Ohne Nachwuchs keine Zukunft: Weil die nächste Generation lieber vorm Computer sitzt – oder aber gar nicht erst geboren wurde – kämpfen viele Sportvereine ums Überleben. Betroffen sind Schützenclubs, Karnevalsgesellschaften – und sogar Deutschlands Volkssport Nummer 1, der Fußball. Erstes Symptom dafür sind Spielgemeinschaften, also Vernunftehen zwischen Vereinen, die selbst nicht mehr genug Nachwuchskicker für eigene Jugendteams haben und sich kurzerhand zusammentun. Doch sind nicht alle Vereine gleich stark betroffen. Eine Spurensuche in und um Mainz.

Von Fabian Siegel

Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung in der kleinen Mainzer Fußballwelt. Mit dem FSV Mainz 05 spielt ein Bundesligist Woche für Woche auf der nationalen Bühne um Punkte; Teams aus der zweiten und dritten Startreihe wie der SV Gonsenheim oder der TSV Schott haben sich längst weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Doch dahinter sieht es nicht immer ganz so rosig aus.

Einen kompletten Jugendspielbetrieb haben nur noch wenige Vereine

In der Saison 2012/13 nahmen im Großraum Mainz insgesamt 54 Mannschaften in mindestens einer der offiziellen Spielklassen des Deutschen Fußballbundes (DFB) oder dessen Landesverbands, dem Südwestdeutschen Fußballverband, am Spielbetrieb teil. Davon kamen 29 aus dem Mainzer Stadtgebiet und 25 aus Gemeinden im Mainzer „Speckgürtel“. Zwölf davon haben keinen eigenen Jugendspielbetrieb – teils aus Gründen der Philosophie, teils aber auch, weil einfach kein geeigneter Nachwuchs mehr da ist.

Doch auch dort, wo noch mehrmals die Woche Jugendtrainer versuchen, dem Nachwuchs das Fußball spielen beizubringen, heißt das nicht automatisch, dass genug junge Kicker für eine ganze Mannschaft zur Verfügung stehen. Einen kompletten Betrieb mit spielfähigen Jugendmannschaften von der G- bis zur A-Jugend haben nur noch zehn der insgesamt 42 Vereine mit Jugendfußballabteilungen. Die anderen versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen und schicken ihre Spieler beispielsweise nach der C-Jugend zu anderen Vereinen – wenn sich bei ihnen zeigt, dass der Fußball ein ernsthaftes Hobby oder sogar mehr werden kann. Oder aber sie gründen Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen.

Die Dorfvereine kämpfen ums Überleben, die Stadtvereine platzen aus allen Nähten

Doch von den Nachwuchssorgen sind längst nicht alle gleichermaßen betroffen. Unsere Karte zeigt: Unter den Auswirkungen des demografischen Wandels leiden bislang fast ausschließlich die Vereine auf dem Land. Außerhalb der Mainzer Stadtgrenzen findet sich fast kein Verein mehr, der noch eine eigene Jugendmannschaft zusammenbekommt. Stattdessen entstehen Konstrukte mit wenig klangvollen Namen wie „SG Jugenheim/Partenheim/Saulheim“ oder „SG Gau-Bischofsheim/Mommenheim/Harxheim“. Solche Zusammenschlüsse sind symptomatisch für das Vereinssterben, in der Stadt aber noch die Ausnahme: Die Spielgemeinschaft „SG Lerchenberg/Drais“ ist bislang die einzige im Stadtgebiet.

Auch wenn hier nicht alle Vereine den Luxus von Topclubs (wie etwa dem SV Gonsenheim) genießen, Jugendspieler wegschicken zu müssen, weil die Mannschaften voll sind: Noch kommen sie, auch trotz des demografischen Wandels, ganz gut über die Runden. Denn die Stadt bietet Standortvorteile: kürzere Wege, bessere Plätze, mehr Geld in den Vereinskassen. Und dadurch auch oftmals die Chance, höherklassig zu spielen – ob man nun das Talent dazu hat oder nicht. Die Dorfvereine bieten dagegen oft nur Ascheplatz und Freizeittrainer – sodass es in absehbarer Zeit wohl immer mehr Spielgemeinschaften geben wird.

Unsere interaktive Karte zeigt die Entwicklung im Mainzer Jugendfußball – und Fallbeispiele von Vereinen mit und ohne Spielgemeinschaft. Direkt zu den Videos geht es hier: