„Ein Betrunkener ist mir schon mal in den Wagen gestiegen und wollte, dass ich ihn ein paar Kilometer herumfahre“, erzählt Arndt. Er ist seit fast zwei Jahren Zeitungszusteller in der Mainzer Altstadt. Ab 3 Uhr nachts läuft er durch das meist stille Mainz, hat einen genauen Plan im Kopf, wo er welche Zeitung wie geknickt in den Briefkasten werfen muss.

Als Zeitungsausträger arbeitet Arndt nur nebenbei, tagsüber arbeitet er in einem Büro. „Mir macht das einfach nur Spaß“, sagt der hagere Mann. Für ihn ist es auch ein kleiner Zuverdienst. Wie die meisten Zeitungszusteller wird er pro Stück bezahlt. Eine ausgetragene Zeitung bringt drei Cent. Mit schnellen Schritten stakst er über den Brand, vorbei an großen Wohnhäusern. Immer mit seinem Wagen an der Seite, der mehrere hundert Zeitungen fasst. Oder auch mal den ein oder anderen Betrunkenen. „Ich hab den Wagen einfach umgekippt, dann ist der Betrunkene schon von selbst weggegangen“, erinnert sich Arndt.

„Der Mindestlohn ist gut, doch ich verdiene heute mehr als 8,50 Euro pro Stunde.“

Zum geplanten Mindestlohn für Zeitungsausträger hat er eine zwiespältige Haltung. Laut einer Gesetzesvorlage sollen alle Zeitungsausträger ab dem 1. Januar 2017 pro Stunde 8,50 Euro verdienen. Für Arndt wäre das eigentlich ein Verlustgeschäft. In der dichtbesiedelten Innenstadt verdient er durch die Bezahlung nach Stückzahl mehr Geld: „Für viele Kollegen, die wirklich auf den Lohn angewiesen sind, ist der Mindestlohn jedoch eine tolle Sache.“ Die Sache hat aber auch einen Haken. Einige Zeitungsverlage wollen versuchen, den Mindestlohn zu umgehen. Nach Angaben des rbb-Magazins „Kontraste“ berechnet ein Computerprogramm, wie lange die Austräger für ihre Runde brauchen dürfen. Der fitte Arndt schafft das auch heute schon, seine Kollegen im Rentenalter arbeiten dann wahrscheinlich unbezahlt, wenn sie die vorher berechnete Dauer überschreiten.

Zwei bis drei Stunden ist der Zeitungsausträger von Montag bis Samstag unterwegs. Manche Briefkästen sind einfach von außen zu erreichen und schnell zu bestücken. Für die Briefkästen im Hausinneren hat Arndt einen Bund mit mehreren Schlüsseln dabei. Die Tür aufzusperren und mit dem Aufzug in ein anderes Stockwerk zu fahren, kostet weitere Zeit. Nach der Schicht geht es noch einmal ins Bett, ein bisschen schlafen, bevor es ins Büro geht. Wie lange er den körperlich strapazierenden Job noch machen möchte, weiß er noch nicht. „So lange, wie ich noch Lust habe“, sagt Arndt. Bislang ist alles glatt gegangen. Weder wurde er von Hunden gebissen, noch gab es größere Konflikte mit zwielichtigen Nachtgestalten.

Foto: Benjamin Huck