Außerdem: „Das Leben spielt sich halt nicht immer vor der Haustür ab, wenn man diesen Beruf ausübt.“

Vom Trainingsmuffel zum Liverpool-Star

Zum Einstieg sind mit Julian Baumgartlinger und Loris Karius gleich zwei absolute Stützen der Mannschaft gegangen. Baumgartlinger hatte den Laden im Mittelfeld zusammengehalten und war zuletzt sogar Kapitän, während Karius sich innerhalb von drei Jahren vom passionierten Trainingsmuffel zum hochkarätigen Bundesliga-Torwart mauserte. Dem 23-Jährigen dürfte auch die Marketing-Abteilung nachtrauern: Mit dem Blondschopf geht der unangefochtene Instagram-König und Teilzeit-Justin-Bieber-lookalike nach Liverpool – ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Sportlichen Ersatz hat Schröder derweil in Person von Jonas Lössl gefunden. Der 27-jährige Däne dürfte als Nummer eins in die Saison gehen, wenngleich ihm dasselbe Manko anhaftet wie anderen Neuzugängen: Er kommt wie auch Neu-Außenverteidiger Gbamin aus der französischen ersten Liga.

Der Qualitätsunterschied zur Bundesliga ist beträchtlich. Gut möglich, dass beide einige Zeit brauchen werden, um sich zu akklimatisieren. Für Ex-Braunschweiger Gerrit Holtmann gilt das ohnehin, mit Abstrichen auch für Jose Rodriguez, der vom türkischen Top-Klub Galatasaray Istanbul in die Domstadt gewechselt.

Wildert Thomas Tuchel bei seinem Ex-Verein?

Nun ist das nicht per se ein Grund zur Sorge: So sah die Transferpolitik grundsätzlich auch unter Christian Heidel aus. Außerdem sind mit Ausnahme von Baumgartlinger und Karius alle Leistungsträger geblieben. Sturmtank Jhon Cordoba wurde für 6,5 Millionen Euro fest verpflichtet – und ob Yunus Malli noch geht, ist längst nicht mehr abgemacht.

Martin Schmidt (auf Zehenspitzen in der Mitte) und seine Neuzugänge: Besahr Halimi, Gerrit Holtmann, Jonas Lössl und Jose Rodriguez (von links nach rechts)

Trainer Martin Schmidt (auf Zehenspitzen in der Mitte) und seine Neuzugänge: Besar Halimi, Gerrit Holtmann, Jonas Lössl und Jose Rodriguez (von links nach rechts)

Mit Blick auf den schweigsamen Edeltechniker dürfte man das türkische EM-Debakel in Mainz mit einer gewissen Genugtuung beobachtet haben. Ein Top-Turnier und die Nummer zehn wäre kaum zu halten gewesen. So ist die Situation eine andere, zumal auch Ex-05er und Malli-Förderer Thomas Tuchel momentan andere Transferideen hat, als seinen alten Schützling nach Dortmund zu lotsen. Für den Fall der Fälle stünden mit Besar Halimi (21) und Phillip Klement (23) außerdem gleich zwei potentielle Nachfolger in den Startlöchern.

Die bisherige Transferbilanz von Schröder spricht allerdings Bände, auch wenn, ganz 05-typisch keine gestandenen Stars verpflichtet wurden: 21,5 Millionen hat der Neu-Manager bislang ausgegeben. Mainzer Rekord und die Vorbereitung auf die neue Saison hat gerade erst begonnen. Eine Hausnummer – und ein Zeichen nach außen wie nach innen:

Die Weichen sind gestellt

Das klassisch-bescheidene Ziel Klassenerhalt muss ausgedient haben! Auch wenn die Konkurrenz an überlegener Finanzkraft eher zugelegt hat – Mainz 05 ist mittlerweile ein etablierter Bundesligaverein.

Bald rollt hier wieder der Ball: In der Bundesliga vor 34 000, europäisch vor 26 600 Zuschauern / Foto: Max Kranl

Bald rollt hier wieder der Ball: In der Bundesliga vor 34.000, europäisch vor 26.600 Zuschauern / Foto: Max Kranl

Wer sich immer nur klein redet, braucht nicht überrascht tun, wenn Leistungsträger alljährlich das Weite suchen. Schröder scheint das erkannt zu haben. Strutz und seine Vorstandskameraden offenbar ebenfalls. Die geplante Strukturänderung ist ein dringend benötigter Schritt hin zu mehr Professionalität und jetzt, wo der Mann für alle Brände auf Schalke die Fäden zieht, nötiger denn je. An der Stadionfassade langfristig auf einen großen Namen setzen zu können, bringt ebenfalls Ruhe in die Reihen.

Die Weichen für eine rosige Mainzer Zukunft sind also an allen Fronten gestellt. Jetzt müssen nur noch Martin Schmidt und seine Mannen den unsäglichen Euro-Cup-Fluch austreiben. Dann machen auch Stadionführungen gleich noch mehr Spaß.