Schlafforscherin Inka Tuin von der Uniklinik Mainz über den Sinn des Schlafens, die innere Uhr des Menschen und Maßnahmen für gesunden Schlaf.

Frau Tuin, etwa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend im Bett. Klingt irgendwie nach Zeitverschwendung. Warum müssen wir überhaupt schlafen?

Tuin: Damit beschäftigen sich die Menschen schon, seit sie denken können. Wir wissen: Schlaf ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Er hat eine regenerative Funktion. Aber es gibt bis heute keine allumfassende Erklärung dafür, was Schlaf ist und warum wir schlafen. Der Schlafforscher Eugen Aserinsky hat mal gesagt: Wenn Sie mir sagen, warum wir wach sind, sage ich Ihnen, warum sie schlafen.

Regeneration im Schlaf – wie funktioniert das?

Tuin: Zum einen körperlich, zum anderen seelisch. Im Schlaf verarbeiten wir Dinge, die wir erlebt haben am Tag. Etwa, wenn uns ein Problem im Alltag beschäftigt. Manchmal wachen wir am Morgen auf und haben die Lösung dafür gefunden. Oder blicken mit viel mehr Distanz darauf und finden es nicht mehr so bedrohlich.

Von Angela Merkel erzählt man sich, sie brauche nur vier Stunden Schlaf. Albert Einstein soll hingegen zwölf Stunden pro Nacht geschlafen haben. Wie viel Schlaf braucht ein erwachsener Mensch?

Tuin: Das ist sehr unterschiedlich. Jeder Mensch hat ein anderes Schlafbedürfnis. Kurzschläfer kommen mit vier Stunden wunderbar aus und dann gibt es Menschen, die mindestens zehn Stunden brauchen. Die meisten Menschen in Deutschland brauchen aber sieben bis acht Stunden Schlaf.

Vier Stunden Schlaf sind – entsprechende Gene vorrausgesetzt – also völlig okay?

Tuin: Es gibt sogar Menschen, die mit zwei Stunden Schlaf auskommen. Entscheidend ist letztlich das subjektive Empfinden. Wenn jemand nach zwei Stunden Schlaf sagt, ich fühle mich fit und ausgeruht, dann ist das der Maßstab und nicht der statistische Normalwert.

Für uns Normalschlafende: Wenn die Feier in der Woche doch länger ging als gedacht, lässt sich der Schlaf am nächsten Tag nachholen?

Tuin: Nicht wirklich. Nach einer durchfeierten Nacht schläft man vielleicht einen Tick länger, das ist alles. Es lässt sich aber feststellen, dass der Schlaf in darauffolgenden Nächte tiefer ist, um die körperliche Regeneration zu fördern.

Vorschlafen ist also auch keine Lösung?

Tuin: Nein. Es gibt kein Schlafkonto, das man ausgleichen kann. Zwei Wochen viel schlafen und dann eine Woche schlecht, oder umgekehrt – das hat keinen Effekt.

Wann wird Schlafmangel problematisch?

Tuin: Das wird er erst dann, wenn es chronisch wird. Wer ein oder zwei Nächte zu wenig schläft, hat kein Problem. Längere Zeit unter vier Stunden zu bleiben führt aber zu gesundheitlichen Problemen. Die entstehen auch, wenn man über längere Zeit zu viel schläft. Oberhalb von zehn Stunden. Die richtige Menge macht es.

Man kann auch zu viel schlafen?

Tuin: Ja. Es gibt Menschen, die sich nach dem Aufwachen richtig gerädert fühlen. Und das kann daran liegen, dass sie zu viel geschlafen hat. Schon Platon und Hypokratis haben gesagt, dass es darauf ankommt, das richtige Maß zu finden. Das gilt auch heute noch.

Ärzte, Zeitungsausträger, Fabrikarbeiter – viele Menschen müssen in der Nacht arbeiten. Hat das Auswirkungen auf den Körper, wenn wir nicht im „normalen“ Tag-Nacht-Rhythmus schlafen?

Tuin: Auch da reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Abendtypen haben zum Beispiel ihr Leistungshoch erst ab 23 Uhr. Die können Nachtarbeit besser tolerieren als Morgentypen, die morgens kurz nach dem Ausschlafen besonders fit sind. Schwierig kann es bei langjähriger Schichtarbeit sein. Diese Menschen leiden oft unter Schlafstörungen und Magen-Darm-Beschwerden. Sie haben auch ein erhöhtes Risiko für Infekte und Herz-Kreislauf-Rrkrankungen. Man spricht hier vom sogenannten Schichtarbeitersyndrom.

Und wenn es keine Alternative zur Schichtarbeit gibt: Was können Betroffene tun, um sich gegen Erkrankungen zu schützen?

Tuin: Konsequent darauf achten, genug Schlaf zu kriegen. Bei mehreren Schichten ist auch deren Abfolge wichtig. Die Richtung sollte immer vorwärts sein. Also erst Frühdienst, danach Spätschicht, danach Nachtschicht.

Ist es möglich, den Tag-Nacht-Rythmus komplett umzustellen?

Tuin: Es soll Menschen geben, die ihren Rhythmus komplett umgestellt haben. Aber das sind ganz große Ausnahmen. Die innere Uhr lässt sich nicht austricksen.

Die innere Uhr – gibt es die wirklich?

Tuin: Ja, die gibt es. Das ist ein ganz kleiner Zellhaufen, der die physiologischen Prozesse im Körper koordiniert. Es gab in der Schlafforschung die sogenannten Höhlenversuche. Dort hat man geschaut, wie sich der Rhythmus verändert, wenn es kein Licht, keine Zeitgeber gibt. Der Rhythmus der Probanden blieb konstant, hat sich aber stets um eine Stunde nach hinten verschoben

Die innere Uhr des Menschen ist also eigentlich auf einen 25-Stunden Tag programmiert?

Tuin: Das legen die Studien nahe, ja.

Zum Schluss: ein Problem, das wohl jeder von uns kennt. Man liegt wach im Bett, wälzt sich hin und her und kann einfach nicht einschlafen. Was rät die Schlafforscherin?

Tuin: Zunächst eine gute Vorbereitung zu treffen. Das heißt zum Beispiel, nicht bis zur letzten Minute arbeiten. Zwei Stunden vor dem Schlafen gehen sollte man zur Ruhe kommen. Durch einen Spaziergang zum Beispiel. Auch sollte das Schlafzimmer keine Rumpelkammer sein. Man muss sich dort, wo man schläft, wohlfühlen.

Und wenn der Schlaf trotz aller Vorsorge ausbleibt?

Tuin: Wer wirklich nicht schlafen kann, sollte unbedingt das Bett verlassen. Sonst kann eine Konditionierung zwischen Bett und Schlaflosigkeit entstehen und sich auf andere Nächte ausweiten. In die Küche gehen, einen Tee trinken und sich immer selbst sagen: Es ist nicht schlimm, wenn man mal eine Nacht nicht schläft. Das ist ganz normal.

Foto: Florian Barz